Feiertag in Russland: Drohnen, Bier und Feuerwerk
Der „Tag des Vaterlandsverteidigers“ wird in Russland groß gefeiert. Besonders die junge Generation soll sich in Patriotismus und Nahkampf üben.
In Russland dreht sich jedes Jahr am 23. Februar alles um den Mann, genauer gesagt: um den kriegstauglichen Mann. Denn der „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ ist schließlich nicht irgendein beliebiger Feiertag. Er ist wie geschaffen für die mit heldenhaftem Pathos übersättigte russische Gegenwart.
Während in der Hauptstadt Moskau vor Monaten aufgestellte Weihnachtsbäume auch zum Ende des Winters hin noch für festlichen Glanz sorgen, waren zahlreiche offizielle Veranstaltungen am vergangenen Montag darauf ausgerichtet, dem Publikum das patriotische Einmaleins für wehrhafte Bürgerinnen und Bürger einzutrichtern. Werde die Heimat nicht gebührend verteidigt, so der Tenor, sei sie am Ende.
Im Idealfall sollte sich schon jedes Kind mit diesem Thema auskennen. Besonders eifrige und vorbildliche Eltern ließen ihre Sprösslinge im Museum des Großen Vaterländischen Krieges am militärpatriotischen Spiel „ Zarnitsa 2.0“ teilnehmen. Das „Wetterleuchten“, so die deutsche Übersetzung, ist eine sowjetische Erfindung für Kinder im Pionieralter, also zwischen 9 und 14 Jahren. Die Teilnehmenden schlüpfen in verschiedene Rollen und kämpfen in Mannschaften gegeneinander.
Alles ganz hochmodern
Durch die Simulation von Gefechtssituationen erwerben sie militärische Grundkenntnisse, die sie auf den späteren Wehrdienst vorbereiten. Alles hochmodern. Auch der spielerische Umgang mit Drohnen stand im Museum auf dem Programm. Zukünftige Drohnenpiloten werden in Russland derzeit explizit gesucht.
Verantwortlich für die Umsetzung des landesweit organisierten Militärspiels ist die „Bewegung der Ersten“ – eine Art Pionier-Ersatz, der über das Schulsystem auf ihre Zielgruppe einwirkt und sich damit brüstet, fast 12 Millionen Kinder und Jugendliche sowie rund 2 Millionen Mentor*innen mit ihrer Arbeit erreicht zu haben. Unterstützt wird die Bewegung von der Junarmija und dem Zentrum „Kämpfer“. Diese beiden Strukturen stimmen nicht nur ideologisch auf Kriegsführung ein, sondern vermitteln auch praktische Kenntnisse für den Ernstfall.
Etliche Kilometer vom Ort dieses Geschehens entfernt, in einem an diesem Feiertag wenig belebten Moskauer Stadtteil, hat sich eine Gruppe Teenager um einen niedrigen Pfosten versammelt. Darauf stehen ein paar Becher mit Getränken, die sie gemeinsam leeren, bevor sie weiterziehen.
Die jungen Leute verbreiten gute Laune. Ihre Outfits mit punkigem Einschlag wirken alles andere als konventionell und schon gar nicht patriotisch. Ihre Haare sind teils knallrot gefärbt, einer trägt eine abgewetzte Lederjacke mit wild bemalter Rückenpartie.
Ob sie den heutigen Feiertag begehen? Sie tun erst so, als verstünden sie die Frage nicht. Der Lederjacken-Teenie antwortet schließlich, ihre Punk-Band habe gleich einen Auftritt. Dann stürmen sie die Treppe zu einem eher unscheinbaren Club hinauf – just in dem Moment, als von dort lautstarker Punk-Rock ertönt.
Staatsfernsehen in Hochform
Etwa zur gleichen Zeit traf sich Präsident Wladimir Putin im Kreml mit sechs Witwen ausgewählter gefallener russischer Kämpfer. Er zeigte sich besorgt über das Schicksal der Frauen und ihrer Kinder. Ihnen müsse auf die Beine geholfen werden, erklärte er. Da lasse er nicht locker und fordere von allen politischen Ebenen, sich um deren Zukunft zu kümmern.
Auch die Erwachsenen kamen am 23. Februar auf ihre Kosten. Filmvorführungen, Tanz, thematische Führungen oder Vorträge zu Themen wie „Fünf unbekannte Militärsiege Russlands“ standen zur Auswahl. Fast alles für umsonst.
Auch das Staatsfernsehen lief zu Hochform auf. In den Abendnachrichten durfte die bekannte Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewa in der ihr eigenen Manier einer jung gebliebenen Vorzeigepionierin eine Reportage über das Leben von Frontkämpfern ankündigen, die der Krieg zu einer „großen Armeefamilie“ zusammengeschweißt habe.
Knallen von Feuerwerkskörpern
Im ersten TV-Kanal wurde zur besten Sendezeit die erste Folge von „10 Geschichten über Liebe und Tod“ nach einer Vorlage des Kriegsbloggers Semjon Pegow, bekannt unter seinem Pseudonym WarGonzo, gezeigt. Das Publikum wird darin in den Februar 2022 zurückversetzt und in den russischen Angriff auf die ukrainische Hafenstadt Mariupol, der hier als russische Verteidigung Mariupols bezeichnet wurde.
Von irgendwoher ist das Knallen von Feuerwerkskörpern zu hören. In der Straßenbahn sind zu später Stunde kaum noch Fahrgäste unterwegs. Ganz hinten sitzen drei vom Alkohol gezeichnete Männer, die nicht nach Vaterlandsverteidiger aussehen. Einer schläft, ein Zweiter kippt sich Bier aus einem Fünf-Liter-Plastikbehälter in den Hals. Der Dritte stammelt mit einem müden Lächeln, dass heute schließlich gefeiert werden müsse.
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