Fotografie-Ausstellung in Grimma: „Provinz“ im besten Sinne

Am Zaun des Polizeireviers Grimma hängen Werke des Fotografen Bernhard Weber. Sie zeigen eine Wahrhaftigkeit, die manchen Medien fehlt.

Ralf (Felix Kramer) studiert den Busfahrplan und Johannes (Ronald Zehrfeld) sitzt in der Bushaltestelle in einer Szene der rbb-Streamingserie «Warten auf'n Bus»

Ralf (Felix Kramer) studiert den Fahrplan und Johannes (Ronald Zehrfeld) sitzt in der Haltestelle Foto: picture alliance/dpa/ARD/rbb/Frederic Batier

“Warten auf’n Bus“ ist eines der wunderbarsten Fernsehformate der letzten Zeit. Es zeigt, wie banal und philosophisch die Frage nach Stadtaffe und Landei verhandelt werden kann. Und das immer mit einem zutiefst menschlichen Blick auf den stinknormalen Alltag und seine Protagonist*innen.

Wer diesen Sommer in der sächsischen Kleinstadt Grimma unterwegs ist, rasselt völlig unerwartet an der Bushaltestelle Köhlerstraße in ein ganz ähnliches Erlebnis. Denn mitten an der Straße hängen am langen Zaun rund um das ziemlich große Polizeirevier Fotos von Bernhard Weber. „Der Provinzfotograf, der die Zeit im Bild anhält“, hat die Lokalzeitung über Weber geschrieben. Wobei Provinz hier ausdrücklich positiv gemeint ist. Denn auf den Fotos aus sechs Jahrzehnten ist zu sehen, was woanders oft fehlt.

Sie zeigen lebensnah den Alltag auf dem Land und in den Dörfern, manchmal auch in der großen Stadt Leipzig. Wobei Webers Blick immer für die Menschen da ist. Die Aufnahme der strickenden Wirtin in einer Dorfkneipe von früher, die nur aus ein paar hölzernen Bierkisten und dem zu DDR-Zeiten obligatorischen Schild „Kein Ausschank von Alkohol an Kraftfahrer“ besteht.

Als Pop-up-Bar wäre das heute der hippe Scheiß. „Volkspolizei blitzt“, vermutlich aus den 80er Jahren, ist so ein anderes Bild. Mit einem klobigen Kasten, so groß wie eine Mi­kro­wel­le sitzt ein Polizist hinter der Mauer und sieht zu, wie ein Kleinlaster in die Falle fährt.

Friseurbesuch und Polizeigewalt

Mehr noch als diese heiter-ironischen Bilder sind es die Aufnahmen, die Weber von ganz normalen Menschen gemacht hat, die gerade in Schwarz-Weiß eine packende Authentizität verströmen.

„Was soll der lange Satz?“, sagt die Mitbewohnerin. „Die Botschaft ist Wahrhaftigkeit!“ Da sind Bäuer*innen, Brigadefeiern, Schü­le­r*in­nen an der Tafel, Rent­ne­r*in­nen beim Frisör und Menschen beim Volksfest. Da sind die Bilder der Wende, der Abzug der russischen Truppen 1992 und natürlich die Hochwasser von 2002 und 2013. Aktiv ist der 1940 geborene Weber immer noch. Aus dem letzten Jahr gibt es Aufnahmen vom Protest gegen einen Auftritt von Björn Höcke in Grimma. Darauf ist zu sehen, wie die Polizei gegen De­mons­tran­t*in­nen vorgeht. Alles schön am Polizeizaun in Grimma noch bis in den Oktober hinein zu sehen.

Viele Menschen hadern heute mit „den Medien“, weil sie sich und ihren Alltag darin nicht wiederfinden. „Vielleicht wird die Lebenswirklichkeit der Menschen in den Medien nicht richtig dargestellt, weil sie zu sachlich berichten“, meint die Mitbewohnerin.

Und natürlich gibt es am Zaun auch das Bild einer Bushaltestelle, dieser (O-Ton „Warten auf’n Bus“) „verdammten Schnittstelle zwischen Pampa und intelligentem Leben“.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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