Folgen eines Brandanschlags

Angst und Angst

Auf ein Flüchtlingsheim in Laatzen wird ein Brandanschlag verübt. Jetzt fürchten sich Bürger und Asylsuchende.

Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Laatzen. Foto: Philipp von Ditfurth/ dpa

HANNOVER taz | Der Albtraum beginnt am Silvestermorgen. Unbekannte schneiden gegen 3.45 Uhr ein Loch in den Zaun auf der Rückseite eines Flüchtlingsheims in Laatzen-Gleidingen, einem Vorort von Hannover. Sie werfen Grillanzünder in einen Kellerschacht der Unterkunft, eines ehemaligen Hotels mit Holzfassade.

Die aktuell 59 Schutzsuchenden, die erst am 16. Dezember eingezogen sind, haben Glück: Eine Nachbarin bemerkt den Feuerschein, alarmiert einen Mann vom Sicherheitsdienst. Der 46-Jährige kann die Flammen mit dem Feuerlöscher ersticken – verletzt wird niemand, verqualmt sind nur die Kellerräume.

Doch der Albtraum geht weiter. Zehn Tage später, am vergangenen Sonntagabend, verhaftete die Polizei in der Flüchtlingsunterkunft einen der Bewohner. Dem 23-Jährigen aus dem Libanon wird massive sexuelle Gewalt vorgeworfen: In der Gleidinger Ortsmitte mit ihrer Mischung aus Fachwerkhäuschen und zwei- bis dreistöckigen Sechzigerjahre-Bauten, keinen Kilometer vom Heim entfernt, soll er eine 45 Jahre alte Frau zunächst mit anzüglichen Gesten und Sprüchen genervt, sie danach verfolgt haben. Mit entblößtem Penis habe er ihr zwischen die Beine und an die Brust gefasst, sagt die Frau – erst nach lauten Hilferufen sei der Täter weggelaufen.

„Versuchte Vergewaltigung“

Über die „versuchte Vergewaltigung“ berichtet die Lokalpresse jetzt seitenfüllend. „Beschissen“ sei die Stimmung unter den rund 4.300 Einwohnern Gleidingens, erzählt der Kioskbesitzer Egon Müller, der von seinen Zeitungen und Zigaretten auf die Straße des Tatorts blicken kann: „Eine meiner Kundinnen hat so große Angst, dass sie wegziehen will.“ Nun versuche er, sie zu beruhigen: „Hier ist doch schon etwas passiert, hier ist jetzt verstärkt Polizei, hier ist es sicher.“

Den Flüchtlingen aber steht auch er skeptisch gegenüber: „Viele sprechen kein Wort Deutsch. Viele interessieren sich nicht für unser Land“, glaubt er. Über die Brandstiftung spricht er erst auf Nachfrage: „Natürlich“ sei es „nicht richtig“, mit einem Brandanschlag 59 Menschen nach dem Leben zu trachten. „Trotzdem: Ich habe nicht nur Gutes über Flüchtlinge gesagt“, sagt er beim Abschied.

Pauschale Urteile gegen Flüchtlinge

Auf der Dorfstraße gegenüber der Kneipe „Zum Zapfhahn“ zeigt ein Mann auf dem Nachhauseweg, wie Gerüchte funktionieren: Er habe schon von „zwei Vergewaltigungen“ gehört, sagt er. „Persönlich“ habe er zwar noch nie Probleme mit Flüchtlingen gehabt, aber:“Wir schaffen das nicht“, sagt er unter Anspielung auf das Mantra von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Wer Straftaten begeht, gehört rigoros abgeschoben.“

Besonders krass äußert sich ein Rentner, der auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle am kranzgeschmückten Denkmal für die jüdische Synagoge, die nach den Novemberpogromen von 1938 abgerissen wurde, vorbeiläuft. Kanzlerin Merkel gehöre „in die geschlossene Anstalt“, findet er – und erklärt pauschal „30 Prozent“ der Schutzsuchenden, die in die Bundesrepublik kommen, für „Verbrecher“.

Auch vielen Deutschen gehe es schlecht, klagt der Mann: „Denen hilft unser Staat nicht.“ Froh sei er nur, das er mit seinen 70 Jahren nicht mehr mitbekommen werde, „wie hier Wildwest losgeht“ – und faselt dann von „Öfen im KZ Bergen-Belsen, die man wieder anschmeißen sollte“.

Genervt vom Aktionismus der Bundespolitik

Frauen dagegen äußern sich auf der Dorfstraße nach Sarstedt differenzierter. „Traurig“ habe sie sowohl der Brandanschlag wie der Vorwurf sexueller Gewalt gemacht, sagt eine vor dem Schuhgeschäft Siebens. Natürlich täten ihr die Flüchtlinge leid, wenn sie lese, dass diese etwa in einer von Hannovers Messehallen auf engstem Raum ohne jede Privatsphäre zusammenleben müssten.

