Filmfestspiele in Cannes: Mit Vorhängeschloss um den Hals
Cannes Cannes 7: Wes Andersons phönizische Machenschaften, zärtliche Hommage an Jean-Luc Godard und beeindruckende Biker bei den Filmfestspielen.
Das US-amerikanische Kino ist nicht tot. So hatte es Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter der Filmfestspiele von Cannes, vorab gegenüber der Presse beteuert. Und die US-amerikanischen Regisseure im Wettbewerb geben ebenfalls keinen Anlass zur Sorge um den Gesundheitszustand. In der Mehrheit zumindest.
Sich an der Vergangenheit abarbeiten, ist immer ein guter Ansatz, um sich auch über die Gegenwart ein klareres Bild zu verschaffen. Selbst da, wo man sich respektvoll vor alten Meistern verneigt. Der Regisseur Richard Linklater, der im Frühjahr erst auf der Berlinale den Film „Blue Moon“ im Wettbewerb vorgestellt hatte, bewirbt sich in Cannes mit dem Tributfilm „Nouvelle Vague“ für eine Goldene Palme. Darin erzählt er in nostalgischem Schwarz-Weiß von den Dreharbeiten an Jean-Luc Godards Klassiker „Außer Atem“ von 1960.
Die Entstehung von Godards Spielfilmdebüt, das mit seinem unorthodoxen Ansatz und seinen technischen Innovationen zu den einflussreichsten Filmen überhaupt zählt, schildert Linklater fast bescheiden als eine Komödie um einen dreisten Egomanen, der mit seiner kompromisslosen Art die Leute vor den Kopf stößt, vor allem seinen Star Jean Seberg, die immer wieder kurz davor steht, den Dreh hinzuschmeißen.
„Nouvelle Vague“ ist zudem Linklaters erster auf Französisch gedrehter Film, lediglich Zoey Deutch in der Rolle der Jean Seberg spricht vorwiegend Englisch. Der Film erweist den Regisseuren der Nouvelle Vague von Agnès Varda bis Robert Bresson seinen Respekt, ohne allzu ehrerbietig zu sein. Linklater hat kein Problem damit, auch mal über Godard zu lachen. Und dass Godard ohne übertriebene Gesten von Guillaume Marbeck gespielt wird, der wie der Rest der französischen Besetzung kaum bekannt ist, trägt entscheidend zum lockeren Drive des Ganzen bei.
Die obligatorischen Pastellkulissen des Wes Anderson
Bei Wes Anderson ist so ein Ansatz nicht mehr denkbar. Ohne seine Starmannschaft und seine Tableaux vivants mit aufwendig gebauten Kulissen wäre ein neuer Film von ihm kein Wes-Anderson-Film mehr. „The Phoenician Scheme“ setzt da keine neuen Maßstäbe, setzt dafür aber den Hauptstar Benicio del Toro als windigen Unternehmer Zsa-Zsa Korda wunderbar in Szene. Zudem gibt Anderson ihm die Möglichkeit, sein komisches Talent auszuleben. Die wunderbar trockene Mia Threapleton als Kordas Tochter Liesl und Michael Cera als ihr Hauslehrer Bjorn Lund mit herrlich aufgesetztem schwedischen Akzent tun ihr Übriges.
Von der Pandemie-Satire „Eddington“, in der Regisseur Ari Asters mit den USA von heute abrechnen möchte, aber vor allem Fragen nach dem eigenen Wohlbefinden aufwirft, muss nicht weiter die Rede sein. Dafür sei noch auf einen eher ungewöhnlichen Film aus der Reihe „Un Certain Regard“ hingewiesen: Der britische Regisseur Harry Lighton stellte dort sein Spielfilmdebüt „Pillion“ vor. Der Film zeigt Alexander Skarsgård als Ray, einen Biker, der mit seiner Motorradkluft den schüchtern-unscheinbaren Colin (Harry Melling) beeindruckt.
Das sehr ungleiche Paar findet an einem Weihnachtsabend zusammen. Colin bemerkt erstaunt, dass ihm die dominante Art von Ray gefällt. Fortan unterwirft er sich bereitwillig. Harry Lighton erzählt dies mit dem leichten Ton einer britischen Komödie, ohne seine Protagonisten preiszugeben. Er möchte vermutlich vielmehr einfach ein möglichst großes Publikum für sein Anliegen. Dabei gelingt es ihm, die fragile Balance zwischen Rollenspiel und einer nicht von Regeln bestimmten Zärtlichkeit anzudeuten. Vorhängeschloss um den Hals muss aber sein. Eine schöne Überraschung, vielleicht nicht für jeden Geschmack.
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