„FK:K-Festival“ in Bamberg: Ein Knarzen im Klanglabor

Das „FK:K“-Festival huldigt experimenteller Musik. Wasserschalen, Bläser und die Akustik eines Kesselhauses sorgen für einen außergewöhnlichen Sound.

Frau auf vor Wasserschüsseln

Tomoko Sauvage bei ihrer Performance im Bamberger Kesselhaus Foto: Maria Svidryk

Anders als das menschliche Auge, dessen Lider als Verschlusskappen Licht und Sichtbares abschirmen können, hat das menschliche Ohr keine vergleichbare Schleuse, die (Umwelt-)Geräusche abweist. Klang flutet die Ohren selbst im Schlaf. Geräusche werden nicht immer bewusst wahrgenommen, deshalb unterscheidet der französische Philosoph François J. Bonnet in seiner Studie „The Order of Sounds. A Sonorous Archipelago“ zwischen Hören und „Sehnsüchtigem Hören“ (Desiring Listening).

„Genaues Zuhören ist vor allem zielgerichtetes Wahrnehmen, das Ohr selektiert und identifiziert dabei. Verbunden ist es immer mit dem Wunsch, etwas wieder und wieder zu hören. Der Punkt, an dem das Reale, das Symbolische und das Imaginäre artikuliert werden.“ Wer in Bamberg im Kesselhaus beim „internationalen Festival für Soundart und experimentelle Musik FK:K“ landet, kommt, um genau zuzuhören. Den Wunsch nach Konzerten hat Corona auch in Bamberg bislang vereitelt.

Dass das Festival mit seinem überschaubaren Programm stattfinden kann, liegt an strengen Auflagen. 40 ZuschauerInnen dürfen pro Abend mit Masken und unter Abstandseinhaltung jeweils live dabei sein, KünstlerInnen aus Risikogebieten haben Tests gemacht und sich freiwillig in Quarantäne begeben.

Die glücklichen Auserwählten hören am Freitagabend, was der bretonische Künstler Erwan Keravec seinem Dudelsack an Klängen entlockt: still, gebannt, ergriffen. Keravec konfrontiert die Zuhörenden mit dem Klangspektrum seines archaischen Blasinstruments, vom nölenden Knarzen der drei Pfeifen zum schabenden Geklapper der Ventile, bis zum Auf- und Abblähen des Blasebalgs.

Dazwischen schnaubt der Dudelsack

Wie ein Kammerjäger durchmisst der französische Künstler beim Spielen den riesigen leeren Raum, hält abrupt an, belegt alle Nischen mit Klang. Dazwischen schnaubt der Dudelsack, bis aus dem infernalischen Lärm Drones entstehen, langanhaltende, mesmerisierende Töne, vergleichbar mit Nebelhörnern und Sirenen. Die Dynamik im Raum erleichtert es in diesem Fall, dass Keravec ansatzlos von laut auf leise wechselt, dann hört man sogar, wie er durch das Mundstück pustet und sein Atem angestrengt hechelt.

Vor der Tür des Kesselhauses, in Bamberg, ist Hochsaison: Von Corona ist nicht viel zu merken, Touristen auf Ausflugsdampfern und kleinen Gondeln schippern durch die Flüsse, flanieren durch die Straßen, immer in Begleitung von Stimmen der Audioguides. Die Geräuschkulisse trägt zur Disneyland-Atmosphäre bei. Dass mitten im Trubel in der nordbayerischen Provinz nun zum vierten Mal ein Festival für experimentelle Klangkunst stattfindet, grenzt an ein kleines Wunder, zumal es Kontraste setzt.

Das Festival läuft noch bis zum 15. September. Infos unter: https://www.franzkafkaverein.de/festival-fkk-iv/

„FK:K“, so genannt nach seinem Veranstalter, dem Kulturverein „FRANZ KAfkA“, und seinem Spielort, dem Kesselhaus, einem ehemaligen Kohlekraftwerk, das am Rand der pittoresken Altstadt liegt. Die mittelalterlichen Brücken, Gassen und Kirchen haben Bamberg den Status „Weltkulturerbe“ beschert.

