Free Walking Tours in Hamburg: Sightseeing für ein Trinkgeld

Für lau all die Sehenswürdigkeiten Hamburgs sehen? „Free Walking Tours“ sind beliebt. Guides bekommen allerdings kein Gehalt, sondern Trinkgeld.

Touristen schauen auf die Elbphilharmonie

Über Hamburg gibt es einiges zu erzählen. Einen festen Lohn bekommen Guides dafür nicht Foto: Jonas Walzberg/dpa

HAMBURG taz | Etwa 40 Tou­ris­t:in­nen stehen um Maria Garcia* und ihren gelben Regenschirm herum. Heute ist es eine besonders große Gruppe. Im Hintergrund ragt die St.-Petri-Kirche in Hamburg in den Himmel. Die Stimme des Tourguides wird mit einem kleinen Lautsprecher verstärkt, der an ihrem Gürtel hängt.

Garcia erzählt Hamburgs Vergangenheit als Geschichte vom Stehaufmännchen. Ein gallisches Dorf im hohen Norden, das sich nicht unterkriegen ließ. Ein Dorf, dass brandschatzenden Wikingern und plündernden Slawen stoisch trotzte. Die Be­woh­ne­r:in­nen verschanzten sich in der Hammaburg, auf die der Stadtname zurückgeht und deren Umrisse heute graue Mauern auf dem Domplatz nachzeichnen. Garcia zeigt darauf.

Dort, wo heute St. Petri steht, soll schon im 9. Jahrhundert eine Holzkirche gewesen sein. Von da sollen die tapferen Be­woh­ne­r:in­nen der Hammaburg den heidnischen Norden christianisieren. Jedes Mal, wenn die Wilden aus dem Umland die Burg niederrissen, die eher einem Holzwall, denn einer Ritterburg aus dem Märchenbuch glich, bauten die Hamma­bur­ge­r:in­nen sie wieder auf. Stets treu ihrem Dienstherrn verpflichtet. Friedrich der Fromme, Sohn Karls des Großen, hatte sie entsandt.

Die rund 40 Menschen, die Garcia heute durch die Altstadt führt, rücken möglichst nah an sie heran, um nichts zu verpassen. Die Mittelalterhistorikerin erzählt bildhaft und pointenreich. Sie ist Geschichtslehrerin und promoviert nebenbei. Auf die Sympathie ihrer Gäste ist die 37-Jährige dringend angewiesen. Denn: Die zweistündige Tour durch Hamburgs Altstadt kostet die Tou­ris­t:in­nen erst einmal nichts. Sie findet auf Trinkgeldbasis statt. Je­de:r entscheidet selbst, wie viel Garcia bekommt.

Arbeitsbedingungen sind umstritten

Die sogenannten „Free Walking Tours“ sind in ganz Europa beliebt. Dabei sind die Arbeitsbedingungen der Guides umstritten. Eigentlich werden Gäs­te­füh­re­r:in­nen nach Zeit bezahlt, nicht nach Gruppengröße. Free Tours drehen dieses Prinzip um: Je mehr Menschen kommen, desto besser ist das Gehalt der Guides. Soweit das Versprechen.

Doch die Guides arbeiten meist als Selbstständige. Von den Trinkgeldern dürfen sie nur einen Teil behalten. Nach jeder Tour kassiert der Veranstalter eine Vermittlungsgebühr. Dazu kommen Steuern und die private Alters- und Krankenvorsorge. Je weniger Gäste die Tour besuchen, desto schmaler fällt somit auch der Lohn aus. Schietwetter oder Lockdowns tun ihr Übriges.

Maria Garcia, Tourguide in Hamburg

„Es heißt Free Tour, nicht weil sie kostenlos ist, sondern weil jeder frei entscheidet, was er zahlen möchte“

„Das ist moderne Sklavenarbeit“, sagt Gerritje Deterding, Vorstand von Hamburg Guides, einem von zwei Hamburger Berfusverbänden für Gästeführer:innen. Sie führt seit 1985 Tou­ris­t:in­nen durch Hamburg und beobachtet die Free Tours, seitdem das Unternehmen Sandemann Tours sie hier etabliert hat.

Gern werben die Touranbieter mit entspannter Atmosphäre, in der man in fremde Städte eintauchen kann. Junge Menschen mit schmalem Geldbeutel sind die Zielgruppe. Die Gruppe in der Altstadt ist allerdings nicht sonderlich jung. Durchschnittsdeutsche in Windjacken und ein Schweizer Rentnerpärchen stehen da und starren die Kirchtürme empor.

Laut einer Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen möchten fast zwei Drittel der Deutschen gern sozial nachhaltig verreisen. In seiner jährlichen Studie untersucht der Verband die Reisegewohnheiten. Und der Wunsch nach sozial verträglichen Reisen, also fairen Arbeitsbedingungen am Reiseziel und einem respektvollen Umgang mit der Bevölkerung, ist demnach seit 2016 kontinuierlich gestiegen.

