Portrait von Hila Hassan Lefkowitz mit rot-geblümter Kopfbedeckung

Hat sich an den Feminismus herangetastet: Aktivistin Hila Hassan Lefkowitz Foto: Judith Poppe

Feminismus im ultraorthodoxen Judentum:Sie sind so frei

Ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften in Israel wirken abgeschlossen. Dabei ist dort viel möglich. Ein Besuch bei Frauen, die sich Rechte ertrotzen.

Ein Artikel von

15.8.2022, 11:18  Uhr

Bis vor vier Jahren war Hila Hassan Lefkowitz, 41 Jahre alt, davon überzeugt, dass Feminismus nichts mit ihr zu tun hat. Feminismus, das war in ihren Augen etwas, das zur säkularen Welt gehörte. Sie selbst aber bezeichnet sich als Haredit, gottesfürchtig. Haredim, also ultraorthodoxe Jüdinnen und Juden, leben für gewöhnlich weitgehend abgeschottet von den Vorstellungen der übrigen israelischen Gesellschaft.

Statt auf Gleichberechtigung legen die Mitglieder der ultraorthodoxen Gemeinschaften Wert auf Geschlechtertrennung und haben ein eigenes Justiz- und Bildungssystem. Im Zweifel entscheiden Rabbiner – und die sind männlich.

Dass sich Feminismus und Ultraorthodoxie ausschließen, davon sind wahrscheinlich die allermeisten Menschen überzeugt. 2020 war die Netflix-­Serie „Unorthodox“ erfolgreich, die auf dem autobiografischen Roman von ­Deborah Feldman basiert. Feldman beschreibt ihre Befreiung als junge Jüdin aus einer New Yorker ultraorthodoxen Gemeinde. Sie musste diese Welt verlassen, um nach ihren Vorstellungen leben zu können. Einige Frauen in Israel aber suchen einen anderen Weg.

Mit rotem Lippenstift, pink-weißem Kopftuch und langem schwarzen Kleid sitzt Hila Hassan Lefkowitz in ihrem Stammcafé in der israelischen Stadt Netanja und beschreibt ihre Verwandlung zur Feministin. Angefangen hat für sie alles bei ihrem ersten Treffen mit der Initiative Nivcharot im Jahr 2018. Durch Facebook war sie darauf aufmerksam geworden. „Damals“, erzählt Hassan Lefkowitz, „wurden wir gebeten, dass diejenigen, die sich als Feministinnen bezeichnen, in einen Kreis treten. Ich bin nicht hineingegangen. Aber nach dem Treffen habe ich verstanden, dass Feminismus Gleichberechtigung bedeutet. Und daran glaube ich.“

Als Nivcharot 2012 von der Ultraorthodoxen Esty Shushan gegründet wurde, kam das einem Tabubruch gleich: Denn Nivcharot-Aktivistinnen kämpfen dafür, dass sich auch ultraorthodoxe Frauen ins israelische Parlament wählen lassen können. Sechzehn Knessetabgeordnete stellen die zwei ultraorthodoxen Listen derzeit – darunter keine Frau. Sinngemäß übersetzt heißt Nivcharot: „Frauen, die gewählt werden“.

Im Kreise der Aktivistinnen habe sie sich nicht mehr so alleine gefühlt, sagt Hassan Lefkowitz. „Ich verstand, dass es in Ordnung ist, was ich denke, dass meine Kämpfe legitim sind. Dass ich Unterstützung habe. Es gab dort andere, die so denken wie ich – Verrückte wie mich.“

Innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinschaft gibt es etliche Strömungen, einige sind sehr verschlossen, andere liberaler. Generell gilt eine strikte Trennung von Mann und Frau, die meisten haredischen Familien sind kinderreich, die Frauen werden früh Mütter. Dass Frauen singen und tanzen, sich körperlich ausdrücken, ist fast überall tabu.

