Flutkatastrophe in Westdeutschland: Keine Entspannung in Sicht

Die Unwetterkatastrophe sorgt in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz weiter für Verwüstungen. Inzwischen gibt es mehr als 100 Tote.

Von Haustrümmern begrabenes Auto

Erftstadt, Ortsteil Bessem, nach der Flut Foto: David Young/dpa

BERLIN taz | Am späten Freitagabend war es dann doch soweit. Die Hoffnung, dass der Damm der Rur im Kreis Heinsberg halten würde, erfüllte sich nicht. Mit Tausenden von Sandsäcken war er noch in den vergangenen beiden Tagen erhöht worden. Doch das Hochwasser war zu mächtig. Noch in der Nacht mussten die rund 700 Ein­woh­ne­r:in­nen in Ophoven, einem Ortsteil der im Kreis gelegenen Stadt Wassenberg in Windeseile evakuiert werden. Auch die Ortschaft Ohe wurde evakuiert.

Die Unwetterkatastrophe hat Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz weiter fest im Griff. Wegen Starkregens sind Flüsse massiv über die Ufer gestiegen. Kleine Bäche wurden zu reißenden Strömen. Ganze Ortschaften wurden überflutet. Etliche Häuser sind eingestürzt, zahlreiche Straßen und Brücken zerstört. Es gibt mehr als 100 Tote. Immer noch werden viele Menschen vermisst, ihre genaue Zahl ist unklar.

Bis Freitagabend waren noch mehr als 100.000 Menschen ohne Strom. Vielerorts war auch das Mobilfunknetz gestört. In mehreren Stadtteilen von Eschweiler wurden die Menschen dringend davor gewarnt, Leitungswasser zu trinken. „Das Wasser kann auch NICHT abgekocht werden! Dies gilt bis auf Weiteres auch für die nächsten Tage!“, teilte die Stadt am Freitagabend mit. Im ebenfalls in der Städteregion Aachen gelegenen Stolberg richtete die Stadt öffentliche Abgabestellen für Trinkwasser ein.

Besonders heftig traf es das südwestlich von Köln gelegene Erftstadt. Erdrutsche von ungeheurem Ausmaß, ein riesiger Krater, weggespülte Wohnhäuser: Die Bilder aus dem Ortsteil Blessem zeugen von schier apokalyptischen Verwüstungen. Die Flut kam schnell und unaufhaltsam. Auch Teile der historischen Burg stürzten ein.

„Wegen der Dynamik“ sei die Lage in Erftstadt zurzeit „ganz besonders kritisch“, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul am Freitagmittag in Düsseldorf. „Wir gehen von mehreren Toten aus, wissen es aber nicht.“ Am Samstagmittag wollen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet die Krisenstadt besuchen.

12 Tote in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung

„Wir haben noch nicht den Stand, dass wir sagen können, die Lage entspannt sich“, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Freitag in Mainz. „Das Leid nimmt so dramatisch zu, weil wir jede Stunde neue Hiobsbotschaften bekommen.“ Noch immer seien nicht alle betroffenen Ortschaften erreichbar. „Die Schäden sind so dramatisch, dass wir noch lange mit dem Wiederaufbau befasst sein werden“, sagte sie. „Man kann nur traurig und entsetzt über alles sein.“

Dreyer bestätigte, dass bei dem Unwetter in der Nacht zum Donnerstag zwölf Be­woh­ne­r:in­nen einer Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Sinzig ums Leben gekommen sind. „Das ist ganz, ganz schrecklich, wenn man nur eine Sekunde lang daran denkt, dass in einem Wohnheim so viele Menschen umgekommen sind“, sagte sie.

Die Einrichtung der Lebenshilfe hat 36 Wohnplätze und befindet sich in einem tiefer gelegenen Viertel Sinzigs, einer kleinen Stadt, die an der Mündung der Ahr in den Rhein liegt. Nach Angaben des Geschäftsführers der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos, waren die Fluten schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können. „Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses“, sagte Mandos.

Nach Angaben des Mainzer Sozialministeriums sind von der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz mehr als ein Dutzend stationäre Einrichtungen der Pflege und Eingliederungshilfe sowie betreute Wohnangebote betroffen. Mehrere Einrichtungen seien von den Wassermassen zerstört oder unbewohnbar gemacht worden und hätten evakuiert werden müssen.

„Flutkatastrophe von historischem Ausmaß“

Kurz nach Dreyer trat NRW-Regierungschef Armin Laschet in Düsseldorf vor die Presse. „Unser Land erlebt eine Flutkatastrophe von historischem Ausmaß“, sagte er. Insgesamt sind in NRW 25 Städte und Landkreise von den Überschwemmungen betroffen – weite Teile des Rheinlands, Teile des Ruhrgebiets und kleinere Teile Westfalens. In Rheinland-Pfalz ist der Kreis Ahrweiler im Zentrum der Katastrophe. Mindestens 362 Menschen wurden hier verletzt, wie die Polizei in Koblenz am Freitag mitteilte.

Wie in Rheinland-Pfalz mussten auch in Nordrhein-Westfalen mehrere Ortschaften per Hubschrauber evakuiert werden. „Wir werden Häuser reparieren, Brücken wieder aufbauen und Verkehrswege wieder instandsetzen, aber die Menschenleben, die in den Fluten verloren gegangen sind, sind unersetzbar“, sagte Laschet.

Die Wassermassen haben auch die Verkehrsverbindungen erheblich getroffen. So mussten Streckenabschnitte mehrerer Autobahnen gesperrt werden. Stark beeinträchtigt ist weiterhin der Bahnverkehr. So waren am Freitag die Strecke von Köln über Wuppertal und Hagen nach Dortmund als auch von Köln über Bonn nach Koblenz unbefahrbar. Die Zugverbindung von Köln nach Brüssel ist ebenso unterbrochen. „Aufgrund der Vielzahl an Störungen bitten wir Sie, den Bereich NRW weiträumig zu umfahren“, teilte die Deutsche Bahn mit.

Auch Baden-Württemberg, die Schweiz, Belgien und die Niederlande kämpfen mit dem Hochwasser. In einigen Regionen Baden-Württembergs mussten Straßen gesperrt werden, im Allgäu stand ein Wohngebiet unter Wasser.

In Belgien kamen durch die Unwetter bislang mindestens 20 Menschen ums Leben. Nach Angaben des belgischen Innenministeriums gelten weitere 20 Personen nach den Überschwemmungen im Osten des Landes als vermisst. Aufgrund des Hochwassers der Maas wurden in den Niederlanden rund 10.000 Menschen zum Verlassen ihrer Wohnungen aufgerufen. In Venlo wurde ein Krankenhaus mit 200 Pa­ti­en­t:in­nen evakuiert.

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