Geiz ist geil-Mentalität im Tourismus

Warum laufen die Touren dann so gut? „Weil sie nichts kosten“, sagt Gästeführerin Deterding. „Wir haben ein Klientel, das in der Geiz-ist-geil-Mentalität aufgewachsen ist.“ Deterding lebt seit 1973 in Hamburg, ein leichter niederländischer Akzent ist noch zu hören. Sie beklagt, dass die niedrigen Preise ihr die Kundschaft abgraben. „Es muss miteinander gehen, nicht gegeneinander“, sagt sie. Und außerdem seien die Free-Walking-Touren qualitativ enorm unterschiedlich. Das läge auch daran, dass die Guides nicht einheitlich geschult würden. Und das wiederum läge an der europäischen Gesetzeslage.

In der Schweiz, in Österreich und in Italien etwa gibt es eine Ausbildung mit staatlicher Prüfung für Gästeführer:innen. In Deutschland bilden Berufsverbände zwar Azubis zu Guides aus und verteilen Zertifikate, aber die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Jeder darf sich so nennen.

In Wien protestierten die lizensierten Guides auch schon gegen die Free Walking Tours. Wer dort ohne Lizenz Gruppen führt, musste mit mehreren Hundert Euro Ordnungsgeld rechnen. Deterding findet, Hamburg könnte sich da etwas abschauen: „In Deutschland sind Free Tours provozierte Schwarzarbeit“, sagt sie. Ob die Guides der Free Tours Steuern zahlten, sei nicht überprüfbar. Doch Gesuche um politische Reglementierung von ihrem Verband seien bisher gescheitert. Deterding fordert, dass alle Guides per Gewerbeschein registriert werden. So ließe sich Transparenz herstellen.

Die Handelskammer in Hamburg wäre für solche Gewerbescheine zuständig. Von dort heißt es auf Anfrage, dass sich grundsätzlich auch Selbstständige – also die Guides der Free Tours – anmelden könnten. Freischaffende Künst­le­r:innen täten das oft. Eine staatliche Lizenz mit einer Prüfung für Gäs­te­füh­re­r:in­nen wie in Wien sei jedoch nicht geplant, sagte ein Sprecher der Hamburger Wirtschaftsbehörde.

Weil die freien Guides nicht verpflichtend registriert werden, ist unklar, wie viele überhaupt in Hamburg arbeiten. Bei den beiden Gästeführerverbänden sind rund 200 zertifizierte Gäs­te­füh­re­r:in­nen gemeldet. Und die Verbände schätzen, dass ungefähr genauso viele Guides freiberuflich arbeiten.

Brent Foster ist Gründer und Co-Chef von „Robin and the Tourguides“. Die Firma mit den gelben Schirmen ist in Hamburg mit zahlreichen Guides vertreten. Nachdem Foster sich in der Musikbranche von Kündigung zu Kündigung gehangelt hatte, stieg er aus – und fing als Free Guide bei einem großen Reiseanbieter an.

Das miese Gehalt und die fehlende Mitsprache frustrierten ihn. Wie in der Branche üblich, hätten Chefs dicke Provisionen für Touren kassiert, zu denen kaum Leute erschienen seien. Die Routen und Gehälter wurden diktiert. „Das wollten wir besser machen“, sagt er. Aus den schlechten Erfahrungen entstand die eigene Firma.

Foster versteht das Geschäftsmodell der Free Tours so: Ein Guide beauftragt seine Firma, Kunden zu generieren. Dafür muss er Provision zahlen. Wie viel genau, will Foster nicht sagen. Es sei etwas weniger als zwei Euro pro Gast. Auch bei ihm sind die Guides nicht angestellt. Garcia arbeitet für ihn und lobt die Arbeitsbedingungen. Sie sagt, mehr als 20 bis 25 Prozent der Einnahmen betrage die Provision nicht.

Das Risiko tragen die Guides

„Wenn die Leute nur Münzen als Trinkgeld geben, verlangen wir auch keine Provision“, sagt Foster. Das läuft dann auf Vertrauensbasis. So will der gebürtige Kalifornier verhindern, dass die Guides Verluste machen. Den Vorwurf anderer Fremdenfüher:innen, Free Tours würden die Preise ruinieren, hört er oft. „Wir bieten auch feste Touren an und da machen wir keine Dumpingpreise“, sagt er. Mit den Free Tours will er die Hemmschwelle nehmen, schon vor einer Führung 25 bis 30 Euro zu zahlen, ohne zu wissen, was kommt. Dennoch räumt Foster ein: „Das Risiko für die Touren tragen die Guides als Selbstständige, aber wir versuchen es abzumildern.“

Garcia erklärt das Finanzierungsmodell der Free Walking Tours gleich zu Beginn am Treffpunkt auf dem Rathausplatz. Sie bittet um Trinkgeld – und gute Bewertungen.

„Es heißt Free Tour, nicht weil sie kostenlos ist, sondern weil jeder frei entscheiden kann, was er zahlen möchte“, sagt sie und wechselt dann zu den ersten Fakten über Hamburg: Als sie bei Airbus angelangt ist und dessen Rolle als Arbeitgeber in der Stadt, rauscht ein Transportflieger vom Typ „Beluga“ im Tiefflug über die Häuser. Beeindruckt verrenken sich die Tou­ris­t:in­nen die Hälse. Garcia sagt mit einem Lächeln: „Dafür habe ich heute fünf Euro gezahlt.“

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