Der „Aktionismus“, den die Bundespolitik mit der Ankündigung immer neuer Gesetzesverschärfungen an den Tag lege, nerve sie „nur noch“. Stattdessen müssten die bestehende Gesetzen endlich „konsequent“ angewandt werden – und klar müsse auch sein: „Wer gegen Gesetze verstößt, muss weg.“

Ähnlich klingt auch die Friseurin im „Salon Kühne“, wenige Meter weiter: „Spinner gibt es überall“, meint sie mit Blick auf den Brandstifter und den mutmaßlichen Vergewaltiger. Klar sei aber: Ja, beides ängstige die Menschen im Dorf und auch sie selbst: „Natürlich machen wir uns alle Gedanken, sind vorsichtiger“, sagt die freundliche Frau mit Blick auf ihren Sohn, der gerade von der Schule hereingekommen ist. „Ja“, sagt sie nachdenklich, „die Leute haben mehr Angst jetzt.“

Kollektive Stigmatisierung

Angst und Verunsicherung – sie sind auch wenige Hundert Meter die Dorfstraße hinauf Richtung Hannover in der Flüchtlingsunterkunft zu spüren. „Ich glaube, dass es genug Menschen gibt, die uns hier noch einmal Anzünder ins Fenster werfen wollen“, sagt Gabriele Schuppe, die bei der Arbeiterwohlfahrt, die das Flüchtlingsheim betreibt, für Migration zuständig ist.

Die Sozialarbeiterin Elvira Hendricks, die die Flüchtlinge zusammen mit ihrer Kollegin Gülten Dündal vor Ort betreut, meint, viele der Schutzsuchenden hätten zwar mitbekommen, dass der Anschlag letztendlich ihrem Leben galt, „weil aber die Feuerwehr so schnell hier war und glücklicherweise niemand verletzt wurde, bleibt das Gefühl: Es ist ja nichts Schlimmes passiert“.

Viel mehr sorgt die Bewohner des Flüchtlingsheims, dass sie wegen der Verhaftung des unter Vergewaltigungsverdacht stehenden 23-Jährigen von den Dorfbewohnern kollektiv stigmatisiert und als Kriminelle abgestempelt werden könnten. In Aufregung sind nicht nur die 20-jährige Frau des Libanesen und einer seiner Freunde, die immer wieder beteuern, sie könnten sich die Vorwürfe nicht erklären – das Ganze müsse ein Irrtum, eine Verwechselung sein.

Polizei macht Spielregeln klar

Auch unbeteiligte Heimbewohner spüren eine neue Feindseligkeit: „Ich merke doch, dass die Deutschen mich plötzlich misstrauisch anschauen, selbst wenn ich nur Kleinigkeiten einkaufe“, sagt etwa der Flüchtling Mohammed al-Mohammed, der es aus der syrischen Stadt Qamischli an der Grenze zur Türkei nach Deutschland geschafft hat. „Es ist schlimm, wenn die Polizei zu uns kommt“, glaubt er. „Andauernd ein Polizeiwagen vor der Tür: Wie sieht das aus?“

Die Verunsicherung spüren auch die Polizisten Dirk Rindfleisch und Wolfgang Deike. Die beiden Kontaktbeamten sind in die Unterkunft gekommen, um den Schutzsuchenden ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln – einerseits. Auf der anderen Seite wollen sie grundlegende Spielregeln des Zusammenlebens noch einmal klarmachen. „Niemand muss in Deutschland Angst vor der Polizei haben, wenn er sich an Recht und Gesetze hält“, sagt Polizist Rindfleisch.

Jeder seiner Sätze wird erst ins Arabische, dann ins Albanische übersetzt: Sexuelle Übergriffe wie Silvester in Köln und Hamburg würden nicht geduldet, sondern „schwer bestraft“– genau wie jede andere Form von Gewalt, auch in der Familie. Ebenso verboten seien Drogen und Symbole terroristischer Vereinigungen wie etwa die des sogenannten „Islamischen Staats“.

Zivilisiertes Syrien, europäisches Albanien

Von den MigrantInnen kommt Widerspruch – die große Sorge, pauschal als kriminell betrachtet zu werden, ist ihnen anzumerken. „Albanien gehört zu Europa. Auch da sind Drogen verboten“, sagt ein Flüchtling aus Tirana. „Syrien ist ein modernes Land. Wir wissen, dass man Frauen nicht belästigt – und vor dem Terror des IS bin ich doch selbst geflohen“, sagt ein anderer. Staunen herrscht, als erwähnt wird, dass es in Deutschland doch gesetzeskonform ist, Shisha zu rauchen – nur eben ohne Hasch.

Polizist Rindfleisch ist mit seinem Auftritt zufrieden: „Wir versuchen, mögliche Konflikte schon im Voraus zu entschärfen“, sagt er. „Wäre doch ärgerlich, wenn jemand wegen eines falschen Straßenbahntickets eine Strafe kassiert.“

Stabilisiert werden soll so auch die Stimmung im Ort selbst. Natürlich stärke die sexuelle Gewalt von Köln rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien wie NPD und AfD, meint der Streifenbeamte. „Immerhin hat in Gleidingen noch niemand zur Gründung einer Bürgerwehr aufgerufen wie etwa in Hannover oder Hamburg“, sagt er – und hilft einer Bürgerin, die gerade vorgefahren ist, Kleiderspenden ins Heim zu tragen.

Wunsch nach Normalität

Es sind diese kleinen Gesten, die den Bewohnern Mut machen. „Unheimlich gefreut“ habe sie, sagt Sozialarbeiterin Hendricks, dass auch nach den Vergewaltigungsvorwürfen Nachbarinnen vorbeigekommen seien, um ihre Hilfe anzubieten. „Das zeigt doch, dass die Leute in Gleidingen eben nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren.“

Normalität wünscht sich auch der 24 Jahre alte Mohammed al-Mohammed. „Wir sind vor dem Krieg geflohen“, erklärt er. „Wir suchen hier Sicherheit, gehen jeden Tag zur Schule, versuchen, schnell Deutsch zu lernen und dann eine Arbeit zu finden. Wir sind nicht hier, um Probleme zu machen.“

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