Forschung über Ernährung: Riots not Diets

Durch Corona haben viele Menschen zugenommen. Doch selbst wissenschaftlich angehauchte Diäten sind bestenfalls von kurzer Wirkung.

Karotte und Besteck auf einem Teller

Durch Verzicht zum Glück? Über ­Er­nährung wird allerlei Unwahres erzählt Foto: imago

Früher einmal, als die Menschen noch zur Arbeit in ein Büro gingen, als sie die meiste Zeit des Jahres Sport trieben und soziale Kontakte pflegten, folgte auf die deftigen Weihnachtstage sehr zuverlässig das große Askesespektakel des Jahres. Diäten, Fasten, Bauchwegtrainings, für die meisten waren es flüchtige Erscheinungen. Bis zum nächsten Winter jedenfalls.

Dank Corona ist das inzwischen anders. Zugenommen wird nicht mehr nur zum Fest, sondern andauernd. Homeoffice, Kontaktbeschränkungen und der zeitweilige Stillstand von Öffentlichkeit haben aus Pölsterchen Polster gemacht, zwei von fünf Deutschen haben zugenommen, und zwar bis zum vergangenen Sommer durchschnittlich schon elf Pfund. Und gegen so eine Dauerverfettung hilft doch vermutlich nur Dauerdiät. Fragt sich bloß welche?

Die Forschung weiß darauf seit Jahren schon Rat, zumindest bemüht sie sich, den Eindruck zu erwecken. Kaum eine Diät kommt zudem ohne wissenschaftliche Verkleidung daher, und natürlich nicht ohne „renommierte“ Me­di­zi­ne­r:in­nen – oder selbsterfahrene Autor:innen, die schlank und vor Gesundheit strotzend von gephotoshoppten Buchseiten ihre Le­se­r:in­nen angrienen. Viele der Schrei­be­r:in­nen geben sich vom Erfolg ihrer Bücher überrascht, aber die Verlage wissen es besser.

Das Märchen vom gesunden Essen, es macht sich immer bezahlt. Denn es gibt Studien, mit denen man aus den Märchen Wahrheiten stricken kann. Weil Studien von vielen Menschen noch immer mit Beweisen verwechselt werden. Und weil Ernährungsforschung immer noch für eine Wissenschaft gehalten wird.

Gehyptes Intervallfasten

Da sind zum Beispiel die zwei Mäuse aus Kalifornien, deren Porträtfoto, es ist dank eines Ernährungsbestsellers längst Legende, das Fundament des Intervallfasten-Hypes wurden. Die genetisch identischen Tierchen hatten Zeit ihrer kurzen Existenz die gleiche Menge fett­reiches Futter und gleich viel Bewegung bekommen, sahen aber ganz unterschiedlich aus. Die eine war superdick, die andere schlank. Was die beiden Tiere unterschied, war, dass die schlanke Maus nicht jederzeit ihr Futter gefressen hatte, so wie die sehr dicke – sondern nur in einem Zeitfenster von acht Stunden pro Tag.

Jetzt sind Mäuse immerhin Säuge­tiere, und irgendwas muss so ein Befund doch zu bedeuten haben. Denkt man. Und tatsächlich feiern die meisten Menschen erst mal Erfolge, wenn sie anstatt den ganzen Tag nur noch den halben Tag futtern. Aber selbst Untersuchungen an menschlichen Versuchstieren haben bis heute nicht belegen können, dass Übergewichtige mit dieser modernen oder auch der umgedrehten Form des Dinner-Cancelling dauerhaft abnehmen.

Vielmehr schlägt am Ende doch meistens der berüchtigte Jojo-Effekt zu. Womöglich liegt es daran, dass der Verzicht aufs Frühstück oder Abendessen für manche auf Dauer nicht auszuhalten ist. Denkbar ist auch, dass Menschen einfach keine Mäuse sind. Ein Umstand, der von Ernährungsforschenden trotz ihres Renommees sehr gern übersehen wird.

Aber das Intervallfasten, das trotz fehlender Belege für einen Langzeiteffekt ganz oben auf der Diäten-Beliebtheitsliste steht – man darf immerhin essen, was man will – ist natürlich nicht der einzige wissenschaftlich pseudofundierte Trend im Abspeckuniversum.

„Anerkannte Spezialisten“

In einem beliebten Ranking des U.S. News & World Report, das jährlich im Januar von einem nicht näher beschriebenen Panel „national anerkannter Spe­zia­lis­t:in­nen“ bestimmt wird, rangiert seit vielen Jahren ganz weit oben DASH („dietary approach to stop hypertension“), eine Diät, die eigentlich für Menschen mit Bluthochdruck entwickelt wurde.

Das Besondere an der Abnehmmethode ist nicht einfach zu erkennen, sie gleicht in ihrer Freudlosigkeit vielen anderen Empfehlungen für eine ausgewogene Ernährung. Selbst bei den Milchprodukten fettreduziert, dafür ballaststoffreich, mit viel Obst, Gemüse und Vollkorn, zugleich möglichst frei von Rind- und Schweinefleisch. Als Nachteil gilt, dass man für die Mahlzeiten einkaufen gehen und mit den Zutaten selbst kochen muss. Doch selbst jene, die das hinbekommen, werden irgendwann doch fahnenflüchtig. Es könnte daran liegen, dass auch Salz in dieser Kostform verpönt ist.

