Martin Lacey in der Manege mit einem Löwen

Kunstnummer fast ohne Publikum: Martin Lacey beim öffentlichen Tiertraining Foto: Florian Bachmeier

Coronakrise legt den Zirkus still:Löwenkot statt Artistenshow

Treten Sie ein! Erleben Sie einen Tanz auf dem dünnen Seil über dem Abgrund der Krise. Ohne Netz und Sicherheitsleine. Und ohne Publikum.

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14.7.2020, 12:21 UHR

Löwenkot! Das ist überhaupt die Lösung. Martin Lacey jr. kann es allen Gartenbesitzern, die sich über ungebetenen Katzenbesuch ärgern, nur empfehlen: Einfach etwas Löwenkot verstreuen. Funktioniert garantiert, sagt er. Und wie es sich so trifft: Lacey hat jede Menge davon übrig. Schließlich gehören ihm 26 ausgewachsene Löwen.

Der Star unter den Raubtierlehrern steht an einem Imbisstisch auf dem Landsitz des Circus Krone im oberbayerischen Weßling und hält ein Gläschen mit dem Wundermittel in die Kameras. Dekoriert mit den höchsten Auszeichnungen der Zirkuswelt und verheiratet mit Jana Lacey-Krone, der Direktorin des Circus Krone, füllt er neuerdings die Hinterlassenschaften seiner Tiere in Marmeladengläser. Fünf Euro das Stück.

Natürlich ist es nur ein kleiner Gag, aber ein bezeichnender: Denn allzu viele Möglichkeiten, zu Geld zu kommen, bleiben Zirkusleuten in Tagen wie diesen tatsächlich nicht. Schließlich hat Corona, was – wie es der Zufall will – zu Deutsch ja nichts anderes als Krone heißt, die gesamte Branche lahmgelegt. Kein Publikum – kein Geld. So einfach ist die Rechnung.

Bescheidene Einnahmen in der existentiellen Krise

Zu kaufen gibt es Laceys speziellen Stoff auf dem Krone-Anwesen in Weßling, einer kleinen Gemeinde zwischen Ammer- und Starnberger See. Es ist das erste Mal, dass das Zwölf-Hektar-Gestüt, auf dem die älteren Krone-Tiere ihren Ruhestand verbringen, Besuchern offensteht. Je 30 Familien können sich nun an vier Terminen pro Wochenende über das Gelände führen lassen – inklusive einer kommentierten Raubtierprobe mit Martins Bruder Alexander Lacey, der hier gestrandet ist, nachdem sein eigenes Engagement beim Zirkus Charles Knie schon nach der Generalprobe im März ein jähes Ende fand.

Martin Lacey jr. selbst lädt derweil im Circus-Krone-Bau in München zu öffentlichen Raubtierproben. Für eine Spende von 30 bis 300 Euro können Krone-Fans für ein Jahr eine Tierpatenschaft übernehmen. Es sind bescheidene Einnahmequellen.

„Das Coronavirus droht den Zirkus, so wie wir ihn kennen, zu vernichten“, warnte schon im März die European Circus Association (ECA) in einem eindringlichen Appell an die Regierungen der EU-Staaten. Das war, fünf Tage nachdem der Circus Roncalli seine Premiere in Recklinghausen hatte absagen müssen und der actionreiche Zirkus Flic Flac in Karlsruhe die Zuschauer wieder heimschicken musste. Krone hatte da in Augsburg bereits die Tournee begonnen, während in München noch das dritte Winterprogramm lief. „Aber am 7. oder 8. März haben wir plötzlich gesehen: Der Vorverkauf bricht total ein. Irgendwas stimmt da nicht“, erzählt Martin Lacey jr. „Und dann ging es ganz, ganz schnell.“

Martin Lacey jr., Raubtierlehrer des Circus Krone

„Am 7. oder 8. März haben wir plötzlich gesehen: Der Vorverkauf bricht total ein. Irgendwas stimmt da nicht. Und dann ging es ganz, ganz schnell“

Ein paar Wochen später schlug die Circus Association noch einmal in einem Schreiben an die Bundesregierung Alarm: „Ohne staatliche Hilfe“, heißt es darin, „werden die Zirkusunternehmen nicht in der Lage sein, die jetzigen Verluste zu kompensieren und erneut auf Tournee zu gehen.“ Allein die 11 deutschen Mitgliedszirkusse verzeichneten täglich einen Einkommensverlust von 250.000 Euro, rechnete der Verband vor und forderte sofortige und nicht rückzahlbare staatliche Hilfen.

