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„Frau Deutschland war großartig“

Tülin Sezgin wurde als „Conny from the Block“ mit Beamten-Comedy auf Social Media bekannt. Ihren Job in der Berliner Verwaltung kündigte sie. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben über ihr Leben zwischen zwei Kulturen

Von Thomas Winkler (Gespräch) und Anna Tiessen (Foto)

Ein kleines Café in Berlin-Kreuzberg am Landwehrkanal. Tülin Sezgin hat noch nicht Platz genommen, da kreischen am Nebentisch schon die ersten Fans: „Wir arbeiten auch auf dem Amt. Alle lieben Sie!“ Tülin Sezgin war früher im Bezirksamt Berlin-Neukölln tätig, als „Conny from the Block“ parodierte sie ihren Alltag als Beamtin und wurde damit schnell bekannt. Ein paar Selfies später setzt Tülin Sezgin sich hin und sagt: „Ich habe die nicht bestellt, wirklich.“

taz: Frau Sezgin, worauf sind Sie vor allem stolz: auf Ihr Abitur, den deutschen Pass oder die Auszeichnung „Sonnenschein des Jahres“, die Ihnen während der Ausbildung als Hotelfachfrau verliehen wurde?

Tülin Sezgin: Am ehesten wohl auf mein Abitur, auch wenn mein Durchschnitt nur 3,1 war.

taz: Das ist nicht wirklich gut.

Sezgin: Ja, und wenn mir jemand gesagt hätte, dass man mit 3,1 keinen Studienplatz kriegt, hätte ich mir vielleicht auch mehr Mühe gegeben. Aber da mir schon in der siebten Klasse die eigene Lehrerin erklärt hat, dass das nichts wird mit dem Abitur, bin ich schon stolz.

taz: Was hat die Lehrerin denn gesagt?

Sezgin: Die hat ein paar Migra-Mädels gesehen, die sich geschminkt haben, und damit war ihr Urteil klar: Das sind Tussis aus Neukölln, die alles Mögliche im Kopf haben, aber bestimmt nicht die Schule. Dass das rassistisch war, ist mir aber erst sehr viel später klar geworden, eigentlich erst vor einigen Monaten. Da hatten wir eine Art Klassentreffen, allerdings nur mit dem Dutzend aus meiner Klasse, die einen Migrationshintergrund hatten. Wir haben uns über diese Lehrerin ausgetauscht und über die Schule, die uns Migrantenkinder alle in eine Klasse gesteckt hat – und damit dafür gesorgt hat, dass wir eine Clique wurden. Für den Rest der Schule waren wir die „Ausländerklasse“.

taz: Sie haben gerade ein neues Buch veröffentlicht, das von Ihrem Leben zwischen zwei Kulturen handelt. Darin zählen Sie – als eine Botschaft an die Lehrerin von damals – genüsslich auf, welche Berufe die Kinder von damals heute haben: Architekt, Lehrerin, Bauingenieur, Modedesignerin, Geschäftsführerin.

Sezgin: Ja, aus all denen ist was geworden. Wir haben darüber geredet, wie viel schwerer wir es hatten. Ich will es mir jetzt gar nicht in der Opferrolle bequem machen, aber uns allen wurde gesagt: Das wird nichts. Abitur? Kannste vergessen!

taz: Wie war das Gefühl bei diesem Treffen? Befriedigung, vielleicht sogar Triumph?

Sezgin: Ja, tatsächlich: Triumph. Genugtuung. Wir haben es geschafft. Wir haben es bewiesen. Und wir wünschen uns alle, wir könnten mit dieser Klassenlehrerin noch einmal sprechen und sagen, wie falsch es war, dass sie uns so abgestempelt hat. Wir waren halt pubertär und dann auch noch eine marginalisierte Gruppe. Wir haben nach Zugehörigkeit gesucht und uns gefragt: Was bin ich denn jetzt, bin ich deutsch? Bin ich türkisch? Bin ich beides? Was will ich sein?

taz: Klingt anstrengend.

