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FamiliendramaDie Beckhams im Schwiegermutter­-Shitstorm

Doris Akrap
Kolumne
von Doris Akrap

Sohn Brooklyn Beckham rechnet mit seinen Eltern ab. Doch wie so oft sind, wenn es einem Mann schlecht geht, die Frauen schuld.

Streit im Paradies? Brooklyn Beckham teilt gegen David und Victoria aus Foto: Vianney Le Caer/Invision/AP

D ie Beckhams sind Großmeister im Kuratieren ihrer öffentlichen Performance. Ausgerechnet ihr ältester Sohn Brooklyn, 26, hat nun das Branding als erfolgreiche, emanzipierte, autonome, geschlechtergerechte, gut aussehende, sympathische und liebevolle Großfamilie zerschlagen. Er ließ auf Instagram wissen, dass er nicht vorhabe, sich mit seiner Familie wieder zu versöhnen, und warf seiner Mutter (Spice Girl und Designern Victoria) vor, seine Ehe mit der US-amerikanischen Milliardärstochter Nicola Peltz Beckham torpediert zu haben.

So wie einst Prince Harry beließ es auch Brooklyn nicht einfach bei der Ansage: Tschüssikowski, I do it my way. Nein, der Abgang wurde als erzwungener Schritt eines Opfers inszeniert, das sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als die Eltern öffentlich dafür anzuklagen, dass sie sich mehr für ihre Marke als für ihre Kinder interessierten.

Das Netz ließ sich vor allem vom Vorwurf an seine Mutter erregen, sie habe bei seiner Hochzeit der Braut den Hochzeitstanz geklaut und „unangemessen“ mit dem Bräutigam, also ihm, getanzt. Hunderte Memes über den „unangemessenen“ Tanz gingen viral. Selbst Leute, die sich sonst über jede Form von Diskriminierung von Frauen empören, witzelten, lachten und machten mit. Offenkundig ist man sich darin einig, dass Victoria Beckham eine Rabenmutter ist und es verdient, dass sich über sie lustig gemacht wird.

Erstaunlich. Noch vor einigen Monaten imitierte man den Tanz von Victoria und David aus der Netflix-Doku und fand die beiden total toll. Nun zeigen Memes ausrastende Frauen in Kittelschürze, die alles andere als gekonnte Bewegungen in Slapstickmanier zeigen. Dabei dürfte es genau die Wette gewesen sein, die Brooklyn (oder seine PR-Berater*innen) eingegangen ist: Eine ehrgeizige Ü-50-Mutter opponiert gegen die junge, hübsche, reiche Konkurrenz auf der Tanzfläche? Das kann ja nur peinlich sein.

Das Schwiegermonster

Viele im Netz sprangen über dieses Stöckchen. Victoria, die fiese Schwiegermutter, die keine andere Frau, schon gar keine jüngere neben sich duldet. Der Beweis? Ein 15-sekündiger Videoschnipsel vom Fotoshooting bei der Premiere der Netflix-Doku „Victoria Beckham“. Zu sehen: Die Beckhams und die sich in den Vordergrund rückende Victoria Beckham, deren Bewegung dafür sorgt, dass ihre Schwiegertochter ein bisschen am Rand stehen muss.

Nun, vielleicht geht es eleganter. Aber wieso sollte Victoria, die Hauptfigur der Doku, einer Schauspielerin Platz machen, die vor allem dafür bekannt ist, zweimal für die Goldene Himbeere der schlechtesten Nebendarstellerin nominiert worden zu sein, und die Tochter eines US-amerikanischen Milliardärs ist, der damit prahlt, Elon Musk und Donald Trump verkuppelt zu haben?

In der „Doku“, an der Victoria auch selbst als Produzentin mitgewirkt hat, inszeniert sie sich als liebende Ehefrau und Mutter, aber auch als Frau, die nichts mit Geschirr, Marmelade einkochen, Tomaten pflanzen oder Brot backen zu tun haben will. Die Botschaft: Wir sind ein modernes Ehepaar, in dem Daddy die Hausarbeit macht und Mama Karriere.

Die Falle der Emanzipation

Das allerdings ist ja auch die Wahrheit. Victoria alias Posh Spice war lange vor David Beckham ein Weltstar und hat sich anders als der Fußballer noch eine zweite Karriere als Designerin aufgebaut. Nicht ausgeschlossen, dass der ehrgeizigen Victoria ihre emanzipierte Geschichte jetzt auf die Füße fällt. Vielleicht auch, weil derzeit eher Tradwives als Spice Girls im Trend liegen. Die Rolle von David Beckham ist in der Debatte kaum Thema. Der Streit dort dreht sich um den mythischen Urkonflikt: Welche Frau hat den armen Brooklyn in die Verzweiflung getrieben: die millionenschwere Rabenmutter oder das milliardenschwere It-Girl?

Nach David und Victoria dürfte nun Brooklyn seine eigene Netflix-Doku kriegen.

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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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