Die Branche, ohnehin seit Jahren in der Dauerkrise, wird von den Folgen der Pandemie getroffen wie kaum eine andere – allerdings unter dem Radar von Öffentlichkeit und Politik. Im Konjunkturpaket der Bundesregierung würden Zirkusse noch nicht einmal genannt, ärgert sich Helmut Grosscurth, der Präsident der Gesellschaft der Circusfreunde. „Die fallen durch alle Raster.“

München, Ecke Englschalkinger und Cosimastraße. In seinem ganzen Leben ist Anton Kaiser noch nie so lange an einem Ort geblieben. Vier Monate sind es jetzt, dass der 48-Jährige jeden Morgen durch das Fenster seines Wohnwagens immer dasselbe sieht: eine Wiese gleich neben einer Badeanstalt. Denn hier steckt er mit seinem Circus Baldoni fest.

Baldoni-Chef Anton Kaiser in seinem Wohnwagen

Zum Nichtstun verdammt: Baldoni-Chef Anton Kaiser im Werkstattwagen des Circus Foto: Dominik Baur

Kaiser sitzt auf der Eckbank im Gemeinschaftswagen, dort wo sich sonst die Zirkusleute zu den Mahlzeiten treffen. Die Zirkusleute – das sind die insgesamt zehnköpfige Familie und ein angestellter Tierpfleger.

Vor der Tür kauen Ralph, Ahmed und Zeus auf Heubüscheln herum. Seit Monaten bekommen die drei Kamelhengste wie auch die rund 60 anderen Tiere nur noch gespendetes Futter zu fressen. Im hinteren Auslauf schreit einer der mazedonischen Zwergesel, ein paar Gänse antworten ihm.

Auch Familienzirkus Baldoni ist in Not

Der Circus Baldoni Kaiser ist einer jener kleinen Familienzirkusse, von denen es rund 250 in Deutschland geben soll. Genau weiß das niemand. Anton Kaiser, im Zirkus seiner Eltern in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, landete Anfang der Neunziger in Bayern, wo er seinen eigenen Zirkus gründete.

500 Menschen passen in das Zelt, das sie längst abgebaut haben, doch vor ausverkauften Rängen treten die Kaisers auch zu normalen Zeiten selten auf. Wenn er bei einem Gastspiel auf einen Schnitt von 80, 90 Besucher kommt, ist Kaiser schon zufrieden. Gespielt wird aber auch, wenn nur 20 Zuschauer kommen. Das ist für Kaiser Ehrensache. „Leute nach Hause schicken ist die schlechteste Reklame.“

Dem Direktor sind solche Grundsätze wichtig. Auch dass er niemandem auf der Tasche liegen will. Er will etwas leisten für sein Geld, sagt er. Doch wie, wenn man seinen Beruf nicht ausüben darf? Zum ersten Mal ist der Zirkus nun auf Unterstützung angewiesen. Die Corona-Soforthilfe hat Kaiser bekommen, die Familienmitglieder beziehen Hartz IV, die Stadt begnügt sich mit einer symbolischen Platzmiete von 120 Euro im Monat.

Vor allem aber sind es die Menschen und Firmen aus dem Viertel, die den Zirkus über Wasser halten. All die Leute, die ständig Tüten mit Salat oder Karotten an den Zaun hängen, der Reiterhof, der eine Ladung Heu bringt, oder die Hufschmiedin, die kostenlos ihre Dienste anbietet. Es waren die Passanten, die Anton Kaiser erst bedrängen mussten, doch bitte Schilder aufzustellen, um Spenden zu bitten. „Schreiben Sie, was Sie wollen“, sagt Anton Kaiser. „Aber bitte schreiben Sie, wie dankbar wir den Münchnern sind. Es ist Wahnsinn, wie die Leute uns geholfen haben.“

„Wir sind Überlebenskünstler“

Anders als Theater oder Museen zählt Zirkus in Deutschland nicht als Kultur, Subventionen und Fördertöpfe bleiben ihm verschlossen. Zirkus läuft hier als Gewerbe, die zuständige Berufsgenossenschaft: Nahrungsmittel und Gastgewerbe. Wohl nirgends in Europa hat der Zirkus einen so geringen Stellenwert wie in dem Land von Sarrasani, Krone, Roncalli, Busch, Althoff, Barum, Renz … Viele der großen Namen gehören denn auch längst einer glamouröseren Vergangenheit an.

