Frauenhaus-Mitarbeiterin über Femizid: „Das ist ein Schock“

In Hameln kam es vorvergangene Woche zu einem Femizid. Zuvor schaffte es die Frau, vor ihrem Ex-Partner in ein Frauenhaus zu flüchten.

Drei Frauen stehen vor Kerzen und einem Schild, auf dem "Stoppt die Gewalt gegen Frauen" steht

Protest in Hameln 2016, nachdem ein Mann eine Frau am Auto durch die Stadt geschleift hatte Foto: Peter Steffen/dpa

taz: Frau Eichler, vorvergangene Woche tötete ein Mann in Hameln seine ehemalige Lebensgefährtin. Die Frau war kurz zuvor in das Frauenhaus gezogen, in dem Sie arbeiten. Wie geht es Ihnen und ihren Kolleginnen nach der Tat?

Anke Eichler: Wir waren sehr betroffen. Ich arbeite hier seit 30 Jahren und wir haben hier auch schon Morde erlebt, aber nicht an Frauen, die zu diesem Zeitpunkt im Frauenhaus wohnten. Man denkt: Die Frau ist hier sicher, wir geben ihr den Schutz, den sie braucht. Und dann passiert diese Tat. Das ist ein Schock.

Und wie geht es den anderen Frauen, die bei Ihnen unterkommen?

Die waren auch sehr erschrocken und auch sehr ängstlich. Wir haben dann Gesprächsangebote zur Aufarbeitung organisiert. Grundsätzlich hilfreich ist immer, dass sich die Frauen untereinander austauschen. Wenn sie gegenseitig von ihren Gewalt­erfahrungen berichten, merken sie, dass sie damit nicht alleine sind. Es hilft, über die Erfahrungen zu sprechen.

Man könnte annehmen, dass Frauen ab dem Moment sicher sind, in dem sie in einem Frauenhaus Schutz gesucht haben. Warum hat das nicht ausgereicht?

Ihr wurde auf dem Weg zur Arbeit aufgelauert und dann wurde sie ermordet. Sie hatte sich dafür entschieden, weiter zur Arbeit zu gehen – und das ist auch ihr gutes Recht gewesen. Sie wollte sich in ihrer Freiheit nicht einschränken lassen. Aber ja, eigentlich ist berechtigterweise anzunehmen, dass Frauen ab diesem Moment sicher sind. Und das ist in der Regel auch der Fall. Wobei immer zu bedenken ist: Die ersten Wochen nach einer Trennung oder nach einem Auszug sind die gefährlichsten.

Wie können solche Morde verhindert werden?

Es gibt ja seit Langem viele Forderungen von Frauenverbänden und -institutionen. Grundsätzlich müssen Anzeigen von Frauen ernst genommen werden. Gefährliche Täter müssen schneller verfolgt werden. Das dauert meist einfach zu lange und es werden viele Verfahren zu schnell eingestellt …

64, arbeitet seit knapp 30 Jahren im Hamelner Frauenhaus.

... aus Mangel an Beweisen.

Da müssten Staatsanwält*in­nen und Richter*innen vielleicht mehr sensibilisiert werden. Das ist ein wichtiger Punkt.

Aber ist denn der Schutz, also das Frauenhaus, ausreichend ausgestattet?

Das Budget für unser Frauenhaus wurde in den vergangenen Jahren erhöht, aber wir sind immer noch auf Spenden angewiesen. Es könnte höher sein.

Zu Beginn der Coronapandemie stand die Befürchtung im Raum, dass es einen massiven Anstieg an häuslicher Gewalt geben würde. Hat sich das bestätigt?

Es gibt andere Häuser, die einen deutlicheren Anstieg verzeichnet haben. Bei uns war es die ambulante Beratung, die angestiegen ist. Allerdings: Wir hatten im Frauenhaus deutlich mehr Anfragen, konnten diese aber nicht annehmen, weil wir voll waren.

Jeden dritten Tag gibt es in Deutschland einen Femizid – prägt diese Tatsache ihre tägliche Arbeit?

Eigentlich nicht, ich habe nicht die Angst, dass das nächste Woche wieder passiert. Aber die Zahlen sind erschreckend und es ist schwer zu realisieren, wie häufig das passiert. Aber wenn ich nicht eine ordentliche Portion Optimismus und Engagement mitbringe, könnte ich diese Arbeit nicht machen.

Sie hatten nun eine öffentliche Gedenkkundgebung in Hameln organisiert. Wie waren die Reaktionen?

Unterschiedlich. Viele sind stehen geblieben und haben sich das mal angeschaut. Aber weitgehend, würde ich sagen, waren die Reaktionen aufgeschlossen, interessiert und positiv.

Ich frage, weil vor drei Jahren in Hameln ein Mann seine Frau am Auto durch die Stadt geschleift hat.

Dieser Fall hatte eine große Öffentlichkeit geschaffen. Und sie hat auch die Bedeutung unserer Arbeit sichtbar gemacht. Wir bekamen plötzlich mehr Aufmerksamkeit und viele Spenden. Die öffentliche Empörung war interessanterweise damals deutlich größer als beim jetzigen Mord.

Vielleicht weil anfänglich in der lokalen Berichterstattung von „Drama“ und „Tragödie“ die Rede war und nicht direkt von einem Mord, einem Femizid gesprochen wurde?

Das ist ein Fehler. Das ist der Mord an einer Frau gewesen, weil sie eine Frau ist – ein Femizid. Wir wundern uns, dass der Täter bislang nicht als Mörder bezeichnet wurde.

Haben es Frauen in kleinen Städten und ländlichen Regionen besonders schwer, vor gewalttätigen Männern zu flüchten?

Vielleicht, ja. Deshalb verweisen wir Frauen, die aus der Umgebung kommen und massiv bedroht sind, auch meist an Frauenhäuser in anderen Städten – sofern das angesichts der Kapazitäten möglich ist.

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