Sezgin: Ja, aber ab der zehnten Klasse wurde es besser. Da haben wir eine neue Lehrerin bekommen, die hieß – kein Witz! – Frau Deutschland. Und Frau Deutschland war großartig, die war das genaue Gegenteil. Die hat uns all diese Ängste wieder genommen, die hat uns gepusht und gesagt: Ihr macht das schon, ihr habt das Talent. War leider ein bisschen zu spät für ein wirklich gutes Abitur.

taz: Später haben Sie eine Ausbildung in einem großen Hotel gemacht. Sie waren die einzige Auszubildende mit türkischem Background. Warum wurden Sie dort als „Sonnenschein des Jahres“ ausgezeichnet?

Sezgin: Weil ich so nett und witzig war.

taz: War das Ihre Methode damals, mit dem Rassismus umzugehen?

Sezgin: Ich denke schon. Heute bin ich beruflich witzig, aber damals war das mein Überlebensmechanismus. Ich habe früh gemerkt: Wenn du lustig bist, kommst du anders an. Dann bist du nicht mehr die aus Neukölln, sondern eben die Lustige. Und dieser andere Blick auf mich, der hat mir nicht nur gut gefallen, der hat mich auch weitergebracht. Das ist ganz schnell ein Coping-Mechanismus geworden, also eine Bewältigungsstrategie, aber eben auch eine Überanpassung.

taz: Wie äußerte sich diese Überanpassung?

Sezgin: Ich habe zum Beispiel sehr lange meinen Nachnamen falsch ausgesprochen, um es den Deutschen einfacher zu machen.

taz: „Setzkin“ statt „ßässsginn“?

Sezgin: Genau. Ich habe auch selbst die diskriminierenden Witze gemacht, bevor es mein Gegenüber konnte. Klar, trinke ich keinen Alkohol, und morgen werde ich zwangsverheiratet, hahaha. Viele meiner Freunde sind ganz anders: Denen ist egal, wie die Deutschen sie sehen. Die sagen: Ich bleib so, wie ich bin.

taz: Wann ist Ihnen die eigene Überanpassung bewusst geworden?

Sezgin: Sehr spät, eigentlich erst, als ich mit Ende 20 meine Ausbildung auf dem Amt begonnen habe. Da hatte ich plötzlich dieses Gefühl: Nein, du machst jetzt mal nicht alles mit, du musst dich nicht anpassen. Die Spezies, die du bist, ist auch eine besondere – und eine wertvolle für die Gesellschaft.

taz: Man könnte also sagen, das Amt hat Ihnen den Humor ausgetrieben.

Sezgin: Sehr witzig. Ich würde sagen, dort habe ich einen anderen Humor gefunden. Ich kam ja aus der Dienstleistungsbranche, ich bin Hotelfachfrau, Eventmanagerin, Stewardess gewesen. An meinem zweiten Tag im Praktikum klingelt das Telefon, es ist zwölf Uhr und die Kollegin stellt das Telefon leise: Mittagspause! Das habe ich gar nicht verstanden. Wie kann man nicht ans Telefon gehen? Am Ende ist dieser Umgang, sich nicht totzumachen für die Arbeit, natürlich viel gesünder als die Serviceeinstellung, die ich mit ins Amt gebracht habe.

taz: Diese Erfahrungen haben Sie dann in Instagram-Reels als Conny from the Block verarbeitet, so begann Ihre Karriere als Comedian. War Ihnen das in die Wiege gelegt?

Sezgin: Ich habe schon als Kind Huysuz Virjin imitiert, den berühmtesten türkischen Travestiekünstler. Ich habe mich verkleidet, mir Ketten umgehängt und habe Dragqueen gespielt. Spätestens in der Grundschule habe ich gemerkt: Wenn die Leute lachen, können sie mir nicht böse sein. Ich wurde dopaminsüchtig, würde ich heute sagen. Das hat auch in der Pubertät und beim ersten Job noch funktioniert: Mit Humor, ein bisschen sarkastisch, mit verstellter Stimme oder einem Dialekt, konnte ich Sachen sagen, die ich mich sonst nicht trauen würde.

taz: Sie waren also schon als Teenagerin eine Comedian, Sie wurden aber erst als 35-Jährige erfolgreich damit. Warum mussten Sie so viele Umwege nehmen, um dahin zu kommen?