Was es für diese Frauen bedeutet, sich für ihre Rechte einzusetzen, unterscheidet sich von Community zu Community. Einige Frauen von Nivcharot schrecken nach wie vor davor zurück, sich selbst als Feministinnen zu bezeichnen: „Ich frage sie dann“, sagt Hassan Lefkowitz, „ob sie für gleiche Rechte für Frauen sind und ob sie alles dafür tun würden, dass auch ihre Töchter gleiche Rechte erhielten. Sie sagen dann alle ja. Damit sind sie für mich Feministinnen.“

Mittlerweile ist Hassan Lefkowitz zu einer überzeugten Aktivistin geworden. Sie geht mit Transparenten auf die Straße, ist in der Lokalpolitik aktiv und nimmt an Ausschüssen des israelischen Parlaments teil, zu denen auch Außenstehende eingeladen werden können. Ihr sei es von klein auf schwergefallen, Kritik für sich zu behalten. Ihr Vater war in der ultraorthodoxen Shas-Partei aktiv. Von ihm übernahm sie das Interesse für die Politik – doch Hassan Lefkowitz glaubte, dass aktive politische Beteiligung für sie als Frau nicht in Frage kommt. Bis sie Nivcharot kennenlernte.

Für die meisten Frauen, die auf die Initiative stoßen, beginne eine Revolution, sagt Hassan Lefkowitz. Als setzten sie eine andere Brille auf. „Ab diesem Moment kann man nicht mehr zurück, man sieht die Ungerechtigkeit überall, nicht nur in der großen Politik, auch in der Synagoge und zu Hause.“

Für Hassan Lefkowitz war die Begegnung mit den anderen Aktivistinnen so essenziell, dass sie ihren Job im Hitech-Bereich aufgab und Projektmanagerin bei Nivcharot wurde. Mittlerweile hat sie diesen Job an eine jüngere Mitstreiterin abgegeben und ist bei verschiedenen Organisationen aktiv, die auf Gleichberechtigung in der haredischen Gesellschaft zielen.

Die Arbeit für Nivcharot ist auch eine Gratwanderung: Permanent stellt sich für die Aktivistinnen die Frage, wie weit sie gehen können, ohne aus ihren haredischen Kreisen ausgeschlossen zu werden. Rausschmisse aus Whatsapp-Gruppen, kritische Blicke und abfällige Bemerkungen seien alltäglich, erzählt Hassan Lefkowitz. Der Kontakt zu einem geliebten Teil ihrer Familie ist seit ihrem Engagement abgerissen. Und ständig besteht für sie und ihre Mitstreiterinnen die Gefahr, dass ihre Söhne oder Ehemänner von der Thora-Schule geworfen werden. In der haredischen Welt, in der das Thora-Studium für die Männer zentraler Lebensinhalt ist, kommt dies einem Ausschluss aus dem gesamten sozialen Gefüge gleich.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

„Selbst wenn Rabbiner unsere Ideen unterstützen, können sie es uns nur unter vier Augen sagen“, sagt Hassan Lefkowitz. Das sei auch bei ihrem Rabbi nicht anders. Doch die resolute Frau und Mutter dreier Söhne hatte auch Glück: „Bei vielen Frauen von Nivcharot gehen der Hausfrieden und die Ehe in die Brüche“, sagt Hassan Lefkowitz. Ihr Mann aber unterstütze sie und ihre drei Söhne seien stolz auf sie.

Für sie steht der Feminismus nicht mehr im Gegensatz zum strengen Glauben. „Ich glaube sogar, dass wir näher an der Religion und am Glauben sind als diejenigen, die uns klein machen und uns nicht die gleichen Rechte einräumen wollen“, sagt sie und zeigt einen Flyer. „Wir glauben denen, die verletzt wurden“, steht darauf. Darunter eine Telefonnummer, an die man sich wenden kann.

„Diesen Flyer haben wir kurz nach dem Fall Walder verteilt. Seitdem ist für mich auch dies Glaube: Laut auszusprechen, was ist. Keine Angst zu haben.“ Der Fall Walder erschütterte Ende vergangenen Jahres die ultraorthodoxe Gesellschaft. Die israelische Tageszeitung Haaretz hatte enthüllt, dass Chaim Walder, ein angesehener ultraorthodoxer Rabbiner, seit Jahrzehnten zahlreiche Frauen und Kinder missbraucht haben soll. Walder stritt das ab, daraufhin brachen mehr als ein Dutzend weiterer Opfer ihr Schweigen. Sechs Wochen nach der Enthüllung beging Walder Suizid.

