Fotoarbeit über das Erwachsenwerden: Warst du nicht gerade noch klein und niedlich?
Die Fotografin Karoline Bofinger begleitet seit mehr als zehn Jahren ihrem Sohn und dessen Freunde. Jedes Jahr macht sie ein neues Porträtfoto von den Jungs.
Wie die Zeit vergeht! Gerade eben hat die Fotografin und taz-Layouterin Karoline Bofinger noch einen Kindergeburtstag für ihren Sohn und seine Sandkastenfreunde ausgerichtet – und im gefühlt nächsten Moment sind sie volljährig.
Aus Jux schnappte sie sich damals jeden einzelnen der Sechs- bis Siebenjährigen für ein Porträtfoto. Was als Geburtstagserinnerung begonnen hat, wird zum Fotoprojekt. Seit 2014 fotografiert Bofinger Carlo, Rocco, Theo, Tim, Valentin, Milan und Pelle. Sieben Jungs, zwölf Jahre, gleiches Format, gleiche Kameraeinstellung, gleicher Hintergrund.
Beim Anschauen der Porträts gibt es viel zu entdecken und noch mehr zu schmunzeln: Der eine zieht fast immer die gleiche schiefe Schnute, der andere trägt ständig eine neue Frisur. Noch einer legt wohl Wert darauf, dass sein Foto auch ins Portfolio passt. Wieder ein anderer macht sich offenbar nichts aus Mode und gekämmten Haaren. Und hier: Das wird doch nicht etwa ein Bart?!
Man vergleicht die Gesichter der sieben Jungen nacheinander und untereinander und stellt fest: Die großen Sprünge kommen fast bei allen zur selben Zeit. Ein Jahr lang bleibt ein Kind ein Kind, im nächsten sitzt plötzlich ein junger Mann vor der Kamera. Wo kommen Kinn, Kehlkopf und Augenbrauen her? Warst du nicht gerade noch klein und niedlich? Manchmal sieht ein Gesicht auch wieder so aus wie zwei Jahre zuvor, doch am Ende setzen sich Kanten und Stoppeln gegen Pausbacken und Stupsnasen durch. Was ist aus dir geworden, Junge, warum so schnell?
Und was waren das für Jahre: Deutschland wurde Weltmeister im Männerfußball, Menschen flohen aus Syrien nach Europa, dann der Brexit, dann Corona, dann Krieg. Dazu hatten die Jungs auch mit sich selbst viel zu tun. Mit der Schule und der Pubertät, mit Minecraft und Fortnite, mit Fidget Spinnern und Tiktok. Freunde sind sie übrigens schon seit der Grundschule nicht mehr. Spätestens mit dem Wechsel in die weiterführende Schule haben sie kaum noch miteinander zu tun. Neue Freunde, neue Ziele. Alles steht kopf, der Körper und die Welt drum herum. Sie lernen, werden erwachsen.
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Vielleicht schaut man gerade deshalb so gerne zu: Die Fotos sind aus dem Leben. Ganz automatisch reiht man sich selbst ein. Wie sah ich mit 6 aus, mit 12, mit 17? Wann wurde aus dem Babyface ein Pickelgesicht, wann wurde der Topfschnitt gekürzt und gefärbt? Wann kamen die Bandshirts, die Baggys, die Doc Martens? Wann ging es noch um Schulnoten, wann nur noch darum, die Mitschüler zu beeindrucken und im Sport bloß keine peinliche Figur zu machen? Ein Glück, dass damals niemand Fotos gemacht hat.
Erst vor kurzem waren Karoline Bofingers Porträts in Prenzlauer Berg ausgestellt, dem Kiez, in dem die Jungs groß geworden sind. 82 Bilder in Farbe, je 30 x 30 Zentimeter groß. Der Titel: „Boyhood“, wie Richard Linklaters Film, für den der Regisseur ebenfalls zwölf Jahre lang mit demselben Jungen drehte. Der Film kam 2014 ins Kino, in dem Jahr, als Bofinger ihre Studie begann.
Vorbei sein soll das Projekt noch nicht. Wenn die jungen Männer mögen, fotografiert sie sie weiter, mindestens bis zum 30. Geburtstag ihres Sohnes, bis dahin passiert doch noch so viel.
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