Film „Rains Over Babel“: Er will in seinen Körper zurück
Zwischen Punk, Drag und Dante inszeniert Regisseurin Gala del Sol „Rains Over Babel“. Lebende, Tote und Untote treiben sich darin herum.
Foto: Pro-Fun Media
Das mit Abstand Farbloseste an diesem Film ist Rosa, ein albinoartiger Gecko. Aber immerhin ist Rosa ein Gecko, der spricht. Der Rest von „Rains Over Babel“: eine verdammt bunte, noch im Dunkeln grelle, fantastisch unerwartbare Hölle, und zwar in Gestalt eines Nachtclubs, eben des titelgebenden Hauptschauplatzes namens Babel. Wobei „Hölle“, das trifft es nicht ganz. Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin, Ko-Schnittmeisterin Gala del Sol hat sich Inspirationen bei Dante geholt und jagt ihre Figuren durch eine queere Purgatorium-Zwischenwelt, weder Leben noch Tod, auch wenn dieser Übergangsraum ganz klar in Calí, Kolumbien liegt.
Babel, so heißt der Nachtclub, man wartet gespannt auf den Auftritt einer Dragtruppe mit Namen Black Mamba. Hof hält hier eine Person namens La Flaca (Saray Rebolledo), Fingernägel sehr lang, Fluppe im Mund und auf dem Kopf mächtiger Afro, der Tod persönlich, der*die im Würfelspiel auch mal Gnade walten lässt, meist aber nicht. Hinter der Bar in Babel steht der Bartender-Teufel El Boticario (Santiago Pineda), gemeinsam mit seiner Schutzengel-Gattin Erato der Erzähler des Ganzen.
Dazu kommen allerlei Menschen, Lebende, Untote, Tote, die in Babel ihr Wesen und Unwesen treiben. Eine Figur heißt tatsächlich Dante, das ist der hochattraktive Sensenmann (Felipe Aguilar Rodriguez), der die frisch verstorbenen, nicht immer einverstandenen Seelen abholt, oder genauer gesagt, zur Pforte ins Jenseits führt, die als schnöde Tür unvermittelt in Innen- und Außenräumen herumsteht. Ganz besonders uneinverstanden ist ein Typ namens Monet (Johan Zapata), an einer Überdosis gestorben, der um jeden Preis in seinen Körper zurückwill, bevor der zu verwesen beginnt.
Die DVD
„Rains Over Babel“ (Kolumbien 2025, Regie: Gala del Sol). Die DVD ist ab rund 16 Euro im Handel erhältlich.
Eine Art roter Faden: die Geschichte von Jacob (William Hurtado), Sohn eines evangelikalen Priesters. Dieser Jacob erlebt ihm ganz und gar nicht geheure Stigmatisierungswunder am eigenen Körper, bevor er zum Happy-End-Coming-Out mit einer Babel-Truppe vor dem entsetzten Vater im Kirchenraum als Dragqueen mit Leuchtkörpern in der Perücke performt.
Zwischen Eros und Thanatos
„Rains Over Babel“ ist nicht unbedingt ein Film, der viel Zusammenhang produziert. Eher einer, der mit jeder Szene, jedem Raum, jeder Figur immer aufs Neue mit einer Staunen machenden sensorischen Überlast fasziniert. Ständiges Flackern zwischen Dunkel und Hell, kaltes Neonlicht gegen sehr warme Farben, berauschende Kostüme und wild geschminkte, bemalte, mehr oder weniger bekleidete Körper, immer neue sich öffnende und schließende Räume, fantastische Ausstattungsorgien zwischen Eros und Thanatos, Pharaonen-Zimmer Nummer 777 irgendwo oben, oder auch Wiederbegegnung von zwei Lovern, aber als Begegnung eines Lebenden mit einem schon sehr lange Toten.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Rains Over Babel“
Das ist einerseits queerer Dante-Camp, aber andererseits umwerfend professionell gespielt, ausgestattet und inszeniert – und da ist die tolle Soundspur, auf der es immerzu, aber nie bis zum Überdruss, zischt, raschelt, knallt, noch gar nicht erwähnt. Eine filmische Sinneswelt, in der man sich nur zu gerne verliert, weil hier alles immer aufs Neue überraschende, zwischen Punk, Drag und Dante schillernden Razzle und Dazzle performt.
Debüt-Regisseurin Gala del Sol (bürgerlich: Natalia Hermida) ist gerade mal dreißig, der Film feierte in Sundance Triumphe. Lief in Kolumbien mit riesigem Erfolg in den Kinos und wurde – was der neuen hart rechten Regierung sicher nicht passt – ins Oscar-Rennen geschickt. Die Fachpresse feiert Gala del Sol als kommenden Regiestar, und angesichts dieses Erstlings kann man nur sagen: völlig zu Recht.
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