Vorkommnisse wie diese verändern die haredische Gesellschaft. Viele Eltern beginnen gerade, an einigen ihrer Dogmen zu zweifeln, sagt Hassan Lefkowitz. Sie sorgten sich darüber, dass Kinder in den religiösen Schulen nicht über sexuellen Missbrauch aufgeklärt werden, sondern dass ihnen eingetrichtert werde, nicht mit „lashon HaRa“ – mit „böser Zunge“ – zu sprechen. Als Walder Suizid beging, sei vielen Kindern in der Talmudschule erklärt worden, dass dies an der bösen Zunge liege – über ihn sei schlecht geredet worden, das habe ihn in den Tod getrieben.

Hassan Lefkowitz startete mit anderen eine Aufklärungskampagne. Sie druckten fast eine Million Flyer und verteilten sie im ganzen Land.

Mittlerweile hat Raya Mery, Mitte 20, den Posten als Projektmanagerin von Hassan Lefkowitz übernommen – und ist voller Respekt für ihre Vorkämpferinnen. „Sie standen in der Frontlinie und haben die ganzen Angriffe abgekriegt“, sagt die Frau mit dem blaugrünen Kopftuch und dem langen schwarz-weiß karierten Rock, während sie durch eine Büroetage in einem Industriegebiet in Petah Tikva führt. „Die ersten Treffen von Nivcharot wurden heimlich abgehalten, die Adressen nicht veröffentlicht, keine Fotos gemacht. Viele Frauen hatten Angst vor Sanktionen, aus ihren Kreisen verbannt zu werden“, erzählt sie. „Heute ist das anders. Es gibt immer mehr Legitimität für unsere Anliegen. Frauen arbeiten mittlerweile im Hitech-Bereich und können immer mehr für sich entscheiden.“

Eine Gruppe von Frauen steht vor einer Wand, eine Frau hält ein Baby im Arm

Stehen am Anfang: Die Frauen des Leadership-Kurses von Nivcharot – Projektmanagerin Raya Mery mit blaugrünem Kopftuch Foto: Judith Poppe

Und dies, obwohl es auch eine entgegengesetzte Entwicklung und eine Radikalisierung in Sachen Geschlechtertrennung gibt: „Das kann man an den Hochzeiten in unserer Community sehen“, sagt Mery: „Mittlerweile gibt es geschlechtergetrennte Eingänge und Aufzüge bei Hochzeiten. Vor einigen Jahrzehnten gab es die so noch nicht.“

Fünf Frauen Anfang Zwanzig lächeln ihr vor einem Büro entgegen, eine von ihnen hält ein Baby im Arm. An diesem Abend wollen die jungen Frauen einen Tik-Tok-Account für die Organisation einrichten und erste Videos dafür drehen, um auch in den sozialen Medien für ihre Ziele zu kämpfen.

Hila Hassan Lefkowitz, Nivcharot-Aktivistin

„Ich glaube, dass wir näher an der Religion und am Glauben sind als diejenigen, die uns klein machen und uns nicht die gleichen Rechte einräumen wollen“

Dabei ist die Nutzung von sozialen Medien in der haredischen Welt nicht selbstverständlich. In einigen Gemeinschaften ist das Internet tabu, einige Ultraorthodoxe haben koschere Telefone mit begrenztem Internetzugang. Die Frauen von Nivcharot sind alle online – einige haben einen Filter in ihr Handy eingebaut, der Internetfunktionen sperrt, andere nicht.