Sezgin: Ich glaube, weil mir nie bewusst war, dass es überhaupt einen Zugang zu dieser Welt für mich gab. Die Vorstellung, Künstlerin, Schauspielerin oder Schriftstellerin zu werden, war für mich als Kind vollkommen abwegig. Wir konnten bestenfalls „was Anständiges“ werden. Das haben unsere Eltern uns mitgegeben, denn die waren ja selbst auf der Suche nach Sicherheit in einem Land, das ihnen fremd war. Also wurden wir Lehrerin, Anwältin, Ärztin – oder eben wie ich Beamtin. Das war das Nonplusultra für meine Eltern. Wow, she made it! Deutscher geht es nicht.

taz: Sie haben dann die Sicherheit einer Beamtenlaufbahn aufgegeben, um ganz als Schauspielerin und Influencerin zu arbeiten. Wie fanden Ihre Eltern das?

Sezgin: Mein Vater war komplett schockiert. Ich musste allerhand Überzeugungsarbeit leisten. Nur mit Instagram hätte ich ihn nicht überzeugt, aber als ich erzählen konnte, dass mir ein Buchvertrag angeboten wurde, hat er es verstanden. Wenn ich ihn heute anrufe, meldet er sich am Telefon mit: Hallo, meine Schriftstellerin. Oder: Hallo, meine Schauspielerin. Aber: Hallo, meine Content Creatorin, das würde ihm nicht über die Lippen kommen.

Tülin Sezgin

Der Mensch

Tülin Sezgin, Jahrgang 1988, wächst in Berlin-Neukölln auf. Sie arbeitet nach einer Ausbildung als Hotelfachfrau in der Gastronomie und als Stewardess. Sie absolviert mit einem Begabtenstipendium ein Studium der Öffentlichen Verwaltung und arbeitet im Bezirksamt Berlin-Neukölln.

Die Künstlerin

Conny from the Block, Jahrgang 2020, wird auf Social Media geboren und verarbeitet Sezgins Erfahrungen als Beamtin. Sezgin ist damit so erfolgreich, dass sie 2023 den Beamtenstatus aufgibt und als Comedian und Schauspielerin arbeitet. Ab Herbst 2026 ist bei ZDFneo die Serie „Nine To Five“ zu sehen, inspiriert von den Figuren von Conny from the Block, Tülin Sezgin spielt auch darin mit. Ihr Buch „Almancı-Mädchen. Wie ich mir Deutschsein beigebracht habe“ ist am 13. August im dtv-Verlag erschienen, 240 Seiten, 18 Euro.

taz: War es eine Befreiung für Sie, den Beamtenstatus aufzugeben, weil Sie dann als Conny from the Block kein Blatt mehr vor den Mund nehmen mussten?

Sezgin: Ich glaube schon. Ich habe mich zwar nicht bewusst zensiert, aber ich hatte schon ein paar Filter im Kopf. Als ich einmal krankgeschrieben war und darüber eine Instagram-Story gemacht habe, war das schon ein Thema bei den Vorgesetzten. Ich wurde grundsätzlich sehr unterstützt, weil relativ schnell klar wurde, dass Conny als Rekrutierungsmechanismus für das Amt funktioniert. Ich habe ja sogar offiziell Werbung für den öffentlichen Dienst gemacht.

taz: Gut bezahlt hoffentlich.

Sezgin: Gar nicht. Ich habe jahrelang unbezahlte Werbung fürs Amt gemacht. Aber auch aus eigener Überzeugung, weil ich den Job wichtig finde. Ich denke auch heute noch, dass da die richtigen Menschen sitzen müssen an diesen Positionen, wo entschieden wird, ob jemand im Land bleiben darf, ob er arbeiten darf oder ob jemand Grundsicherung bekommt. Ich wäre auch gerne weiter Beamtin geblieben. Aber Amt in Teilzeit und daneben als Influencerin arbeiten, das war dann doch nicht möglich. Ich habe das sogar juristisch prüfen lassen, aber das ist eine große Grauzone. Deshalb habe ich irgendwann den Sprung gewagt.

taz: Wie erklären Sie sich Ihren großen Erfolg als Amtsfluencerin?

