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Festivalleiter über Ausdrucksformen„Rhythmus ist eine Art von Urkraft“

Beim „Überschlag“-Festival werden Grenzen ausgelotet. Schlagzeuger, sagt Festivalleiter Philipp Kohnke, sind Pioniere eines erweiterten Musikbegriffs.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Philipp Kohnke, wie definieren Sie als Leiter des Percussionfestivals „Überschlag“ in Hannover den Begriff Schlagzeug?

Philipp Kohnke: Ich bin der Meinung, Schlagzeug ist alles, wo man draufhaut. Eine engere Definition lasse ich nicht durchgehen. Das Festival soll nicht nur genreübergreifend sein, sondern auch Kunstformen übergreifen. Wir haben jedes Mal Veranstaltungen dabei, bei denen sich die Frage stellt, ob das überhaupt noch Konzerte sind – oder eher Performances und Soundinstallationen.

Im Interview: Philipp Kohnke

1981 in Braunschweig geboren, begann im Alter von zehn Jahren mit Schlagzeug- und Paukenuntericht an der städtischen Musikschule Braunschweig. Seit 2007 ist er Schlagzeuger des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover. Seit 2022 ist er Gründer und Leiter des Überschlagfestival.

taz: Ist es nicht überhaupt eine der Qualitäten von Musik, dass sie uns in den verschiedensten Kontexten zu Ohren kommt?

Kohnke: Genau, und ich sehe uns als Schlagzeuger als die Pioniere dieses erweiterten Musikbegriffs.

taz: Wie spiegelt sich das im Programm des Festivals wider?

Kohnke: Wir haben etwa einen Abend, den wir „After the Noise“ genannt haben. Da geht es darum, was nach der Musik, dem Klang und nach dem Geräusch kommt. Da gibt Ryosuke Kiyasu eine Performance, die schnell völlig ausufert. Er ist nur mit einer kleinen Trommel und einem Tisch auf der Bühne und was er dann macht, geht weit weg von dem, was man Musik nennt. Da stellt sich dann eher die Frage, ob man Instrumente überhaupt so behandeln darf. Bei ihm verlassen auch oft Leute den Raum.

Internationales Schlagzeugfestival

„Überschlag“, 19. bis 23. August in Hannover. Das Programm und die acht Veranstaltungsorte gibt es auf der Website des Festivals.

taz: Sie selber sind Schlagzeuger in einem klassischen Orchester. Ist das nicht oft ein undankbarer Job? In der klassischen Musik des 19. Jahrhunderts war das Schlagwerk doch oft nur für rhythmische Akzente und Knalleffekte zuständig.

Kohnke: Ja, das stimmt. Mein erster Lehrer für klassisches Schlagwerk hatte noch Klarinette gelernt und gespielt und hat dann auf Becken und Triangel umgesattelt, weil dafür im Orchester jemand gebraucht wurde. Aber interessant wurde die Orchestermusik für Schlagwerker dann vor etwa 100 Jahren.

taz: Bei Ihnen tritt auch ein Cronos Quartett auf, allerdings nicht das berühmte Streichquartett, das sich ja mit einem K schreibt. Sondern da spielen zwei Pianos und zwei Schlagzeuge.

Kohnke: Das ist ja seit der „Sonate“ von Béla Bartók fast schon eine klassische Besetzung. Und dafür gibt es mittlerweile viele gute Originalkompositionen und Bearbeitungen. Das ist übrigens das Quartett von Henrik M. Schmidt, der hier in Hannover Schlagzeugprofessor ist.

taz: Die Besetzung passt auch, weil das Piano offiziell zu den Schlagwerkzeugen zählt. Im Jazz ist es Teil der Rhythmusgruppe.

Kohnke: Das Gleiche gilt auch für die Harfe.

taz: Können Sie sich erklären, warum die Percussion in allen Musikformen und Musikkulturen solch eine große Rolle spielt?

Kohnke: Ich denke, der Rhythmus ist eine Art von Urkraft, die die anderen Elemente der Musik zusammenhält. Das Schlagwerk ist wie die Stimme eine ganz urtümliche Ausdrucksform. Und das ist auch das heimliche Thema des Festivals in diesem Jahr: zu zeigen, wie das Schlagzeug alle berührt. Auch Menschen, die keine musikalische Vorbildung haben, bekommen durch den Rhythmus einen leichten Zugang zur Musik. In diesem Sinne ist unser Festival sehr niedrigschwellig.

taz: Endet das Festival darum mit dem partizipativen Open-Air-Projekt „One City. One Puls“?

Philipp Kohnke: Genau, da kommen drei Gruppen zusammen. Das sind einmal die Musiker*innen, die auf dem Festival gespielt haben. Dann haben wir die Festivalbesucher*innen, die ein sogenanntes Partizipations-Kit erwerben können, in dem sie drei Schlaginstrumente sowie einen QR-Code zu einer Videoanleitung finden. Und dann haben wir noch das große, unvorbereitete Publikum, das sich kostenlos auf dem Platz einfinden kann und von dem Bodypercussionisten Dominik Schad dazu animiert werden wird, Musik mit dem eigenen Körper zu machen. Unser Ziel ist, dass alle, die am Sonntag um 16 Uhr auf den Ballhofplatz kommen, gemeinsam musizieren.

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