Forscher über Argentinien: „25 bis 30 Prozent leben in struktureller Armut“
Der Sozialforscher Agustín Salvia wirft der argentinischen Regierung von Javier Milei vor, Erfolgszahlen über die Reduzierung der Armut falsch zu berechnen.
taz: Herr Salvia, der libertäre Präsident Javier Milei hat kürzlich einen Rückgang der Armutsrate bejubelt. Zu Recht?
Agustín Salvia: Das staatliche Statistikamt hat für das zweite Halbjahr 2025 eine allgemeine Armutsrate von 28,2 Prozent verkündet und damit einen Rückgang von 3,4 Prozentpunkten. Nach unserer Erhebung liegt die multidimensionale Armut jedoch bei 35 Prozent. Und laut Statistikamt leben 7 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut – wir haben 17 Prozent errechnet.
taz: Wie kommen die Unterschiede zustande?
Salvia: Grundlage der staatlichen Berechnungen ist ein Warenkorb mit Grundnahrungsmitteln, der das Existenzminimum abbildet und regelmäßig an die Preisentwicklung angepasst wird. Aber als Grundlage wird der Warenkorb von 2004 genommen. Damals waren Tarife und Dienstleistungen stärker subventioniert und deshalb geringer gewichtet. Wird die Armut nur über das Einkommen gemessen, erfasst das deshalb nicht die tatsächliche Notlage.
ist Soziologe und Sozialökonom und leitet seit 2004 das Observatorio de la Deuda Social Argentina an der Universidad Católica Argentina. Dieses interdisziplinäre Forschungszentrum analysiert systematisch Armut, soziale Ungleichheit und Ausgrenzungsprozesse. Es gilt als eine der maßgeblichen und unabhängigsten Referenzinstitutionen Argentiniens für die empirische Erfassung und Bewertung sozialer Probleme.
taz: Ihre Beobachtungsstelle benutzt statt Armut auch den Begriff „Sozialschuld“. Was soll das sein?
Salvia: Sozialschuld beschreibt die ungerechten Defizite einer Gesellschaft, für die Betroffene nicht verantwortlich sind. Diese Defizite gelten als ungerecht, wenn sie gegen Normen, Grundsätze, Verfassungsregeln oder internationale Abkommen verstoßen, die eine Gesellschaft als Grundlage für wirtschaftliche, soziale und politische Rechte festgelegt hat. Armut ist dagegen eng mit einer ökonomischen Perspektive verknüpft und konzentriert sich hauptsächlich auf Einkommen, Ressourcen und Lebensstandard.
taz: Und wie wird Sozialschuld gemessen?
Salvia: Sie wird anhand mehrerer Indikatoren erfasst, die unterschiedliche Lebensbereiche abdecken. Dazu zählen der fehlende Zugang zu sozialer Sicherheit, Gesundheitsprobleme, weil man sich keine Medikamente leisten kann, beengte oder prekäre Wohnverhältnisse, Leben in einer belasteten Umwelt sowie Bildungsdefizite bei Kindern und jungen Erwachsenen. Auf dieser Basis wird multidimensionale Armut gemessen, also eine Armut, die über das reine Einkommen hinausgeht.
taz: Und wo steht Argentinien heute?
Salvia: Etwa 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung ist von struktureller Armut betroffen, also von dauerhaften Lebens- und Wirtschaftsverhältnissen, die sozialen Aufstieg kaum ermöglichen. In dieser Bevölkerungsgruppe sind Unterernährung und Drogenkonsum weit verbreitet, die Menschen leben von der Hand in den Mund und es herrscht eine Kultur der Schattenwirtschaft und des Überlebenskampfes. Die Betroffenen sichern sich ihr Einkommen im informellen Sektor. Es gibt kaum Möglichkeiten, Kapital anzusparen und zu investieren, und wenn doch, dann reicht es gerade, um einen Obst- und Gemüsestand oder einen Kiosk zu eröffnen oder ein Auto zu kaufen, um als Uber-Fahrer zu arbeiten.
taz: Wer muss in Argentinien fürchten, in die Armut abzurutschen?
Salvia: Die Gesellschaft lässt sich in drei Teile gliedern. Etwa 30 Prozent gehören zur Mittel- und Oberschicht. Sie sind gut ausgebildet und profitieren von den Modernisierungs- und Globalisierungsprozessen. Weitere 30 Prozent der Bevölkerung leben in einem informellen und marginalisierten Wirtschaftssektor, in dem die Armut dauerhaft besteht. Die verbleibenden 40 Prozent bildet die traditionelle Mittelschicht mit weniger qualifizierten Fachkräften. Innerhalb dieser Gruppe streben etwa 20 Prozent nach sozialem Aufstieg, während die anderen 20 Prozent vor allem darum bemüht sind, nicht in die Armut abzurutschen.
taz: Die Regierung erwartet für die kommenden Monate eine sinkende Inflationsrate. Was würde dies bedeuten?
Salvia: Da viele Einkommen und die Renten an die Inflation gekoppelt sind, jedoch mit Verzögerung angepasst werden, könnte eine sinkende Inflationsrate kurzfristig zu einem Anstieg der Kaufkraft führen. Dies könnte einen begrenzten Aufschwung auslösen und der Regierung eine gewisse Atempause verschaffen. Wenn gleichzeitig die Kreditvergabe zunimmt und die Zinsen insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen sinken sowie der Konsum leicht anzieht, könnte sich die wirtschaftliche Lage insgesamt stabilisieren. Damit hätte Präsident Milei bessere Voraussetzungen, um ins Präsidentschaftswahljahr 2027 zu starten.
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