Fotomuseum Rotterdam in altem Hafensilo: Wie ein goldenes Gebirgsmassiv über altem Geld
Rotterdams Hafenviertel ist im Umbruch. In einem umgebauten Kaffeesilo eröffnete dort nun das Niederländische Fotomuseum.
Noch vor gut zehn Jahren war das Hafenviertel Katendrecht in Rotterdam selbst unter Rotterdamern kaum bekannt. Und nun eröffnet dort ein kulturelles Leuchtturmprojekt nach dem anderen: letztes Jahr das Migrationsmuseum Fenix in einem ehemaligen Kaffeelager und nun das Niederländische Fotomuseum im Santos-Kaffeespeicher.
Beides sind denkmalgeschützte Silobauten, doch die Museen könnten kaum unterschiedlicher sein. Für das Fenix hatte das Pekinger Architekturbüro MAD weite, lichte Ausstellungshallen in das kastenförmige Lagerhaus aus der Zeit des Neuen Bauens hineingeplant und ihm eine kinoreife Aussichtsplattform aufgesetzt, die sich als spiegelnde Spirale aus dem flachen Dach windet.
Die Bausubstanz des einstigen Santos-Speichers, in dem jetzt das Nederlands Fotomuseum eingerichtet ist, blieb hingegen fast unverändert. Geradezu hermetisch schirmt seine geschlossene Backsteinfassade das achtgeschossige Innere ab. Das Pakhuis Santos war schon immer Vorzeigearchitektur. Es ist ein Beispiel dafür, wie im frühen 20. Jahrhundert auch der eigentlich funktionale Typus eines Silos zur Repräsentationsfläche des Geldes werden konnte. Seine Fassaden sind reich im Beaux-Arts-Stil verziert.
Niederländisches Fotomuseum in Rotterdam: https://nederlandsfotomuseum.nl/en/
Im Inneren des Fotomuseums staunt man über die zweigeschossige Dachaufstockung, die wie ein goldenes Gebirgsmassiv über dem Klinkergebäude zu schweben scheint. Die filigrane Aluminiumkonstruktion betont den Kontrast zwischen Alt und Neu, zwischen dem historischen Lagerhaus und der skulpturalen Dachkrone.
Erst wollte Stilwerk den Kaffeespeicher
Auch das Atrium ist grandios: Sein gläsernes Dach lenkt das Tageslicht in sämtliche Ausstellungsebenen und entlang der ursprünglichen Speicherböden, ihrer gusseisernen Stützen und Eisenträger.
Heute sind die Rotterdamer froh, dass das deutsche Designkaufhaus Stilwerk in den Pandemiejahren daran scheiterte, aus dem Pakhuis Santos eine niederländische Filiale zu machen, mit Geschäftsflächen, Gastronomie, Co-Working und Apartments. Beauftragt hatte Stilwerk seinerzeit die auf Wohnungsbau spezialisierten Hamburger Architekten Renner Hainke Wirth Zirn und die Rotterdamer WDJ Architekten, bekannt für die Renovierung der Van-Nelle-Fabrik in ihrer Stadt.
Im Sommer 2023 erwarb das Niederländische Fotomuseum den bereits größtenteils von Stilwerk renovierten Altbau. Der Kontrast zwischen den historischen Klinkerfassaden und dem modernen Aluminiumdach erwies sich nicht nur als pfiffige Marketingidee, es ist auch ein schlüssiges architektonisches Konzept.
Denn auf diese Weise entstand ein für alle Besucher nachvollziehbares Raumprogramm: Die öffentlichen Bereiche – Café, Museumsshop und Bibliothek – wanderten ins Hochparterre, das Schaudepot, das über 6,5 Millionen Objekte verfügt, breitet sich auf den einzelnen Geschossen aus, während Restaurant, Außenterrasse, Büros und 16 Kurzzeit-Apartments in den Dachgeschossen untergebracht sind.
Der grimmige Pinochet bei seiner Segnung in Santiago
Zu den Höhepunkten der jetzt zu sehenden Ausstellung gehört die Ehrengalerie niederländischer Fotografie, unter anderem mit einem ikonischen Foto des Pinochet-Porträtisten Chas Gerretsen. Gerretsen lichtete den Diktator mit grimmiger Miene, Sonnenbrille und verschränkten Armen im Kreis seiner Putschgeneräle bei seiner Segnung in einer katholischen Kirche Santiago de Chiles ab, kurz nach dem Militärputsch.
Auch eine Schau über Rotterdam gehört zum Eröffnungsprogramm, erzählt anhand von Fotografien von 1843 bis heute. Zur jüngeren Geschichte der Stadt an der Rotte zählt auch, dass die Fußgängerbrücke Rijnhavenbrug von 2012 eine fatale Entwicklung in Katendrecht wieder rückgängig machte. Historisch war es nämlich das Sommerfrischlerrefugium für Rotterdams Reiche gewesen, bis Ende des 19. Jahrhunderts die boomende Hafenwirtschaft zum Bau von Rijnhaven und Maashaven drängte.
Katendrecht wurde geflutet, siebenhundert Häuser mussten abgerissen, Tausende Menschen zwangsumgesiedelt werden. Seit die Rijnhavenbrug die gut 100 Jahre getrennten Viertel wieder besser vernetzt, ist das lang von der City abgeschnittene Katendrecht in einem ziemlichen Umbruch, mit angestoßen von den beiden neuen Museen, dem Migrationsmuseum im Fenix-Speicher und dem Niederländischen Fotomuseum im Santos-Speicher.
Beide Häuser werden von der einflussreichen Kulturstiftung „Droom en Daad“ (Traum und Tat) finanziert. Ihr Leiter ist Wim Pijbes, der ehemalige Generaldirektor des Rijksmuseum. Hinter der Stiftung verbirgt sich das Vermögen einer der weltweit reichsten Industriellenfamilien.
Die Industriellenfamilie Van der Vorm und ihre Schiffsflotte
Die Rotterdamer Familie Van der Vorm besaß einst die legendäre Holland–Amerika-Linie, über 100 Jahre ein erfolgreicher transatlantischer Passagierliniendienst, der über Jahrzehnte quasi ein Monopol für die Auswanderung aus den Niederlanden in die USA besaß. Später vermehrten die Van de Vorms durch Firmen- und Immobilieninvestments ihren Reichtum.
Keine drei Jahre betrug die Bauzeit des Niederländischen Fotomuseums. Ob das nur mit der finanziellen Ausstattung durch Droom en Daad zusammenhängt? Zum Vergleich ein Blick nach Düsseldorf: Dort ist ungewiss, ob das 2019 beschlossene Deutsche Fotoinstitut wie geplant 2031 fertig sein wird und wo.
In Rotterdam hält man sich – dank der Stiftung – an eine andere Zeitrechnung. Noch in diesem Monat beginnen die chinesischen MAD Architects mit dem Umbau des östlichen Endes von Fenix, um dort Platz für internationale Tanzkompanien zu schaffen. Kürzlich investierte Droom en Daad auch in den Umbau einer Mennonitenkirche aus der Nachkriegszeit und finanzierte die Renovierung des Veerhuis, einer in die Jahre gekommenen Schriftstellerresidenz an der Maas.
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