Von Ursula von der Leyen bekam die Circus Association ein Schreiben, in dem der Zirkus als lebendiger Teil des europäischen Kulturerbes mit einer jahrhundertealten Geschichte bezeichnet und auf milliardenschwere EU-Hilfsfonds hingewiesen wird, aus denen auch diesen Unternehmen geholfen werden könne. Die deutsche EU-Kommissionspräsidentin fügte allerdings hinzu, für die Verteilung der Gelder seien die einzelnen Mitgliedstaaten zuständig.

Zirkusdirektor Kaiser macht sich denn auch Sorgen – am wenigsten allerdings um sich selbst. „Wir Kleinen, wir hauen uns irgendwie durch. Wir sind Überlebenskünstler. Aber der Krone kann das nicht.“ Wenn Kaiser von Krone spricht, schwingt eine gehörige Portion Ehrfurcht mit. Und natürlich weiß Kaiser: Krone hat als Flaggschiff eine große Bedeutung für die ganze Zirkuswelt. Krone hält den Zirkus in den Köpfen der Menschen wach, davon profitieren auch kleine Familienbetriebe wie Baldoni. „Es wäre traurig, wenn es Corona schaffen würde, eine so alte Zirkusinstitution zum Erliegen zu bringen.“

Derzeit liegen zwischen den beiden Zirkussen gerade einmal vier Kilometer Luftlinie. Der Circus-Krone-Bau an der Marsstraße, nicht weit vom Münchner Hauptbahnhof entfernt, ist längst ein Wahrzeichen der Stadt. Die Beatles hatten hier 1966 ihren legendären Auftritt, der berühmte Clown Charlie Rivel gab hier 1981 seine Abschiedsvorstellung. Jetzt steht er draußen vor der Tür – in Bronze. Jemand hat der Statue einen Mundschutz umgebunden.

Proben mit den Löwen – aber wann geht es wieder los?

Wenige Tage vor der Eröffnung in Weßling probt hier in einem Freigehege im Hinterhof der 27-jährige Thomas Lacey mit seinen Löwen. Die Schülerinnen heißen Angelina, Ilaria und Princess, sein Lehrer ist der 16 Jahre ältere Halbbruder, Martin Lacey jr. „Lass sie sich hinlegen, und geh weg“, sagt Martin. „Schau, ob sie liegen bleiben!“ Bleiben sie. „Brav“, ruft Thomas ihnen zu, das a schön langgezogen. Und: „Good girls!“

Oft sind es Kleinigkeiten, die eine Dressur ausmachen. Dazu gehört Abwechslung. „Man muss sie auch mal andersrum liegen oder woanders sitzen lassen“, erklärt Martin Lacey jr. Und erst wenn die Raubkatzen ihrem Lehrer vertrauen, kann man Tricks mit ihnen einstudieren, entsprechend ihren jeweiligen Talenten. „Unser Ziel als Tierlehrer ist es, aus jedem Tier das rauszukitzeln, was es am besten kann. Und das ohne Druck.“

Skulptur des Clowns charlie Rivel

Mit Mundschutz. Skulptur des berühmten Clowns Charlie Rivel vor dem Krone-Bau in München Foto: Florian Bachmeier

Am 1. März war Thomas’ großer Tag. Jahrelang hatte er darauf hingearbeitet. Im März-Programm des Circus Krone durfte er die Raubtiernummer vorführen. Mit vier Löwinnen stand er in der Manege, zum ersten Mal vor so großem Publikum. Die Zuschauer waren begeistert. Und dann war nach ein paar Vorstellungen plötzlich alles wieder vorbei. Jetzt wird eben weiter geprobt – für irgendwann.

