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Familienhorrorsatire bei der BerlinaleDas wird böse enden

Das Remake „Rosebush Pruning“ von Efthimis Filippou und Karim Aïnouz ist eine Familiensatire. Die Zutaten: Exzess und Grenzüberschreitung.

Sieht noch gesittet aus: Die Familie stellt sich für „Rosebush Pruning“ auf Foto: Felix Dickinson

Bekanntlich sind es meist die Namen der Regisseure, die fest mit einem Film verbunden sind. Ihr Stil ist es, der im Vorfeld eine gewisse Erwartungshaltung weckt, eine bestimmte Handschrift verspricht – und dabei nicht selten alle anderen Beteiligten überstrahlt. Gerade die Autoren haben demgegenüber in der Regel das Nachsehen.

Bei Efthimis Filippou verhält sich die Sache anders. In „Rosebush Pruning“ ist es vor allem er, der die Vorstellung davon formt, was hier auf einen zukommt. Durch seine langjährige Zusammenarbeit mit dem griechischen Filmkollegen Yorgos Lanthimos weiß man: Es wird sonderbar.

Als Co-Autor von „The Lobster“ (2015), „The Killing of a Sacred Deer“ (2017) und „Kinds of Kindness“ (2024) hat Efthimis Filippou gerade jene Werke entscheidend mitgeprägt, die innerhalb des ohnehin exzentrischen Lanthimos-Œuvres noch die radikalsten Ausprägungen des Absurden hervorbrachten. Und dennoch übersteigt „Rosebush Pruning“, bei dem nun Karim Aïnouz die Regie übernahm, selbst diese Extreme noch.

Absurde Drastik

Das allerdings sollte nicht als Kompliment missverstanden werden. Denn wo in besagten Werken die absurden Übersteigerungen noch dazu dienten, die Widersprüche und Merkwürdigkeiten des Alltäglichen sichtbar zu machen, liegt die Provokation in „Rosebush Pruning“ eigentlich nur noch darin, gar nichts anderes mehr zu wollen, als zu provozieren.

Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass es sich um ein Remake der italienischen Familientragödie „Mit der Faust in der Tasche“ (1965) handelt. Doch auch das lässt sich leicht missverstehen: Efthimis Filippou übernimmt aus der Vorlage lediglich den gröbsten Handlungsbogen und orientiert sich allenfalls lose an ihrer Figurenkonstellation.

Sozialkritische Töne beschränken sich wiederum auf die Feststellung, dass perverser Reichtum gepaart mit schrecklicher Langeweile bisweilen Monströses hervorbringt. Wer schon einmal von Bret Easton Ellis (oder im Bereich des Nicht-Fiktiven: von den Epstein-Akten) gehört haben sollte, dürfte von dieser Erkenntnis nun nicht allzu überrascht sein.

Von Wölfen gerissen

Eine auf eben solche Schockmomente getrimmte Familiengeschichte ist es, die „Rosebush Pruning“ auftischt. Berichtet wird aus der Perspektive von Ed (Callum Turner), der gemeinsam mit seinen drei ebenfalls erwachsenen Geschwistern und seinem blinden Vater (Tracy Letts) auf einem abgeschiedenen Anwesen in Spanien lebt. Die Mutter (Pamela Anderson) ist tot, wurde von Wölfen gerissen – zumindest erzählt man sich das.

Seit sie nur noch zu Fünft sind, richtet sich der Fokus umso stärker auf Bruder Jack (Jamie Bell). Er ist so anders als der Rest von ihnen, wie seine Verwandten betonen. Bisweilen mit durchaus inzestuösem Beiklang, was keinesfalls Zufall ist.

Was ihn von den Geschwistern abhebt, die Ed aus dem Off als „faul“ beschreibt und ohne Interesse für etwas anders als „Musik und Mode“, ist allerdings wenig: Im Gegensatz zu Ed, Schwester Anna (Riley Keough) und Bruder Robert (Lukas Gage) pflegt Jack ein Sozialleben außerhalb der Familie.

Der Film

„Rosebush Pruning“:

17. 2., 21.45 Uhr, Uber Eats Music Hall

22. 2., 17.15, HdBF

Dass er mit Martha (Elle Fanning) zusammenziehen und die Villa verlassen könnte, sorgt für Unruhe und setzt ein von sexuellen Exzessen begleitetes Komplott in Gang, das schließlich tödlich endet. Worauf es Karim Aïnouz und Efthimis Filippou ankommt, ist aber weniger eine stringente Handlung als die grelle Inszenierung einer Dekadenz, die verkommen, dabei allerdings auch verführerisch wirken soll.

Stylische Designeroutfits und exklusive Statussymbole werden ebenso in „Instagram“-tauglicher Hochglanzästhetik ausgestellt wie von Ejakulat benetzte Rosenbüsche und die spermafeuchten Socken des Bruders. Das alles aber wirkt so reizlos gewollt und gefällt sich doch so sehr in der Rolle des „Agent Provocateurs“, dass dieser Film genauso schal wirkt, wie das, was er abbildet.

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