Fastnacht in Mainz: Helau again!

Wir Mainzer sind hochbegabt, aber nicht tiefgründig. Weltoffen, aber erst nach dem Essen. Und die Fastnacht ist heute viel sozialdemokratischer.

Kostumierte Frauen und Männer schunkeln und singen im Kurfürstlichen Schloß

Das Publikum ist begeistert – Aufzeichnung der Sendung „Mainz bleibt Mainz“ im Februar 2000 Foto: Andreas Arnold/picture alliance

Ich will es liebevoll ausdrücken: Mainz ist eine Stadt mit geringem Ehrgeiz. Ein echter Mainzer weiß genau, wie wichtig das Verhältnis ist zwischen Arbeit und Belohnung. Die Kunst liegt für uns darin, gerade genau so viel zu tun, dass es für ein genügsames und gutgelauntes Leben reicht. Wir singen gerne, wir tanzen, soweit das medizinisch noch angezeigt ist, wir sind Profis im Feiern.

Fast schon von südländischer Leichtigkeit ist das rheinhessische Temperament, wenngleich wir wegen der meist fetten „deutschen“ Speisen (Fleischwurst, Spundekäs und viel Laugengebäck) und kalorienhaltigen Getränke zur Adipositas neigen. Meine Mutter geht sogar so weit in ihren Empfindungen, dass sie Männer mit Bäuchen jenen ohne Gewichtsprobleme zeitlebens vorgezogen hat. Das hat auch bei mir zu einer sehr kompakten Figur geführt – ich wollte sie nicht enttäuschen.

Aber was ist schon eine gewisse Antrittsschwäche gegen die unschlagbar originelle Idee der Rheinhessen, der Mainzer, die mental anfällige Phase zwischen Neujahr und Fastenbeginn mit einem rauschenden Verkleidungsfest und Massenbesäufnis zu verkürzen? Einfach zu den anerkannten vier Jahreszeiten noch eine fünfte dranhängen! Die Fastnacht als Sprungbrett in den Frühling! Immer vorausgesetzt, dass man die närrischen Tage, insbesondere die in der Schlussphase aufreibenden Straßen-Einsätze, unverletzt, ohne Klinikaufenthalt überlebt.

Fest steht, der gute und routinierte Fastnachter ist ein Mensch, der auch einen Sinn hat für Humor, Paarreime und Gerechtigkeit. Die erfolgreichsten Büttenredner – es gibt bis heute keine Frau, die sich im politischen Vortrag einen Namen machen konnte – waren immer Männer, die sehr bodenständige, lustige Typen waren und dabei dem Volk exzellent aufs Maul schauen konnten. Frauen waren akzeptiert als Funkenmariechen, Prinzessin oder Balletttänzerinnen. Von einer Trendumkehr kann man noch nicht sprechen.

Lars Reichow

Lars Reichow Foto: Alexander Sell

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Die Ursprünge der Mainzer Fastnacht reichen, wenn ich richtig informiert bin, zurück bis ins 15. Jahrhundert. Hier wird erstmals berichtet von einem „unorganisierten Volksfest mit Maskerade, Essen, Trinken, Tanzen an Tag und Nacht“. Daran hat sich bis heute wenig geändert, wenn man von diesem verunglückten Jahr absieht.

Die politische, gesellschaftssatirische Fastnacht hat sich im Laufe der letzten sieben Jahrzehnte verändert. Sie ist heute „linker“, sie ist sozialdemokratischer, mindestens aber mittiger geworden, als sie es noch zu Zeiten von Rolf Braun und seinem Dienstherrn in der Staatskanzlei, Helmut Kohl, war. Diese Entwicklung ging aber nicht zwingend von den Rednern aus, sondern mindestens genauso stark vom närrischen Volk.

Witze über Randgruppen bringen Buhrufe

Witze auf Kosten von Randgruppen, homophoben Stumpfsinn gibt es sicher noch vereinzelt in Vorortssitzungen, aber in der Fernsehfastnacht, vor einem bürgerlich-aufgeklärten „Mainz bleibt Mainz“-Publikum wird der Redner dafür durch Buhrufe gestraft. Vermutlich ist es der Länge und Breite des Rheins und einem gewissen Hang zum Pragmatismus zu verdanken, dass Mainz sich diese Offenheit und Toleranz leisten kann.

Die Main­ze­r*in­nen wissen genau, wie das mit dem Pluralismus geht, aber sie verlieren schnell die Lust daran. Wenn etwas zu kompliziert wird, dann setzen sich ein paar Männer (!) zusammen und „wurschteln“ – sie handeln einen Deal aus, mit dem alle mehr oder weniger gut leben können. („Handkäs-Mafia“)

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Wir Mainzer leben für den Moment, die Zukunft kann kommen, aber sie darf uns auch nicht zu viel abfordern, sonst bleiben wir stur und geben Widerworte. Am Beispiel des Gutenberg-Museums, der unendlichen Geschichte der Rathaus-Sanierung und diverser Großbaustellen geriet diese Verschleppungs- und Verzögerungshaltung zu einer jahrzehntelangen städtebaulichen Groteske, die – im worst case (fast hätte ich „Wurst Käs“ geschrieben) – zu einem geschmacklichen und finanzpolitischen Desaster geführt hat.

Um es noch mal klar zu sagen: Wir Mainzer sind hochbegabt, aber nicht tiefgründig. Wir sind weltoffen, aber erst nach dem Essen, wir sind empathisch und so nah am Wasser gebaut wie die US-Senatoren in Washington, aber was uns wirklich zu etwas Besonderem macht: Wir sind nach ein paar Schlückchen Wein wahnsinnig begeisterungsfähig, und wer unsere Liebe, unsere Leidenschaft spürt, der muss auch sofort weinen und Wein trinken.

Gegen Hetze war immer Verlass auf diese Stadt

Das kann man spüren bei jedem kabarettistischen Auftritt im „Unterhaus“, aber vor allem, wenn man als Redner in die Bütt geht in der „Mainz bleibt Mainz“-TV-Sitzung.

Immer wenn es wichtig war, sei es die Flüchtlingspolitik 2015, die Unappetitlichkeiten der AfD oder die rechtsextremistischen Terroranschläge auf Mit­bür­ge­r*in­nen 2020, wenn ich Sätze gesprochen habe voller Wut, über Dinge, die mir wichtig waren, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung und Hetze, da war immer Verlass auf diese Stadt, da ging ein Ruck durch das Schloss, da stehen die Mainzer wie eine Wand gegen das Unrecht.

Die fast vollständige Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ist uns bis heute eine bittere Lehre geblieben. Nie wieder Faschismus – Fastnacht für immer!

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