Sezgin: Es gibt kaum etwas Deutscheres als eine deutsche Behörde. Jeder war schon mal auf dem Amt, jeder hat sofort ein Bild vor Augen. Aber wie es genau dort zugeht, das ist für Außenstehende eine Blackbox – und die öffne ich und präsentiere sie mit Humor. Dazu kommt noch, dass geschätzt die Hälfte meines Publikums selbst auf dem Amt arbeitet. In meinen Shows sitzen ganze Behörden nebeneinander im Saal, Teams machen ihre Betriebsausflüge zu mir. Die erkennen die Stereotypen, die ich darstelle, ob Gegen-alles-Gisela oder Tief-einatmen-Petra, denn die gibt es tatsächlich überall, ob im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf oder in der Kreisverwaltung in Oberfranken.

taz: Umgekehrt gefragt: Wie viele haben sich aufgeregt, dass eine Deutschtürkin es wagt, sich lustig zu machen über unsere schöne deutsche Bürokratie?

Sezgin: Niemand. Finde ich auch erstaunlich. Vielleicht liegt es daran, dass ich das wirklich sehr genau beobachtet habe – und diese Bürokratie trotz aller Probleme immer noch sehr liebevoll darstelle.

taz: Welche Bürokratie ist schlimmer – die deutsche oder die türkische?

Sezgin: Die türkische, eindeutig. In der Türkei will man nicht aufs Amt, denn da ist das Machtgefälle größer. Die lassen es dich wirklich spüren, dass du am kürzeren Hebel sitzt.

taz: Sie haben in der Gastronomie gearbeitet, waren Stewardess und Beamtin – alles Jobs, in denen man viel mit Menschen zu tun hat. Wo haben Sie am meisten über sich und Ihr Deutsch- und Türkischsein gelernt?

Heute bin ich beruflich witzig, aber damals war das mein Überlebens­mechanismus. Ich habe früh gemerkt: Wenn du lustig bist, kommst du anders an

Sezgin: Ich glaube im Hotel. Denn einerseits gab es in diesem Riesenhotel mit sechshundert Mitarbeitern natürlich viele Migras, vor allem aus Vietnam und vom Balkan, ich war die einzige Türkin. Auf der anderen Seite gab es das internationale Publikum, und da habe ich das erste Mal gemerkt: Es ist okay, dass du beides bist – deutsch und türkisch. Im Hotel habe ich ganz viel mitgenommen, aber der Moment, in dem sich die Identitätskrise dann positiv verkehrt hat, der kam auf dem Amt.

taz: Da haben Sie dann für sich festgestellt, was Sie im Buch so beschreiben: „Wir sind nicht halb. Wir sind doppelt.“

Sezgin: Ich habe immer eine große Zerrissenheit gespürt. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich in der Türkei lande. Das ist kein bisschen nationalistisch, aber ich spüre eine große Sehnsucht nach diesem Land. Und dann freue ich mich, wieder zurückzukommen in meine deutsche Sicherheit. Auf dem Amt habe ich diese Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen endlich als Bereicherung verstanden. Dass ich nicht zweimal ein halber Mensch bin, sondern zwei komplette, vollständige Menschen. Ich habe einen Bachelor und einen Master, ich korrigiere die E-Mails des Chefs auf Rechtschreibfehler, jetzt nehme ich mir auch heraus, eine eigene Stimme zu haben und zu sagen: Nein, wir können die Bewerberin nicht deswegen ablehnen, weil sie ein Kopftuch trägt. Und nein, es ist auch nicht okay, dieses eine Wort zu benutzen, das du da immer benutzt für eine bestimmte Gruppe von Menschen.

taz: Statt sich anzupassen, haben Sie Ihre Perspektive vertreten?

Sezgin: Ich habe entschieden, es positiv zu sehen, dass zwei Welten hier drin sind, komplett mit allem, mit Musik, mit Essen, mit Filmen, mit Werten. Dieses Doppeltsein ist eine Bereicherung, egal ob für Arbeitgeber, für die Gesellschaft, für Partnerschaften oder Freundschaften. Zugegeben, von der türkischen Welt fehlen mir viele Fetzen, mein Türkisch ist nicht so gut wie mein Deutsch, aber von der deutschen Welt fehlt mir auch immer mal was. Ich habe sehr an akuter Alman-Fomo gelitten.

taz: Fomo steht für „Fear of missing out“. Was haben Sie befürchtet zu verpassen?

