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Feministische Grabenkämpfe Wenn zwei sich streiten, freut sich die solidarische Basis

Lilly Schröder

Kommentar von

Lilly Schröder

Die Nahost-Debatte spaltet die feministische Bewegung. Zwei Demos am 8. März zeigen: Die Lösung ist, sich auf gemeinsame Grundforderungen zu einigen.

G enocide lovers“ steht über dem durchgestrichenen Körper der Frau gekritzelt, die kämpferisch eine lila Flagge schwenkt. Das verunstaltete Motiv diente als Mobilisierungsposter für die 8.-März-Demo des israelsolidarischen Bündnisses „Feminism Unlimited“. Das Bündnis versteht sich als antisemitismuskritisches Alternativprogramm für die palästinasolidarischen feministischen Gruppen, denen sie vorwerfen, jüdische Opfer auszublenden.

Während etwa 8.000 Menschen mit „Feminism Unlimited“ am feministischen Kampftag durch Prenzlauer Berg zogen, folgten Tausende andere dem Aufruf palästinasolidarischer Gruppen und versammelten sich am Kottbusser Tor zur Demo „Rise in Rage. Build in Struggle“. Von dort zogen sie durch Kreuzberg und skandierten Parolen wie „Viva, viva Palästina!“ und „There is only one solution: Intifada revolution“.

Die beiden Demos stehen exemplarisch für die tiefe Spaltung, die der Nahostkonflikt in die feministische Bewegung getragen hat. In den Grabenkämpfen geraten ausgerechnet die in den Hintergrund, um die es am 8. März eigentlich gehen sollte: unterdrückte Flinta* – in Israel, Gaza und weltweit. Ausgerechnet das, was verbinden könnte – geschlechtsspezifische Gewalt –, wird zur Trennlinie. Statt gemeinsam gegen jede Gewalt an Flinta* einzustehen, wird die sexualisierte Gewalt auf beiden Seiten der Bewegung infrage gestellt, relativiert und geleugnet.

Einigen auf gemeinsame Grundforderungen

Wer von den Spaltungen profitiert? Jene, die sich nicht in Nahostdebatten verlieren, sondern nach einem gemeinsamen Nenner suchen. In diesem Jahr waren das die Gewerkschaftsdemo und die queerfeministische Abenddemo „Fight by Night“. Ihr politisches Bindeglied: Lohngleichheit.

Bei der Gewerkschafts-Demo berichteten Betroffene von ihren Erfahrungen: Reden von obdachlosen Frauen oder der iranischen Sängerin Faravaz trieben den 30.000 Demonstrierenden Tränen in die Augen; singend und tanzend trugen sie ihre kollektive Stärke auf die Straße. Am Abend ging der Protest „Fight by Night“ kämpferisch weiter: Schreiend zogen Tausende wütende Flinta* durch Kreuzberg, begleitet von applaudierenden Anwohner*innen, Pyro und Feuerwerk. Nationale Flaggen, einseitige Israel- oder Palästinasolidarität und moralische Selbstvergewisserung spielten keine Rolle.

Die Überwindung von Grabenkämpfen und die Rückbesinnung auf Gemeinsamkeiten sollte der gesamten feministische Bewegung als Vorbild dienen – von An­ti­im­pe­ria­lis­t*in­nen und Antideutschen bis zu den Generationenkonflikten zwischen 68er-Feministinnen und Queerfeministinnen. Denn trotz aller Differenzen existiert ein gemeinsames Fundament: etwa die Abschaffung von §218, ein wirksamer Gewaltschutz, gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit sowie die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung von Care-Arbeit.

Wer sich auf diese Grundforderungen nicht einigen kann, kann sich ohnehin nicht glaubwürdig als Feministin bezeichnen – Nahost hin oder her.

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Lilly Schröder

Lilly Schröder

Redakteurin für Feminismus & Gesellschaft im Berlin-Ressort Schreibt über intersektionalen Feminismus, Popkultur und gesellschaftliche Themen in Berlin. Studium der Soziologie und Politik.
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