Fachkräftemangel im Norden

Bei Pflegekräften geht noch was

Eine Hamburger Kampagne macht darauf aufmerksam, dass viele Pflegekräfte nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten – und viele zurückkommen würden.

Eine Pflegekraft geht mit einer älterren Frau am Rollator über einen Flur

Hat noch nicht aufgegeben: eine Pflegekraft (hinten) mit einer älteren Frau Foto: Christoph Schmidt/dpa

HAMBURG taz | Wenn sie die Möglichkeit hätten, auf die Grundbedürfnisse ihrer Patient*innen einzugehen, wenn die Patient*innen und nicht das wirtschaftliche Interesse im Fokus ständen und wenn es am tatsächlichen Pflegebedarf orientierte Personalschlüssel gäbe, dann könnten sie sich vorstellen, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. Das schreiben Pflegekräfte auf der Internetseite der Kampagne „Ich komme wieder wenn“ vom Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus.

„Es wird immer behauptet, wir haben einen Fachkräftemangel“, sagt Axel Hopfmann vom Pflegebündnis. Das sei aber falsch. „Das Problem ist die Flucht aus dem Beruf.“ Das Bündnis will mit der Kampagne darauf aufmerksam machen, dass freie Stellen mit Rückkehrer*innen in den Beruf besetzt werden könnten – wenn sich die Arbeitsbedingungen verbesserten.

Hopfmann verweist auf die Comeback-Studie von 2018, wonach 48 Prozent der ausgebildeten Pflegekräfte, die nicht mehr in dem Beruf arbeiten, sich eine Rückkehr unter bestimmten Umständen vorstellen könnten. Die Zahl potenzieller Rückkehrer*innen liegt demnach bei 120.000 bis 200.000 Pflegekräften. Als Voraussetzung für die Rückkehr in den Beruf nannten die Befragten an erster und zweiter Stelle andere Strukturen und Arbeitsbedingungen und mehr Personal. Bessere Bezahlung stand erst an dritter Stelle.

Auf der Webseite der Hamburger Kampagne sind Pflegekräfte, die nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten oder ihre Stellenanteile zum Eigenschutz reduziert haben, und solche, die überlegen auszusteigen, aufgerufen, Statements abzugeben. In ihren Kommentaren schildern die Pflegekräfte erschreckende Situationen aus dem Krankenhausalltag.

Offener Brief kritisiert Imagekampagne

Aber auch ein offener Brief der Initiator*innen an Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) kann unterzeichnet werden. Der Brief soll ihr vermutlich im Januar übergeben werden.

Die Unterzeichner*innen kritisieren darin, dass die Hamburger Imagekampagne für den Pflegeberuf an der Situation der Kolleg*innen auf den Stationen nichts ändere. Die Kampagne sei reine Verschwendung von Steuergeldern, findet Hopfmann. Die Gesundheitssenatorin wird deshalb aufgefordert, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen und für verbindliche Personalvorgaben auf den Stationen zu sorgen.

Das war auch das Anliegen einer Petition, die die neu gegründete Hamburger Krankenhausbewegung vergangenen Dienstag der Bürgerschaftskanzlei überreichte. Sie fordert den Senat auf, sich für gesetzlich verbindliche Personalregelungen einzusetzen, damit Hamburgs Krankenhäuser sichere Orte werden.

Der Vorwurf der Initiative: Weil der rot-grüne Senat das Hamburger Verfassungsgericht mit der Prüfung der Volksinitiative gegen den Pflegenotstand beauftragte, trägt er Mitverantwortung für die weitere Überlastung der Pflegekräfte und der Gefährdung von Patient*innen. Das Gericht hatte unter anderem entschieden, dass Länder keine gesetzlichen Vorgaben zur Personalbemessung machen dürfen.

Forderung nach mehr Transparenz

Entsprechend verweist die Gesundheitsbehörde auf taz-Anfrage auf ihre Bemühungen auf Bundesebene und auch die Hamburger „Allianz für die Pflege“, in der sich einige Arbeitgeber auf „Ziele und Standards“ geeinigt haben. Die spart das Thema Personalbemessung allerdings aus.

Laut Deniz Celik, gesundheitspolitischem Sprecher der Linksfraktion, könnte in Hamburg trotzdem einiges zur Verbesserung der Situation der Pflegekräfte unternommen werden.

Ein Beispiel wäre ein Tarifvertrag für die Angestellten der in Trägerschaft der Stadt befindlichen Uniklinik Eppendorf, der auch einen Personalschlüssel beinhaltet, so wie es ihn an der Berliner Charité gibt. Außerdem könne der Senat durch die Antworten auf schriftliche Anfragen Transparenz hinsichtlich der Bettensperrungen, der Überlastungsanzeigen und der Personalaustattung in den Kliniken herstellen.

Das findet auch Axel Hopfmann. „Dann könnten Patientinnen und Patienten selbst schauen, welche Klinik gut aufgestellt ist und sich dann überlegen, wo sie sich behandeln lassen wollen“, sagt er.

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