Feminismus in Argentinien: Streik gegen Patriarchat und Gewalt

Die feministische Streikbewegung „Ni una menos“ vereinte Kämpfe gegen machistische Gewalt und ökonomische Ausbeutung.

Eine Frau mit lila Haaren.

„Ni una Menos“-Proteste in Buenos Aires zum Frauentag 2021 Foto: Matias Chiofalo/imago

In diesem Oktober haben wir uns eines Meilensteins erinnert: Vor fünf Jahren fand der erste feministische Streik gegen die ultraneoliberale Regierung von Mauricio Macri in Argentinien statt. Und beim Feiern haben wir noch einmal gemerkt, dass wir in den letzten Jahren die dynamischste Bewegung auf der Straße und in den Haushalten geworden sind.

Der 19. Oktober 2016 war in großer Eile organisiert worden, als koordinierte Antwort auf die Ermordung der 16-jährigen Lucía Pérez. In einer Versammlung, zu der die Kampagne „Ni Una Menos“ (dt. „keine mehr“ oder „nicht eine weniger“) eingeladen hatte, entstand die Idee zum Streik, um der Wut und dem Schmerz Ausdruck zu verleihen und zu demonstrieren, welche Stärke die feministische Bewegung gewonnen hatte. Der Vorschlag machte schnell in anderen Städten und sogar Ländern die Runde.

Der feministische Streik nutzte erstmals ein Instrument des Arbeitskampfes zum Protest gegen machistische Gewalt. Damit machte er auch die systemische Verbindung deutlich zwischen wirtschaftlicher, kolonialer und geschlechtsbezogener Gewalt. Der Streik zeigte, warum es möglich ist, gleichzeitig gegen Femizide und die Ausplünderungen von Ländereien vorzugehen, gegen die Vormacht des Patriarchats und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die Resonanz war gewaltig: Gründe gab es überall und es entstanden transnationale Verbindungen, die bis heute wachsen.

Der von Frauen, Lesben, Trans- und nonbinären Personen begonnene Streik stellte darüber hinaus die Frage der Arbeit in den Mittelpunkt. Damit wurde die Definition dessen, was als Arbeit zählt, in Frage gestellt. Der Streik machte jene sichtbar, die es nicht waren: Hausangestellte, prekär Arbeitende, Migrantinnen, Arbeitslose, Rentnerinnen, Landarbeiterinnen Gewerkschafterinnen, Studentinnen, Sexarbeiterinnen.

Und das brachte eine praktische Frage mit sich: Was zählt als Arbeit? Wer bewertet das? Warum wird manches gar nicht oder unglaublich schlecht bezahlt? Welche Bezeichnungen müssen erfunden werden für die unsichtbare Arbeit, die das Leben in den Nachbarschaften, Haushalten, Gemeinden aufrechterhält?

Zudem wurde die Streikpraxis komplizierter. Was heißt Streik, wenn ich gar keinen Arbeitgeber habe? Wenn ich freelance oder zeitweise arbeitslos bin? Wie kann ich streiken, wenn ich es mir nicht leisten kann, auf einen Tagesverdienst zu verzichten? Was sind die Konsequenzen eines Streiks, wenn ich andere pflege? Die Definition von „Arbeitsplatz“ ist sehr viel größer geworden. Jetzt gehören auch die Straße, die Nachbarschaft und die Wohnung dazu, und wir haben einen neuen Blick darauf, was wir als „Arbeit“ begreifen.

Die während der Pandemie entstandene Debatte über „systemrelevante Arbeit“ hat die Tätigkeiten von Frauen in den Mittelpunkt gestellt, die durch den Streik sichtbar geworden waren und Wertschätzung erfahren haben. Das von Silvia Federici übernommene Motto „Es ist nicht Liebe, es ist unbezahlte Arbeit“ ist mit einer Wucht verständlich geworden, wie es noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre. Das wiederum zog Forderungen zu den Themen Wohnen, Homeoffice und Renten nach sich.

Die beharrlichen Streiks können Schlüsselforderungen der bezahlten oder unbezahlten Ar­bei­te­r*in­nen inmitten des ökologischen Kollapses zusammenbringen. Das feministisch erweiterte Feld des Streiks hat einen gesellschaftlichen Prozess in Gang gesetzt und erneut den Wunsch nach umfassender Veränderung auf die Tagesordnung gesetzt. Diesen politischen Prozess müssen wir weiter voranbringen.

Aus dem Spanischen Bernd Pickert

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lehrt Politische Theorie, Ökonomie und Soziologie an den Universitäten Buenos Aires und San Martín in Argentinien. Sie ist aktiv bei der feministischen Bewegung Ni Una Menos.

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