Sezgin: Wenn ich drüber nachdenke, habe ich die immer noch, die Alman-Fomo, die geht nicht weg. Mir fehlen immer noch Sprichwörter oder Redewendungen. Jahrelang habe ich gesagt: Geh mir nicht auf den Senker! Erst kürzlich habe ich erfahren, dass das „Senkel“ heißt. Und nee, der frühe Vogel schießt nicht tot. Ich kann einfach keine deutschen Redewendungen. Und ich kenne wenige deutsche Schauspieler.

taz: Eine sehr berührende Stelle im Buch ist Ihre Erfahrung mit dem ersten Kitaessen als 5-Jährige. Es gab Leberkäse, nach dem Essen hatten Sie Angst, Sie könnten sich in ein Schwein verwandeln.

Sezgin: Diese Schweinefleisch-Experience, die kennen unglaublich viele Migras. Als Kind aus Versehen Schweinefleisch gegessen zu haben und dann zu denken: Oh Gott, ich werde sterben. Oder mindestens wächst mir ein Schweinerüssel. Darum ging es mir: Diese abstrakte Migrationsdebatte mal mit Leben, mit persönlichen Erfahrungen und Emotionen zu füllen.

taz: Sie schreiben im Buch auch: „Deutschland kann ich vertrauen. Auf Almanya ist Verlass.“ Empfinden Sie das immer noch so, auch wenn die AfD stärker wird?

Sezgin: Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren aus politischen Gründen ein paar Ängste entwickelt. Ich habe feststellen müssen, dass meine Zweifel und Gefühle, die ich seit der Oberschule mit mir herumtrage, doch berechtigt waren: Es gibt in diesem Land einen tiefsitzenden Rassismus. Immer wenn ich mich zu sicher fühle, kriege ich einen rassistischen Spruch. Oder es passiert Hanau und ich denke: Bloß, weil ich anders aussehe, kann ich einfach so abgeknallt werden?

taz: Sie haben sich einbürgern lassen zu einer Zeit, als es noch nicht möglich war für Türken, beide Staatsbürgerschaften zu behalten. Bereuen Sie es heute, dass Sie den türkischen Pass nicht mehr haben?

Sezgin: Ich frage mich schon: Wohin geht die Reise? Trotz alledem bin ich hier aufgewachsen und durch meine Eltern so geprägt, dass ich mir sage: Hier ist es immer noch besser und sicherer als irgendwo anders. Ich gebe allerdings zu: Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft beantragt und auch schon genehmigt bekommen, ich warte nur noch auf meinen türkischen Pass. Wenn die AfD hier regiert, glaube ich nicht, dass ich hier bleiben kann. Ob dann die Türkei das Land ist, in dem ich wirklich leben will, das weiß ich nicht. Ich kenne auch viele, die noch auf dem Amt arbeiten. Die fragen sich: Was mache ich, wenn mein Haus von einem AfD-Politiker geleitet wird? Dann muss ich Entscheidungen treffen und ausführen, die sich gegen meine eigenen Leute richten.

taz: Die AfD würde wohl sagen: Aber Sie sind doch nicht gemeint, Frau Sezgin.

Sezgin: Ja, vielleicht, wahrscheinlich. Ich glaube auch, wenn jetzt hier ein AfD-Wähler sitzen würde, dass ich den rumkriegen würde. Dass der eigentlich ganz nett ist und ich ihn überzeugen könnte, dass Vielfalt eine gute Sache ist. Ich glaube, sogar Björn Höcke würde sagen, wenn er mir gegenübersäße: „Sie meinen wir überhaupt nicht, uns geht es nur um Ihre kriminellen Brüder und Schwestern.“ Ich habe zu lange die gute Ausländerin gespielt, um dem noch zu trauen. Also, um Ihre Frage zu beantworten: Ich habe keine Angst, aber ich fürchte, ich vertraue Deutschland nicht mehr.

taz: Das klingt nicht gerade hoffnungsvoll.

Sezgin: Doch, ich habe große Hoffnung in die Menschen. Ich liebe die Menschen sehr. In meinen Shows sitzt das junge Mädchen mit Kopftuch neben einer 67-jährigen Sibylle, und wenn am Ende ein türkisches Volkslied läuft, dann tanzen alle miteinander. Das hat in Erfurt geklappt und in Dresden, überall. Wir Menschen werden das herumreißen – irgendwann, irgendwie. Daran glaube ich fest.

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