Wer nun denkt: Ach, aber auf Salz sollte man doch ohnehin verzichten, der liegt unglücklicherweise auch noch richtig falsch. Während die Studienlage für echte Hy­per­to­ni­ke­r:in­nen auf einen winzigen positiven Effekt von reduziertem Salzkonsum hinweist, warnen die Au­to­ren:­in­nen der bislang umfassendsten Analyse zu Blutdruck und Salzkonsum vor einer Salzreduktion, wenn man ansonsten gesund ist. Die Sterblichkeit nimmt für diese Menschen nämlich nicht ab, sondern zu. Und krank werden möchte man durch eine Diät ja eher nicht.

Aber zum Glück gibt es weitere Alternativen, und in manchen davon sind die Nachwehen einer fast schon vergessenen Ernährungsform zu spüren, der Glyx-Diät, deren Grundlage der sogenannte glykämische Index ist. Warum sonst sollte ständig von Blutzuckertief und damit verbundenen Heißhungerattacken die Rede sein?

Der Kartoffel an den Kragen

An den Kragen geht es dabei unter anderem der wunderbaren Kartoffel, die zu gefährlichen Blutzucker- und Insulinspitzen führen, statt satt nur hungrig und deshalb so dick wie krank machen soll. Belege in dem Sinne, dass man diesen bösen Effekt an echten Menschen in einer gut gemachten Studie gezeigt hätte, gibt es dafür zwar nicht. Eher zeigen die wenigen kleinen Annäherungen mit Knollen essenden Probanden, dass Kartoffeln satt machen und überhaupt ein ziemlich gutes Lebensmittel sind. Aber einmal in die Welt gesetzt, hat es die Verteufelung der Kartoffel bis in aktuelle Ernährungsbücher hinein geschafft.

Man kann sich noch endlos weiter durch sehr viel schlechtere Ernährungskonzepte fräsen oder sich fragen, was an der Mittelmeer-Diät eigentlich Diät ist, schließlich essen die Menschen in Italien, Griechenland und Spanien nicht so, wie sie essen, um abzunehmen. Ähnliches gilt für die Flexitarier-Diät, hinter der sich tägliches Kochen ohne täglichen Fleischkonsum verbirgt. Willkommen im Klimawandel.

Das größte Problem der meisten Diäten aber ist letztlich die Ernährungsforschung, die dem ganzen Wahnsinn unaufhörlich Nahrung liefert. Mit Mäuseversuchen, schlecht gemachten Studien an Menschen und Schlussfolgerungen, die weit über die Erkenntnislage hinausgehen, was von seriösen Wissenschaftler:in­nen irgendwann zwar stets festgestellt wird, aber keine Beachtung findet.

Warum das so ist? Es gibt ein paar Hinweise aus der Wissenschaft selbst, allerdings lassen sie sich nicht besonders gut vermarkten. So hat der US-amerikanische Epidemiologe David Jacobs von der University of Minnesota bereits vor fast 15 Jahren davor gewarnt, Essbares aufgrund der Inhaltsstoffe zu beurteilen. „Nahrungsmittel, nicht Nährstoffe sind die fundamentale Einheit in der Ernährung“.

Gesamtkunstwerke

Dahinter steht der sehr plausible Gedanke, dass eine Paprika nicht wegen des vielen Vitamin C ein gutes Lebensmittel ist, weshalb man das Vitamin C auch als Pulver einnehmen und nebenbei stark verarbeitete Produkte aus der Lebensmittelindustrie konsumieren kann. Die Paprika mit ihren vielen verschiedenen Nährstoffen, Spurenelementen, Vitaminen und Ballaststoffen bildet ein Gesamtkunstwerk, eine Matrix, die zwar auch durchs Kochen verändert wird, aber jeden Stoff im Zusammenspiel wirken lässt.

Es gibt bis heute keine Erkenntnis aus der Ernährungswissenschaft, die diesen Ansatz widerlegen könnte. In der Praxis bedeutet er, so viele echte, also komplett unverarbeitete Nahrungsmittel wie möglich auszuprobieren und selbst damit zu kochen. Es ist die aufwändigste Form der Ernährung, die teuerste noch dazu, man könnte auch sagen, sie sei sehr unbequem.

Aber nach Weihnachten, wenn das dritte Jahr der Pandemie mit neuen Maßnahmen begonnen hat, lässt sich die Zeit zu Hause womöglich besser mit einem schönen Kochbuch nutzen – einem Buch, das statt Gesundheit oder schnellem Abnehm­erfolg einfach gutes, vielseitiges Essen verspricht – als mit dem Versuch, durch Verzicht und Selbstbeschränkung dünner zu werden. Nicht nur die Kartoffel wird dankbar sein.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de