Das Kesselhaus ist ein unscheinbarer Industriebau aus den späten 1950er Jahren. Einst wurde damit ein Krankenhaus beheizt. Nun ist das Gebäude entkernt, im Innern sind noch die beiden Betontrichter vorhanden, durch die der Koks in zwei Luken in den Keller fiel und die Kohle Wassertanks beheizte. Normalerweise laufen hier Ausstellungen mit lokaler Kunst.

Ehemaliges Kraftwerk mit sparsamer Lichtgestaltung

Für das Festival werden die verschiedenen Ausbuchtungen umfunktioniert, der Laderaum und seine hohen Wände in das Festivalkonzept einbezogen: Das ehemalige Kraftwerk dient nun als Klanglabor, dessen dürftiger baulicher Zustand Teil der Inszenierung ist. Die Akustik ist eindrucksvoll, vor allem der Hall klingt bestechend. Zudem hilft die sparsame Lichtgestaltung, um sich auf die Sounds konzentrieren zu können.

So schafft es der Brüsseler Bassklarinettist Ben Bertrand, mit seinem Blasinstrument, einer Loopstation und dem raffinierten Hall im Kesselhaus spielend, Vielheit zu erzeugen, als stünde nicht nur er da, sondern ein ganzes Orchester mit Bassklarinettisten. Dann wieder klingt die Bassklarinette einsam wie ein Echolot, das Schallimpulse vom Meeresboden empfängt.

Stadtobere und Kulturverwaltung stehen dem Festivalprojekt eher reserviert gegenüber, erklären die Veranstalter Jérémie Gnaedig und Felix Forsbach. Man setze auf andere „Leuchttürme“ von Brauwesen bis E. T. A. Hoffmann, was ja in Ordnung ist.

Als Universitätsstadt, in der rund 12.000 Studierende leben, erscheint es dennoch wichtig, randständige Positionen zu zeigen, besonders, da Bamberg weder eine Musik- noch eine Kunsthochschule besitzt. Die beiden Macher sind zu Recht stolz über ihre Basisarbeit. Da sie regelmäßig Avantgarde-Positionen bieten, würden die Horizonte auch durch Musik und Performance erweitert.

Zen-artiges zeremonielles Happening

Freitag und Samstag zeigen, es gibt ein Publikum, das sich bereitwillig auf Experimente einlässt. Wie divers das Programm ist, wird am Samstag deutlich. Mucksmäuschenstill ist es, als sich die in Paris lebende japanische Künstlerin Tomoko Sauvage im Schneidersitz hinter sechs zu einem im Halbkreis am Boden drapierten Schüsseln niederlässt. In den Glas- und Porzellanschüsseln ist Wasser, Wände und Wasser sind durch Kontaktmikrofone mit einem kleinen Mischpult verbunden.

Sauvage taucht nun ihre Hände ein, zieht sie vorsichtig wieder raus, und das Geräusch der fallenden Wassertropfen wird durch die Amplifikation zu einem zeremoniellen Happening. Weitere zen-artige Interventionen begleiten die Performance von Sauvage, etwa das behutsame Drehen und Wenden von Kieselsteinen in den Schüsseln. Eindrucksvoll wirkt besonders die Dosierung des niedrigschwelligen Klangs. Und Sauvage hat sich vor einer Wand aufgebaut, deren feuchte Flecken mit dem Klangspektrum harmonieren.

Danach hat es Stella Chiweshe – die Künstlerin aus Simbabwe lebt in Berlin – zunächst schwer, das Publikum sofort zu gewinnen. Sie versucht es erst mal mit Zaubersprüchen und Rasseln, mit denen sie den Raum gesundbetet.

Sobald sie sich aber an ihre Mbira setzt, ein Lamellophon, dessen 28 Metalllamellen Chiweshes leicht schrägen, charakteristischen Klang erzeugen, sind die ZuschauerInnen bei der afrikanischen Künstlerin und machen später auch bei den Call-&-Response-Spielen mit. Draußen ist es endlich ruhig, die Touristen liegen in ihren Betten, und die Nacht singt ihre Lieder.

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