Tzipi Blumenthal lacht, wenn man sie fragt, ob sie wegen Social Media schon Probleme bekommen habe: „Jedes Mal, wenn ich mich auf Twitter mit Leuten über Nivcharot streite, dann sagen sie: Ihr geht gegen die Rabbiner. Ich erwidere dann immer: Hä? Wie schreibst du mir denn? Mit der Taubenpost? Du bist in den sozialen Medien genauso unterwegs wie ich.“

Kurz darauf läuft Mery wie ein Model den Gang hinunter, ihr langer Rock schwingt um ihre Hüften. „Super“, ruft eine der anderen Teilnehmerinnen, drückt ihr Baby der Nachbarin in den Arm und beginnt zu filmen.

„In den haredischen Medien“, erklärt Mery später, „gibt es das Phänomen, die Gesichter von Frauen nur verschwommen zu zeigen. Wir wollen einen Clip machen, der dieses Vorgehen lächerlich macht.“

„Wie würde eine Modenschau in den ultraorthodoxen Medien aussehen?“ kann man am nächsten Tag auf dem Tiktok-Kanal von Nivcharot lesen. Zu einem Hip-Hop-Stück laufen Mery und zwei andere Frauen wie Models den Gang herunter. Ihre Gesichter allerdings sind verpixelt. Kurz darauf hat das Video knapp zweihundert Likes. In einem der Kommentare legt ein Mann nahe, dass die Frauen der Religion den Rücken zuwenden sollten – die haredische Welt sei nicht an ihnen interessiert. Die Antwort folgt umgehend: „Warum sollten wir die religiöse Welt verlassen? Weil wir Gleichberechtigung wollen?“

Fragt man Mery danach, ob sie jemals mit dem Gedanken gespielt hat, sich von der Religion abzuwenden, wiegt die Studentin der Genderwissenschaften ihren Kopf hin und her: „Es gibt immer wieder Momente“, sagt sie, „in denen ich denke, dass Feminismus und die haredische Welt nicht zusammengehen.“ Etwa, wenn sie bestimmten Einschränkungen durch die jüdische Halacha begegne – der Vorschrift, die Haare zu bedecken oder andere Sittengesetze, die nur für die Frauen vorgesehen sind. „Aber gleichzeitig sind Feminismus und haredischer Glaube für mich fundamentale Bestandteile meines Lebens. Den haredischen Glauben zu verlassen, würde für mich bedeuten, mich von mir selbst abzulösen.“

Sie sieht zu den anderen Frauen herüber, die gerade die Musikauswahl für den Clip diskutieren. „Und ich erinnere mich in solchen Momenten daran, dass es das Patriarchat in jeder Gesellschaft gibt, nur eben in verschiedenen Formen. Dann sage ich mir: ‚Ok, es ist weder hier noch dort perfekt. Ich tue eben alles dafür, das zu ändern.‘“

Ist es ihr Traum, die religiösen Sittsamkeitsgesetze zu ändern? Mery schüttelt den Kopf: „Mit den meisten Gesetzen fühle ich mich recht wohl. Nur das mit der Kopfbedeckung macht mir zu schaffen. Aber von einem Traum, dies zu ändern, würde ich nicht sprechen. Da gibt es gerade Dringenderes.“

Für Rivka Vardi stellt sich eine andere Frage: Wie viel säkulare Welt kann sie in ihre Sphären eindringen lassen, ohne dass sie sich um die Identität ihre Schützlinge Sorgen machen muss?

Ihr Schützlinge, das sind die Studentinnen der Kunsthochschule Oman-Bezalel. Ausschließlich strenggläubige Frauen können hier ihren Bachelor in Kunst, Architektur und Visueller Kommunikation machen, etwas über 200 junge Frauen sind es derzeit.

Gegründet hat Vardi das eigenwillige Kunstinstitut 2013, und brauchte dafür einiges an Chuzpe. Denn das Institut ist eine Auskopplung der renommierten israelischen Kunsthochschule Bezalel, bekannt für ihren säkularen, kritisch-liberalen Geist. „Wie soll das gehen?“, habe der damalige Bezalel-Rektor Arnon Zuckerman gefragt, als Vardi mit dem Vorschlag zu ihm kam.