Es ist zehn Uhr morgens, ein heißer Sommertag. Die beiden Brüder üben schon seit drei Stunden – mit immer unterschiedlichen Tieren. „Wenn die Tiere das Interesse verlieren, muss man aufhören“, erklärt Martin Lacey jr., meistens so nach 15 bis 40 Minuten. Angelina und Ilaria haben genug für heute, dürfen in den Käfigwagen zurück. Princess, die weiße Löwin, will noch etwas kuscheln, sie läuft zu Thomas, der sich in der Mitte des Geheges auf den Boden gesetzt hat, und legt sich auf seine Beine. „Auch die Tiere vermissen das Publikum“, erzählt Martin. „Das sind Schauspieler.“

Normalerweise verschlingt das Unternehmen rund 30.000 Euro an Betriebskosten pro Tag, derzeit sind es noch knapp 10.000 Euro. Allein die Futterkosten machen täglich 3.000 Euro aus. Natürlich hat Krone einiges an Rücklagen, aber auch die schwinden. Dazu kommt, dass auch die Vermietung des Circus-Krone-Baus wegfällt. Das Gebäude ist eine der begehrtesten Konzerthallen Münchens, für den Zirkus ist er im Sommer vor allem ein wichtiges Standbein, über das rund 20 Prozent der Einnahmen hereinkommen.

Die Ungewissheit, das ist das, was in der Zirkuswelt alle am meisten zermürbt. Nicht zu wissen, wann es weitergeht. Nicht zu wissen, wie es weitergeht.

Bernhard Paul, Direktor des Circus Roncalli

„Es ist so ein Gefühl, wie in einem Bahnhof in einem Wartesaal zu sitzen, auf einen Zug zu warten, und die Anzeigetafel ist abmontiert. Man sitzt da und weiß nichts“

Ein Anruf in Köln. Dort sitzt Bernhard Paul. „Es ist so ein Gefühl, wie in einem Bahnhof in einem Wartesaal zu sitzen, auf einen Zug zu warten, und die Anzeigetafel ist abmontiert“, beschreibt er die aktuelle Situation. „Man sitzt da und weiß nichts.“ Der Österreicher ist Direktor des in Köln ansässigen Circus Roncalli.

In der Zwischenzeit verkauft sein Zirkus nun das Programm von 2018/19 – als Videostream für 5,99 Euro. Und hin und wieder gibt es sogar eine Vorstellung: im Autokino. „Da kommt dann so eine verzweifelte Stimmung auf“, erzählt Paul. „Die Zuschauer hupen und schalten die Scheibenwischer ein, auf die sie Haushaltshandschuhe gesteckt haben, damit es so ausschaut, als ob die winken. Es ist ein Spaß, aber keine Lösung.“

Die Zahlen Schätzungsweise 300 bis 400 Zirkusse gibt es noch in Deutschland. Viele der namhaften Unternehmen wie Siemoneit-Barum oder Busch-Roland haben in den letzten Jahren schon den Betrieb eingestellt. Jetzt droht das Virus einige der übrigen dahinzuraffen.

Der Größte Circus Krone ist seit dem Ende des US-Zirkus Ringling Bros. and Barnum & Bailey der größte traditionelle Zirkus der Welt. 115 Jahre ist er alt, seit 101 Jahren ist er den Winter über in München sesshaft. Dort steht das letzte feste Zirkusgebäude Deutschlands. Derzeit hat Krone die meisten seiner 260 festangestellten Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt.

Die Hoffnung Die Unternehmen wünschen sich, mit entsprechenden Hygienekonzepten möglichst bald vor möglichst vielen Zuschauern wieder spielen zu dürfen. Am rentabelsten wäre es gerade für größere Unternehmen, wenn das Beispiel Nordrhein-Westfalen Schule machen würde. Dort kann der Mindestabstand seit 15. Juni bei Veranstaltungen mit festen Sitzplätzen aufgehoben werden, sofern Sitzpläne erstellt und die Kontaktdaten der Zuschauer erfasst werden.

Die Insolvenz Auch weltweit trifft die Krise Zirkusunternehmen. So hat der internationale Entertainment-Gigant Cirque du Soleil bereits Insolvenz angemeldet und 3.500 seiner 5.000 Mitarbeiter entlassen. (taz)

Bis zum Herbst wird der Circus Roncalli rund 400.000 Euro brauchen, nur um die laufenden Kosten zu bezahlen, rechnet Paul vor. Staatliche Hilfe allerdings hat er bis jetzt keine bekommen. „Die Lufthansa kriegt Milliarden, Mercedes kriegt Milliarden, sogar Adidas kriegt Milliarden. Und die Zirkusse? Nichts.“ Ob er sich von der Politik allein gelassen fühlt? „Was heißt allein gelassen?“, fragt Paul. „Verraten fühle ich mich. Wir sind Kulturbotschafter des Landes Nordrhein-Westfalen, wir waren für das Land in Moskau und bei der Weltausstellung in Sevilla. Und wir zahlen seit 42 Jahren jedes Jahr pünktlich unsere Steuern. Aber wenn wir jetzt mal Hilfe brauchen, fühlt sich keiner zuständig.“

