Expertin über Frauenhass und Rassismus: „Feminismus als Feindbild“

Besonders Frauen haben in den letzten Wochen rechtsextreme Drohungen, unterzeichnet mit NSU 2.0, bekommen. Das ist kein Zufall, sagt Eike Sanders.

drei Portraits von Frauen nebeneinander geschnitten

Werden von Rechtsextremen bedroht: Janine Wissler, Martina Renner und İdil Baydar (v.l.n.r.) Foto: dpa/Murat Tueremis/Lia Darjes

taz: Frau Sanders, kürzlich haben mehrere Frauen wie die Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız, die linken Politikerinnen Janine Wissler und Martina Renner oder die Comedian İdil Baydar Drohbriefe erhalten, die mit NSU 2.0 unterzeichnet wurden. Was eint diese Adressatinnen?

Eike Sanders: Sie werden angesprochen, weil sie Frauen sind. Sie werden als Frauen adressiert. Es handelt sich um Frauen, die Rollen einnehmen, die ihnen das patriarchale und rassistische System nicht zugesteht, sie werden als besondere Bedrohung für das weiße Deutschland empfunden. Frauen wie diese können eine Öffnung der Gesellschaft herbeiführen. Und sie verkörpern diese gesellschaftliche Öffnung bereits.

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Antifeminismus und Rechtsextremismus beschreiben?

Zu rechten Weltbildern gehört eine binäre Geschlechterordnung, die Hierarchisierung von Männern und Frauen, klassische Rollenzuschreibungen. Die extreme Rechte lehnt Grenzverwischungen ab. Das bedeutet, dass auch beim Thema Geschlecht Uneindeutigkeiten wie Diversität oder fließende Kategorien abgelehnt werden. Feminismus stellt binäre Ordnungen infrage, und der (Queer-)Feminismus hat viel erreicht, was mit klassischen Rollenzuschreibungen bricht. Also wird der Feminismus als Containerbegriff entleert und in ein Feindbild umfunktioniert.

Können Sie das erklären?

Feminismus wird zu einer Bedrohung aufgeblasen und verschwörungsideologisch aufgeladen: Es wird gesagt, Frauen seien an den gesellschaftlichen Schalthebeln und würden Männern ihre Rechte wegnehmen oder wir würden in einem Matriarchat leben. Dem Feminismus wird damit mehr Macht zugeschrieben, als er eigentlich hat. Zudem haben Rechtsextremismus und Antifeminismus ähnliche Funktionsweisen: Die Verbindung von Größenwahn und Verfolgungswahn mit der Idee der männlichen Selbstaufopferung.

Haben die rechten Anschläge von Halle und Hanau, die von Christchurch, Toronto und Utøya, aber auch rechtsextreme Drohbriefe im Antifeminismus also einen gemeinsamen ideologischen Kern?

Sie haben viele gemeinsame Kerne, aber ja, der Antifeminismus ist einer davon. Der Täter von Halle hat sinngemäß gesagt: Der Feminismus ist schuld an einer niedrigen Geburtenrate im Westen, das führt zur Massenimmigration, und die Wurzeln aller Probleme ist der Jude. Wenn wir auf rechtsterroristische Taten des letzten Jahrzehnts schauen und die Manifeste lesen, finden wir diese Konstellation mit unterschiedlichen Gewichtungen wieder. Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus funktionieren unterschiedlich, was die damit einhergehende Ausgrenzung, Zuschreibungen und den Vernichtungswillen angeht. Aber diese drei Komponenten spielen im Welterklärungsmodell der Rechten zusammen, bedingen sich gegenseitig und bestärken sich. Obwohl Antifeminismus da schon immer eine Rolle gespielt hat, ist die Betrachtung von Antifeminismus im Rechtsextremismus eine Leerstelle geblieben.

ist Mitarbeiterin des Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums e. V. (apabiz) und Teil des Autor*innenkollektivs Fe.In, das 2019 das Buch „Frauen*rechte und Frauen*­hass: Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt“ veröffentlichte.

Wie meinen Sie das?

Das 1500-seitige Manifest von Breivik, dem Attentäter von Oslo und Utøya, wurde zum Beispiel als antimuslimisch und rassistisch bewertet. Das stimmt zwar, aber schon auf der ersten Seite steht etwas über Feminismus, über 100 Seiten handeln ganz explizit vom Feminismus und propagieren eine Wiederherstellung des Patriarchats. Obwohl es wenige terroristische Taten gibt, die sich explizit gegen Frauen richten, wählen Rechtsterroristen häufig Feindgruppen aufgrund von geschlechtlichen oder sexuellen Orien­tie­run­gen.

Zum Beispiel?

1999 hat David Copeland bei seinen Bombenanschlägen in London auch eine Schwulenbar angegriffen. Oder das Attentat von Montréal 1989, eines der wenigen, das sich explizit gegen Feministinnen richtete. Selbst da musste 30 Jahre lang gerungen werden, bis dieser Angriff auf einer Gedenktafel als antifeministisch bezeichnet wurde. Das ist ein Kampf um Wahrnehmung von Unterdrückungsverhältnissen.