Eine Frau steht in einem Atelier neben einer Staffelei

Kunsthochschulgründerin Rivka Vardi Foto: Judith Poppe

Vardi sitzt in ihrem Büro in einem industriell geprägten Teil von Jerusalem, über ihren Haaren trägt, sie entsprechend den Regeln der religiösen Sittsamkeit, eine Perücke. Die Direktorin von Oman-Bezalel ist „religiös von Geburt“, wie sie es nennt – und wurde früh in ihrer künstlerischen Begabung gefördert. Für die teuren privaten Zeichenstunden musste sie die ultraorthodoxe Welt verlassen. Ein Studium in diesem Bereich war ihr nicht möglich. „Ich wollte Kunst machen. Doch in der ultraorthodoxen Welt gab es keinen Ort, an dem eine Frau sich auf diesem Feld weiterentwickeln konnte“, erzählt sie. Also begann sie, dafür zu kämpfen und macht den Traum, den sie selbst nicht leben konnte, heute für junge haredische Frauen in Israel möglich.

Beiden Welten gerecht zu werden, ohne sich selber dabei zu verlieren – es ist eine enorme Anforderung für

die Frauen

Versteht sich eine Frau, die sich so sehr für die Horizonterweiterung anderer Frauen engagiert, als Feministin? „Nein, als Feministin verstehe ich mich nicht“, sagt sie. Ihre Erklärung bleibt schwammig. Wie einige Frauen von Nivcharot hält auch sie den Begriff von sich fern. Ohnehin erfährt sie auch von ultraorthodoxer Seite schon genug Gegenwind.

Einige Haredim sorgen sich, dass die Studentinnen unpassenden Inhalten ausgesetzt werden. Es gilt der offizielle Lehrplan der Hochschule Bezalel; auch die Do­zen­t:in­nen kommen von dort und sind in der Regel säkular. Dass junge Frauen Kontakt zu männlichen, säkularen Dozenten haben, ist bei einigen Strenggläubigen ein Tabu.

Frauen im Haushalt

Vardi zeigt auf ein Buch, das neben ihr liegt: „Warum es nicht gut ist, an der Universität zu studieren“, geschrieben von einem ultraorthodoxen Rabbi. Das Buch haben bis vor einigen Jahren viele der ultraorthodoxen Mädchen zum Schulabschluss bekommen.

In der haredischen Welt sind die Frauen in der Regel für den Lebensunterhalt zuständig, die Männer widmen sich ganztags dem Thora-Studium. Allerdings sind diese Frauen zumeist im Niedriglohnsektor tätig. Laut Angaben des israelischen Demokratieinstituts verdienen sie im Schnitt 40 Prozent weniger als säkulare Israelis.

Doch auch wenn es normal ist, dass haredische Frauen arbeiten gehen – sich selbst in der Kunst zu verwirklichen oder angesehene Architektin zu werden, das war für sie bisher nicht vorgesehen. Dementsprechend sieht sich auch Shira Summer, 23, als Pionierin. Sie hat gerade ihren Abschluss an der Kunst-Uni gemacht. „Es ist unglaublich, was Rivka hier geschaffen hat“, sagt sie, wickelt zwei kleine Tonfiguren aus und stellt sie auf den Tisch vor sich. Für ihre Abschlussarbeit hat sie ein ganzes Regal solcher Figuren angefertigt. Sie weiß um den Druck, der auf ihr und den anderen Frauen der Kunsthochschule lastet. Sie kämpfen eine doppelte Schlacht: die um Anerkennung in der ultraorthodoxen Welt, aber auch in der säkularen.

„Von säkularer Seite hören wir immer wieder, dass wir nicht professionell seien, nicht das lernen könnten, was im allgemeinen Berufsleben benötigt wird“, erzählt sie. Vielleicht geht es auch deswegen so anarchisch bei ihren Skulpturen zu: Eine handtellergroße, weiße Kugel ist an einem u-förmigen Eisenhaken befestigt. Eine andere besteht aus einer braunen, zusammengeknüllten Masse, in die drei Zacken gespießt sind. Ein Schlüsselanhänger hält sie zusätzlich zusammen: „Ich muss manchen Dingen gerecht werden, aber die hier“, sagt sie und zeigt auf die Tonskulpturen, „die lass' ich machen, was sie wollen“.

