Forderung nach Familienarbeitszeit: „Ein gesellschaftliches Großthema“

Der Regierungssprecher watschte Familienministerin Schwesig dafür ab. Aber sie hält an der 32-Stunden-Woche fest.

Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin, will eine Familienarbeitszeit. Bild: dpa

BERLIN taz | Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will trotz scharfer Kritik eine Familienarbeitszeit für Eltern mit Kleinkindern durchsetzen. „Ich halte an der Idee einer Familienarbeitszeit fest, die vom Staat unterstützt wird“, sagte Schwesig der taz.am wochenende.

Viele Eltern wünschten sich, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. „Das ist ein gesellschaftliches Großthema“, sagte Schwesig. Zwischen 25 und 45 Jahren wolle man im Beruf erfolgreich sein, die Kinder seien klein, die Eltern vielleicht schon pflegebedürftig. „Im Grunde geht es nur um wenige, aber wichtige Jahre in der Rushhour des Lebens.“

Schwesig betonte weiter: „Die Frauen möchten sich nicht mehr von älteren Herren in der Politik einreden lassen, sie seien Rabenmütter.“

Im Januar war die Familienministerin mit der Idee einer Familienarbeitszeit zunächst gescheitert. Demnach sollten Eltern mit Kleinkindern ihre Arbeitszeit auf 32 Stunden pro Woche reduzieren dürfen. Der Staat sollte einen Teil des Lohnausfalls ersetzen.

Manuela Schwesig ringt darum, Kind und Karriere zu vereinbaren. Nicht nur als Familienministerin. Warum sie trotz eines Kanzlerinnen-Rüffels immer noch an ihre Idee von der 32-Stunden-Woche glaubt, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 21./22. Juni 2014. Außerdem: Bekommen wir bald Vollbeschäftigung? Ein Vater blickt in die Zukunft seines Sohnes. Und im sonntaz-Streit: Nordsee oder Ostsee? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

In der Union stieß der Vorstoß damals auf Kritik. Regierungssprecher Steffen Seibert nannte die Idee einen „persönlichen Debattenbeitrag“ der Ministerin.

Der Vorschlag brachte Schwesig allerdings einige Zustimmung aus der Gesellschaft. Auch in anderen Parteien links der Mitte begannen sich die familienpolitischen Fronten zu verschieben. Lange hatte es Betreuungsgeld gegen Kita-Ausbau geheißen. Mittlerweile zweifelt nicht nur Schwesig am Sinn dieser Konfrontation, auch viele Grüne und Linke sind nicht mehr sicher, ob eine kluge Familienpolitik nicht flexibler aussehen muss.

Kipping will Dogmen vermeiden

Linkspartei-Chefin Katja Kipping etwa will künftig Dogmen vermeiden. „Die Linkspartei darf nicht ausstrahlen, alle Frauen durch die Segnungen der Erwerbsarbeit zwangsemanzipieren zu wollen“, sagte Kipping der taz.am wochenende. Männer müssten sich mehr an der Familienarbeit beteiligen.

Kipping lobte außerdem Schwesigs Vorstoß für eine 32-Stunden-Woche für Eltern mit Kleinkindern. „Auch wenn Schwesig zurückgepfiffen wurde, das wird kommen“, sagte Schwesig. Die Gesellschaft sei weiter als die Politik. „Was ansteht, ist die Emanzipation der Männer.“

Bisher ist die Linkspartei in der Familienpolitik vor allem für den Ausbau von Kitaplätzen eingetreten, um Frauen die schnelle Rückkehr in eine Vollzeitstelle zu ermöglichen. Kippings Plädoyer gegen Zwangsemanzipation ist ein neuer Tonfall.

Grüne mit „Zeitpolitik“ für Gerechtigkeit

Auch die Grünen suchen nach neuen Ansätzen. Ihr Bundesgeschäftsführer Michael Kellner hat die „Zeitpolitik“ zu einem von vier programmatischen Schwerpunkten erklärt, die seine Partei sich für die nächsten Monate setzt. „Es gibt so viele Lebensentwürfe zwischen zwei Vollzeitjobs und dem klassischen Alleinverdiener-Modell“, sagte Kellner der taz.am wochenende. Natürlich müssten auch Mütter die Chance auf die 40-Stunden-Woche haben, wenn sie wollten – wofür auch noch viel zu tun sei. Aber sie sollten sich nicht in eine Rolle gedrängt fühlen. „Als Grüne sollten wir nicht ausstrahlen: Alle müssen Vollzeit arbeiten.“

Die Partei ist dabei, sich neu zu besinnen. Noch in der vergangenen Legislaturperiode wurden jüngere Abgeordnete mit teilzeitorientierten Konzepten weggeschickt. Der Vorwurf der grünen Feministinnen: latent frauenfeindlich. Das Ideal aus den 80er Jahren lautete Vollzeitarbeit, auch für Mütter.

Für Kellner ist die „Zeitpolitik“ auch wichtig, weil sie eine Gerechtigkeitsfrage beinhaltet: Zeit für die Familie soll nicht nur Gutverdienern möglich sein, sondern auch Müttern und Vätern mit geringerem Einkommen.

In der Titelgeschichte „Mehr Zeit für Fußball“ der taz.am wochenende vom 21./22. Juni 2014 lesen Sie, warum die politischen Vorstöße von Schwesig, Kipping und Kellner auch privat motiviert sind.

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