Fans und SportlerInnen gegen Verbände: Die Macht der Aktiven

Diese EM hat das Verhältnis von SpielerInnen und Verbänden neu justiert. SpielerInnen können natürliche Verbündete kritischer Fans sein.

Plakatwand in Liverpool. darauf Marux Rashford von Manchester united in Trikot.

Everton-Fans danken Marcus Rashford für sein soziales Engagement Foto: PA Images/imago

Ein letztes Mal haben beim EM-Finale die Spieler gemeinsam gekniet. Eine Geste, die die Uefa widerwillig tolerieren muss und absurderweise für unpolitisch erklärt. Auf dem Rasen stand später auch Marcus Rash­ford, der Boris Johnson dermaßen unter Druck gesetzt hatte, dass dieser das Gratisessen an Schulen für Kinder aus armen Verhältnissen doch nicht aussetzte. Rash­ford hatte sehr offen über die Armut seiner eigenen Kindheit gesprochen. Mit dabei war auch Ra­heem Sterling, ebenfalls aus prekären Verhältnissen, der immer wieder Rassismus anprangert. Und Harry Kane, der gegen Deutschland in Solidarität die Regenbogenbinde trug.

Manche Teams sind politisch progressiver als andere, die Engländer sicher deutlich eher als die Italiener, die während des Turniers wirkten, als wüssten sie nicht genau, wie nun umgehen mit den lästigen Debatten. Oft spiegelt das den politischen Stand der Dinge im Land. Aber es hat sich, das lässt sich nicht leugnen, etwas geändert mit diesem Turnier in der Beziehung zwischen Spielern und Uefa.

Die Angestellten, die lange Zeit vor allem als ausübende Gehilfen auf dem Rasen standen, sind laut geworden. Im deutschen Team repräsentiert niemand den neuen Typus des politisch engagierten Fußballers so wie Leon Goretzka, der zu vielem die richtigen Worte findet. Außerhalb des Rasens war das etwa in Form von Torhüterin Almuth Schult sichtbar, die den DFB sehr direkt für Beteiligung von Frauen, aber auch Erneuerung unter Druck setzt.

Und man muss sich fragen, warum Fans nicht längst darauf gekommen sind, die SpielerInnen beim Widerstand gegen die Verbände mit ins Boot zu holen. Der Unmut über die autokratischen, erzkonservativen, auf immer mehr Geld spekulierenden Fußballverbände mit ihrer unerträglichen Arroganz, ihrer Korruption und ihren politischen Mauscheleien hat schon lange breite Milieus erfasst. Kaum jemand fühlt sich repräsentiert von diesen Altherrenbünden.

Rassismus, Katar, LGBTIQ – die Liste ist lang

Aber während in der Politik Verbündete gesucht werden, tut man oft immer noch so, als seien die SpielerInnen Teil einer unerreichbaren, angepassten Gattung, mit denen man nichts gemein hat. Das Gegenteil ist der Fall.

Diese FußballerInnen sind junge Menschen, aufgewachsen in einer postmodernen Gesellschaft und durch Social Media in der Lage, sehr gezielt und unabhängig Stellung zu nehmen. Sie haben qua ihrer Position auf dem Rasen sehr viel Macht. Sie können medienwirksam knien oder stehen, singen oder nicht singen, und sie können spielen oder streiken. Bisher unerhört auf politischen Druck, aber warum eigentlich nicht?

Die Macht der SpielerInnen ist ein sehr starkes Instrument. Denn im Gegensatz zu Gig-WorkerInnen bei Lieferdiensten sind sie kaum ersetzbar. Alle Bälle stehen still, wenn dein starker Fuß es will, das gilt hier noch ganz in echt. Ein Bündnis aus SpielerInnen und Fans hätte gute Optionen. Gewiss, manche Themen funktionieren besser als andere. Rassismus, Menschenrechte in Katar oder LGBTIQ gehen gut, Antikapitalismus wäre eher schwierig. Weniger Geld für die Fußballbranche oder eine ganz andere Spielidee setzt man sicher nicht Hand in Hand mit Manuel Neuer durch.

Und doch, die Proteste vieler Spieler gegen die Superliga künden davon, dass Auswüchse nicht mehr bedingungslos toleriert werden. Sie seien „nur die Marionetten von Fifa und Uefa“, empörte sich Toni Kroos in – nicht zufällig – seinem Podcast. Wenn es eine Spielergewerkschaft gäbe, die entscheiden könnte, so Kroos weiter, würde es weder Nations League noch Supercup in Saudi-Arabien geben. Bruder Felix stellte trocken fest, eine Superliga wäre ihm „so was von scheißegal“. Man muss Boykottforderungen und Traditionsargumente nicht intelligent finden, um zu sehen, welches Potenzial da brachliegt. Potenzial für gemeinsame Proteste, gemeinsame Aktion, gemeinsamen Widerstand.

Noch ein wenig mehr übrigens unter Spielerinnen, die näher an der Basis sind und unter denen sich gelegentlich sogar Köpfe finden, die sich einen Fußball ohne Fifa und Uefa und nach ganz anderen Regeln vorstellen können. Auch wenn die Kommerzialisierungsfraktion in der Mehrheit ist. Eine Entmachtung der Verbände darf nicht zu einem gleichen Spiel unter Regentschaft eines Investors führen, der weiß, dass heute Regenbogenfahnen dazugehören.

Ein demokratischer Fußball durch die Menschen für die Menschen muss systemischer denken, muss verstehen, was es ist, das ihn kaputt macht. Und mutiger sein. Die Angestellten auf dem Rasen sind seine natürlichsten Verbündeten. Und er sollte ihnen diese Rolle zutrauen.

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