Beiden Welten gerecht zu werden, ohne sich selber dabei zu verlieren – es ist eine enorme Anforderung für die jungen Studentinnen, aber auch für die Direktorin der Kunsthochschule. „Manchmal mache ich vor Sorge in der Nacht kein Auge zu“, sagt sie, aber dann hört man wieder ihr sanftes Lachen, das auch den Studentinnen das Gefühl geben dürfte, hier in guten Händen zu sein.

Um den Herausforderungen gerecht zu werden, hat das Kunstinstitut Vorkehrungen getroffen und kooperiert mit einem Rabbi. Wenn Vardi, die Studentinnen oder Do­zen­t:in­nen unsicher sind, etwa, ob eine Illustration im Unterricht gezeigt werden kann, fragen sie ihn. Häufig sei dieser kulanter als sie es gewesen wären, hört man von den Studentinnen.

Auch die Bibliothek ist an die Besonderheiten des Ortes angepasst. Die ­Bibliothekarin Leah Basak holt einen Kunstband aus dem Regal, blättert darin und tippt auf einen weißen Aufkleber: „Ich weiß nicht, was sich darunter befindet, die Aufkleber gehen nicht mehr ab. Aber irgendwas war hier, was wir als nicht angemessen empfunden haben.“

Basak möchte den Frauen, die hier studieren, einen möglichst unbegrenzten Zugang zur Kunst ermöglichen. Das bedeutet für sie auch: alles, was nicht angemessen für die ultraorthodoxe Welt scheint, abzukleben. Teile von Bildern und Zeichnungen, manchmal auch ganze Seiten. Sie mag das Wort Zensur nicht sehr, sie spricht meistens von Hatama – auf Deutsch: Anpassung.

Eine simple Aufgabe

Am Anfang, erzählt sie, schien ihr die Aufgabe simpel: Christliche Symbole würde sie abdecken, genauso wie nackte Menschen. Doch bald merkte sie, dass es viele Graustufen gibt. „Wenn es etwas Eindeutiges ist, klebe ich es natürlich ab. Aber wenn es eher Zeichnungen sind oder Kubismus, dann lasse ich es.“

Anders als Direktorin Vardi hält Nomi Geiger die Kunsthochschule Oman-Bezalel für einen feministischen Ort. Die Grafikdesignerin, die sich als säkular bezeichnet, unterrichtet sowohl an der großen Kunstakademie Bezalel als auch an ihrem ultraorthodoxen Ableger. „Ich weiß, dass das Wort ‚Feminismus‘ vielleicht nicht zu Rivkas Weltsicht passt“, sagt sie in ihrem Studio im Süden Tel Avivs. „Und ich meine das nicht respektlos, sondern sehr positiv: Für mich sind die feministischen Werte dort verwirklicht.“ Zwar werde die traditionelle Rollenverteilung dort nicht infrage gestellt. Und doch: „Oman-Bezalel baut für die hohe Mehrfachbelastung, unter der die jungen Studentinnen stehen, ein Unterstützungssystem auf“, sagt Geiger. „Das ist in meinen Augen feministisch.“

Vielleicht ist es zu früh, von einer Revolution in der haredischen Gesellschaft zu sprechen, aber dass immer mehr ultraorthodoxe Frauen aufbegehren, daran haben weder die Frauen von Oman-Bezalel, noch von Nivcharot Zweifel.

„Als wir einmal mit unserer Gründerin im Auto gefahren sind, habe ich zu ihr gesagt: ‚Fahr bloß langsam, wir sind hier fünf Feministinnen, das sind so ziemlich alle Feministinnen der haredischen Welt. Wenn uns etwas ­passiert, dann gibt es keinen haredischen ­Feminismus mehr.‘ Aber heute sind wir überall. Man kann uns nicht mehr ignorieren“, sagt Hila Hassan Lefkowitz, die Aktivistin von Nivcharot. Dann setzt sie sich hinters Steuer und fährt los.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de