Wie sinnvoll ist eine Trennung von rechtsextremer und antifeministischer Gewalt überhaupt?

Die Mails vom NSU 2.0 werden vermutlich in der statistischen Kriminalerfassung als rechte Taten eingestuft, nicht aber als Gewalt gegen Frauen. Das wäre eine andere Statistik. Diese Statistiken sind bisher nicht miteinander verbunden. So wie ein rechter Täter, der seine Partnerin bedroht, nicht in der Statistik über Rechte auftritt, sondern bei Gewalt gegen Frauen, werden die Mails des NSU 2.0 nicht in der Statistik über Gewalt gegen Frauen sichtbar sein.

Was hat das für Konsequenzen?

Wenn ich mir historische und aktuelle neonazistische Pamphlete anschaue oder Hassbriefe und Mails wie die des NSU 2.0, sind meistens sexualisierende Komponenten sichtbar, sobald es um Frauen oder LGBTI geht. Trotzdem fällt diese geschlechtliche Komponente meist weg, die Tat gilt einfach als Gewalt gegen politische Gegner*innen.

Wieso ist dieser Zusammenhang wich­tig?

„Rechte Attentäter haben häufig eine Vorgeschichte als Täter häuslicher oder sexualisierter Gewalt“

US-amerikanische Studien zeigen, dass die Täter der beiden Kategorien sich oft überschneiden. Rechte Attentäter, aber auch oder Amokläufer oder Terroristen, die dem politischen Islamismus zugerechnet werden, haben häufig eine Vorgeschichte als Täter häuslicher oder sexualisierter Gewalt. Das heißt: Sie waren der Polizei bekannt im Zusammenhang mit diesen Taten, deren politischer Hintergrund aber nicht hinterfragt wurde, weil sie als privat eingestuft werden. Es ist davon auszugehen, dass vergangene antifeministische Taten gar nicht im öffentlichen Bewusstsein sind, weil wir diesen Zusammenhang bisher nicht ausreichend analytisch verfolgt haben.

Dass rechtsextreme Netzwerke anti­feministisch sind, ist nicht neu. Haben wir es beim NSU 2.0 dennoch mit einer neuen Qualität von Antifeminismus zu tun?

Zumindest spielt sich der beim NSU 2.0 auf einem sehr gefährlichen Niveau ab. Die Bedrohung kommt aus der Polizei, einer bewaffneten Institution, die Macht hat. Und obwohl Antifeminismus in extrem rechten Ideologien nicht neu ist, hat sich dennoch etwas getan: Antifeminismus ist zu einem offensiveren Politikfeld geworden. Früher wurde Geschlecht höchstens thematisiert, wenn rechte Gruppierungen sagten: Nationalismus ist auch Frauensache. Heute finden wir das Thema Gender als Feindbild im gesamten rechten und teilweise auch im konservativen Spektrum. Es wird damit Politik gemacht. Das wurde sichtbar bei den Protesten gegen Lehrpläne in Baden-Württemberg, in denen sexuel­le Vielfalt thematisiert werden sollte.

Wieso wird in der Gesellschaft trotzdem so wenig über die antifeministische Dimension von Rechtsextremismus diskutiert?

Antifeminismus beruht auf einer patriarchalen Gesellschaft, in der zum Beispiel die systematischen Dimen­sio­nen von Gewalt gegen Frauen privatisiert werden. Es wird beispielsweise nicht von Femiziden gesprochen, sondern von Eifersuchtsdramen. Das verschleiert die alltägliche breite Basis und zeigt, wie gefährlich Antifeminismus ist.

Antifeminismus hat also auch jenseits rechtsextremer Kreise eine breite Basis?

Antifeminismus ist nicht nur ein Phänomen der Incels (Involuntary Celibate, unfreiwilliges Zölibat, bezeichnet heterosexuelle Männer, die unfreiwillig keine sexuellen Beziehungen haben, Anm. d. Red.). Wenn wir uns Manifeste oder Drohmails anschauen, sehen wir, dass es sich meist um sehr rechte männliche Täter handelt. Diese haben ein Bild von einer vermeintlich gestörten patriarchalen Ordnung. Und die Gesellschaft vermittelt ihnen, dass sie irgendwie recht haben. Wenn rechte Männer aus diesem Weltbild die Motivation zur Tat ableiten, fühlen sich in ihrer Männlichkeit als Krieger und Helden berufen, einen vermeintlich natürlichen Zustand wiederherzustellen. Vorstellungen von Feminismus und Gender als Feinbilder kommen schließlich nicht aus der extremen Rechten. Die kommen aus konservativen Kreisen.

Das Feindbild Gender, wie wir es heute kennen, hat seinen wichtigsten Schritt in die Öffentlichkeit 2006 durch einen Text über „Gender-Mainstreaming“ von Volker Zastrow in der FAZ gemacht. Wenn wir uns bewusst machen, dass Täter sich diese Ideen nicht aus dem eigenen Kopf holen, sondern sie aus der Gesellschaft nehmen und zuspitzen, wird klar: Anti­feministische Diskurse können zu Taten führen. Sie ermöglichen Tätern, ihre Tat zur Vollstreckung eines imaginierten Volkswillens zu machen.

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