Eine Baletttruppe hilft bei der Erdbeerernte

Die Leidtragenden der Krise sind natürlich nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Artisten, die meist als Freiberufler für eine oder mehrere Spielzeiten bei einem Zirkus arbeiten. Die meisten der internationalen Künstler sind noch im März nach Hause geflogen. Dort sitzen sie nun unter Decken, die ihnen auf den Kopf fallen, und brauchen ihr Erspartes auf – oder schlagen sich irgendwie durch: Eine spanische Roncalli-Akrobatin verkauft online Torten; in Chicago arbeitet ein Trapezkünstler als Schweißer; und Clown Chistirrin bietet in Mexiko über Zoom Kindergeburtstage an. Aber nicht alle haben es rechtzeitig heimgeschafft: Die südamerikanische Balletttruppe des Zirkus Charles Knie hilft in Niedersachsen bei der Spargel- und Erdbeerernte, und die mongolischen Kraftakrobaten des Circus Krone unterstützen Direktorin Jana Lacey-Krone bei den Pferdeproben.

Raoul Schoregge ist etwas auf Krawall gebürstet, das gibt er offen zu. „Noch nie ist mir so viel Inkompetenz und Gleichgültigkeit begegnet.“ Er überlege sich, ein Buch über seine Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie in der Krise zu schrei­ben. Titel: „Corona Blues“. Der gelernte Clown, der seit 20 Jahren den einst von André Heller ins Leben gerufenen Chinesischen Nationalcircus führt, flüchtet sich in Sarkasmus: „Wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, kann auch keiner von hinten kommen.“

Die meisten der größeren Zirkusse haben das Jahr 2020 abgeschrieben. Auch Zirkus Charles Knie, der eigentlich noch bis 1. November auf Tour gewesen wäre. Stattdessen hat Direktor Sascha Melnjak einen Plan hervorgeholt, der schon lange in der Schublade schlummerte: Bis Ende August wird das Winterquartier im niedersächsischen Einbeck zum Freizeitpark umfunktioniert – mit Showeinlagen, Tiernummern, einem Ausgrabungscamp. Das Ganze unter freiem Himmel und maximal coronakompatibel. Wie seine Kollegen hofft Melnjak aber vor allem auf das Jahresende. Schon länger boomen in Deutschland die Weihnachtszirkusse. Sollte das Virus heuer auch dieses Geschäft verhageln, könnte es für viele der Betriebe tatsächlich eng werden.

Aber: „Jammern hilft ja nichts“, sagt Flic-Flac-Geschäftsführer Uwe Struck. Obwohl er durchaus Grund dazu hätte: „2019 war das erfolgreichste Jahr des Unternehmens, und 2020 ging ebenso vielversprechend los.“ Und dann fiel der Vorhang. Überstürzen will man bei Flic Flac nichts. Selbst wenn die Lockerungen noch eine Schrumpf-Tournee in diesem Jahr zuließen, ist das Risiko groß: „Unsere größte Sorge“, sagt Struck, „ist, dass wir dann eine Stadt erwischen, wo es nach unserer Ankunft einen lokalen Lockdown gibt. Das wäre eine Katastrophe.“

Ähnlich geht es Frédéric Zipperlin, dem Direktor des kleinen Cirque Bouffon. „Sobald wir anfangen, wird es teuer.“ Dann muss Werbung geschaltet, müssen Plakate und Flyer gedruckt, Artisten eingeflogen werden. Drei Gastspiele hat Bouffon in diesen Monaten schon gecancelt, als nächstes stünde im September Saarbrücken an. Dieser Tage muss sich Zipperlin entscheiden, ob er das Risiko eingehen will.

Auch bei Krone plant man weiter – ohne so recht zu wissen, wofür. „Wir erarbeiten verschiedene Konzepte“, erzählt Martin Lacey jr. „Wir wollen ja vorbereitet sein, wenn wir wieder spielen dürfen.“ Aber wann das sein wird? „Ab September sind wir auf alles vorbereitet.“ Bis dahin wird er wohl noch etwas Löwenkot verkaufen. Soll übrigens auch gegen Marder helfen.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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