Film „Mother’s Baby“: Sie fremdelt mit dem unbekannten Wesen
Der Spielfilm „Mother’s Baby“ von Johanna Moder lässt den Kinderwunsch wie Horror erscheinen. Und bietet ein Beispiel für neue Mutterfiguren im Kino.
Ein Paar im Schleudergang, zu Beginn buchstäblich. Wir sind auf einem Rummelplatz, drumherum die typische Kakofonie und Blinklichter, während die Kamera in Nahaufnahme auf Julia (Marie Leuenberger) und ihren Mann Georg (Hans Löw) fokussiert. Die beiden sitzen aufgeregt in einem Fahrgeschäft und werden Sekunden später mit wackelnden Köpfen durch die Luft geschossen – ein Auftakt, der sich getrost als Metapher auf Johanna Moders vergangenes Jahr auf der Berlinale uraufgeführten Spielfilm „Mother’s Baby“ lesen lässt.
Schon im Titel steckt eine Referenz, die den Film oberflächlich mit einer Genreschublade assoziiert: an Roman Polańskis Horrorklassiker „Rosemaries Baby“ von 1968, in dem eine Mutter schon während der Schwangerschaft Schlimmes ahnt und dann das Neugeborene unheimlich findet. Völlig verständlich, schließlich handelt es sich dabei um des Teufels Brut! Doch trotz einiger Parallelen hat Moder nach einem mit Arne Kohlweyer verfassten Drehbuch einen völlig anderen, produktiv verstörenden Film gemacht, der jegliche Eindeutigkeit gekonnt meidet.
„Mother's Baby“. Regie: Johanna Moder. Mit Marie Leuenberger, Hans Löw u.a. Österreich/Schweiz/Deutschland | 2025 | 108 Min.
In pointierten Szenen, die sich als Exposition lesen lassen, rafft „Mother’s Baby“ die Zeit bis zur Geburt zusammen. Julia und Georg wollen endlich das Kind, das ihnen bisher verwehrt geblieben ist, und geraten an Dr. Vilfort (Claes Bang), Chefgynäkologe der Privatklinik Lumen Vitae. Bereits hier wirkt alles etwas schief, der Arzt ist in seiner Nettigkeit sehr bestimmt und verspricht den beiden mündlich, dass es mit seiner neuen Methode auf jeden Fall funktionieren sollte.
Monate später, nach einem erfolgreichen Konzert, das Julia noch dirigiert, findet sich das Paar im Kreißsaal wieder. In einem furiosen Onetake gleitet die Kamera von Robert Oberrainer durch den Kreißsaal, umkreist die Mutter im Ausnahmezustand. Sie übergibt sich, plötzlich eine ungeplante Periduralanästhesie. Als das Kind kommt, eine erdrückende Stille, kein Schrei, und dann wird das Neugeborene, das laut Arzt unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hat, mitgenommen. Es sei ein Standardprozedere, sagt Dr. Vilfort.
„Du wolltest ein Kind“
Spätestens ab der Geburt kann man regelrecht dabei zusehen, wie die Dirigentin zusehends die Kontrolle verliert. Nach einer gefühlten Ewigkeit – Moder zerdehnt kalkuliert die filmische Zeit – wird der Junge gebracht. Georg bekommt ihn auf den Arm gelegt, Julias Blicke sind von Zweifel zerfressen, sie bekommt eine Panikattacke.
Und Panik ist bei allem, was dann folgt, völlig nachvollziehbar. Julia fremdelt zusehends stärker mit dem Sohn, dem sie keinen Namen geben kann. Hatte die Hebamme unter der Geburt nicht gesagt, sie fühle viele Haare? Warum ist der Sohnemann so klein, obwohl er laut Frauenärztin im Bauch überdurchschnittlich groß war? Und warum ist er so still, schreit kaum?
In bedrückenden Szenen kneift die Mutter das Baby, um ihm einen Schrei zu entlocken oder erschreckt es im Schlaf mit einem laut quietschenden Babyspielzeug. Die Gewissheitsphrase „Mama’s baby, father’s maybe“, mit der der fast schon ekelig nette, aus schwer zu definierenden Gründen beängstigende Dr. Vilfort Julia ins Gewissen redet, schwebt wie ein Damoklesschwert über der zweifelnden Mutter. „Du wolltest ein Kind“, sagt Georg. „Aber nicht dieses!“
Die Kamera zeigt das Baby-Mobile gruselig von unten, fängt seltsame Blicke des Klinikpersonals ein und erzeugt mit kühlen Bildern auch eine visuelle Distanz zwischen Mutter und Kind, und auch Hebamme Gerlinde (Julia Franz Richter) verhält sich seltsam.
Mütter mit Ecken und Kanten
Geschickt wandelt „Mother’s Baby“ auf der Kante zwischen Familiendrama und Horrorfilm und lässt verschiedene Deutungen zu. Sehen wir alles aus Julias Wahrnehmung, die, wie man sich bald einig ist, an einer postpartalen Depression leidet, oder hat die Frau mit ihren Zweifeln recht, ist das in Wirklichkeit gar nicht ihr Sohn?
Nachdem Mütter im Kino gerne genau das sind oder sein müssen: glückliche Mütter, immer da für den geliebten Nachwuchs, gibt es in den letzten zwei Jahren vermehrt Filme, in denen sie neu erzählt werden. Darin geht es um die anderen Seiten von Mutterschaft, um nicht moralisch völlig einwandfreie eindimensionale Frauen, sondern um ambivalente, auch Kranke, mit Ecken und Kanten – endlich!
Am naheliegendsten mit Blick auf „Mother’s Baby“ ist dabei sicherlich „Die, My Love“, Lynne Ramsays neuester filmischer Anschlag über eine heftig-intensiv und uneitel von Jennifer Lawrence gespielte junge Mutter, die ihr Kind liebt und zugleich am Wahnsinn kratzt. Hat sie eine postpartale Depression, eine Psychose, ist sie bipolar?
Klar wird das nicht, und wie Moder fackelt auch Ramsay Gewissheiten ab. Das disparate Verhalten der Mutter überträgt sich immer stärker auf den Film selbst, die Grenzen zwischen dem, was tatsächlich passiert, und dem, was vielleicht nur Kopf der Mutter geschieht, verschwimmen.
Ambivalente Heldinnen
Auch das deutsche Kino hat neue Mutterfiguren auf die Leinwand gebracht. Chiara Fleischhacker erzählte in ihrem mit großer Souveränität geschriebenen und inszenierten Debüt „Vena“ von einer Crystal-Meth-Süchtigen (großartig: Emma Nova), die das zweite Kind erwartet und eine Haftstrafe antreten muss. Fleischhacker bricht mit der ambivalenten Heldin mit ihren angeklebten Wimpern, künstlichen Fingernägeln und Tattoos klassische Mutter-Narrative und auch oft bemühte Klischees des sozialrealistischen Problemfilms auf.
Lilith Stangenberg schlurfte, rannte und eskalierte als werdende Mutter, die ihr aus einer Affäre hervorgegangenes Kind zur Adoption freigibt, in Kida Khodr Ramadans „Haltlos“ durch Berlin – der Titel ist auf allen Ebenen Programm. In Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ über den Widerstand der „Roten Kapelle“ brachte Liv Lisa Fries in der Rolle der Hilde Coppi ihr Kind, wie die Heldin in „Vena“, im Gefängnis zur Welt.
Geschrieben wurden all diese Filme von Frauen. Da wundert es nicht – und das soll nicht geschlechtsideologisch gemeint sein –, dass der Blick auf Schwanger- und Mutterschaft ein komplexer ist. Nein, Mutterschaft ist nicht nur eitel Sonnenschein!
Mit einem fremden Wesen in Isolation
„Es gibt einfach tausend Meinungen zu allem. Aber weißt du, du bist die Mutter und du weißt es am besten“ sagt eine Freundin in „Mother’s Baby“ zu Julia – eine Standardphrase wie ein Dolchstoß. Moder weiß sehr genau, wovon sie erzählt und kreist genreaffiziert und vieldeutig um die Frage, was es bedeutet, wenn plötzlich die geliebte Karriere und Freiheiten weg sind und die frische Mutter mit einem ihr fremden Wesen viel Zeit in Isolation verbringt.
Die deutsch-schweizerische Schauspielerin Marie Leuenberger spielt diese Mutter zwischen Vorfreude, Unsicherheit und Vielleicht-Paranoia zurückhaltend intensiv. Neben Hans Löw als nettem, alles „normal“ findenden Mann überzeugt vor allem der aus der Kunstbetriebssatire „The Square“ oder der Netflix-Miniserie „Dracula“ bekannte Claes Bang als Arzt mit Neo-Mad-Scientist-Vibes. Dieses Lächeln!
Das Jugendamt schaltet sich ein, ihr Mann traut ihr nicht mehr. Je isolierter Julia wird, desto mehr dreht „Mother’s Baby“ in seinem subtilen wie effektiven Modus frei und lässt sogar die eigentlich süßen Axolotl, die eine mehrdeutige Rolle spielen, gruselig erscheinen. Der Film endet nach einem intensiven Schleudergang auf einem krachenden Akkord, buchstäblich. Und lässt viel Platz zum Nachdenken.
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