Expansion in Süddeutschland: Tesla drängt auf Strommarkt

Der E-Autokonzern macht jetzt auch in Energie: Es geht um Batterien, Heimspeicher, Algorithmen und Autobidder. Ein Problem wird ausgespart.

Solardach auf einem Eigenheim

Tesla vertreibt auch Solaranlagen Foto: Jan Woitas/dpa

BERLIN taz | Tesla mischt nach dem Automobil- nun auch den deutschen Stromsektor auf. Denn längst beschränkt sich das Unternehmen aus Kalifornien nicht mehr nur auf den Verkauf von Elektroautos. Es vertreibt auch Solaranlagen und stationäre Stromspeicher – sowie als jüngste Ergänzung auch Strom, wenn auch vorerst nur in Bayern und Baden-Württemberg. Partner ist in diesem Fall die Firma Octopus Energy, ein Strom- und Gasversorger aus Großbritannien.

Die einzelnen Komponenten sind dabei wenig spektakulär. Erst das Zusammenspiel ergibt ein Konzept, das „bei Energieversorgern die Alarmglocken“ läuten lässt, wie jüngst das Handelsblatt schrieb.

Denn Basis des Geschäftsmodells von Tesla im Stromsektor ist eine von lernenden Algorithmen dominierte Technik, die den Namen „Autobidder“ trägt und erhebliche Auswirkungen auf den Stromhandel haben könnte. Auf Anfragen, die über die Angaben auf der Internetseite des Konzerns hinausgehen, antwortete das Unternehmen nicht. Aber auch mit den bereits bekannten Informationen zeichnet sich eine klare Richtung ab.

Tesla beschreibt Autobidder als eine „Echtzeit-Plattform“, die ein „wertebasiertes Anlagenmanagement und Portfolio-Optimierung bietet“. Konkret bedeutet das: Der private Stromspeicher – dieser muss zwingend eine Powerwall von Tesla sein –, die erforderliche Photovoltaikanlage und gegebenenfalls auch die Batterie eines Elektrofahrzeugs werden eingebunden in einen Stromhandel, der an diversen Märkten Einnahmen generiert. Schließlich sind Speicherbatterien „hochflexible Anlagen“, erklärt das Unternehmen. Und diese erforderten „intelligente Strategien und Software, um ihren ganzen Wert zu erreichen“.

Hochfrequenzhandel am Strommarkt

Indem Tesla die zahlreichen privaten Speicher koordiniert steuert, kann das Unternehmen auf den Strommärkten – etwa dem Spotmarkt – seinen Stromhandel optimieren. So nutzt es die vielen dezentralen Speicher, um in Zeiten von Stromüberschüssen mit entsprechend billigen Börsenpreisen Energie abzuspeichern und diese in Zeiten der Knappheit mit entsprechend hohen Börsenpreisen wieder abzurufen.

„Virtuelle Kraftwerke“ sind in der Energiewirt­schaft seit Langem bekannt

Auch auf dem Strommarkt wird, wie an den Aktienbörsen, bereits eine Art Hochfrequenzhandel betrieben, bei dem binnen kürzester Zeit Stromkontingente ge- und verkauft werden. So verweist Tesla auch explizit auf sein „intelligentes Bieten“ an den Strommärkten, das „ausgeklügelte Algorithmen“ und ein „fortschrittliches Software-Ökosystem“ erst ermöglichen.

Die Firma wirbt damit, sie verschaffe auf diese Weise „unabhängigen Stromerzeugern, -versorgern und Kapitalpartnern die Möglichkeit, Stromspeicheranlagen eigenständig zu monetarisieren“. Durch die „nahtlose Integration von Hardware und Software“ könne Auto­bidder „in dynamischen Umgebungen sofort nach der Inbetriebnahme eines Projekts rund um die Uhr zuverlässig Einnahmen generieren“. In Australien hat Tesla damit bereits angeblich Erfahrungen gesammelt.

Solche Projekte, die oft als „virtuelle Kraftwerke“ bezeichnet werden, sind in der Energiewirtschaft seit vielen Jahren ein Thema. Aber erst in jüngster Zeit werden sie auch in der Praxis relevant. Einer der Vorreiter war die bayerische Firma Sonnen, ein Hersteller von Heimspeichern. Auch sie schaltet die dezentralen Anlagen in ihrer sogenannten SonnenCommunity zusammen. Die Sonnen GmbH ist heute eine Tochter des Energiekonzerns Shell.

Unklarheit über Lebensdauer der Batterien

Die Algorithmen solcher Modelle stützen sich auf Prognosen, wie viel Strom erzeugt und verbraucht wird, wobei auch Wetterprognosen für die Photovoltaik eine große Rolle spielen. Die Speicher werden dann so eingesetzt, dass einerseits der Eigentümer profitiert, indem er möglichst wenig Strom aus dem Netz bezieht. Zugleich sollen die Speicher im Fall von Tesla zusätzlich an den Strommärkten auch bestmögliche Erlöse erzielen.

Unklar ist allerdings noch, in welchem Maße die zusätzlich generierten Lade- und Entladevorgänge die Lebensdauer der Batterien beeinträchtigen – dabei geht es sowohl um den Heimspeicher als auch um die Fahrzeugbatterie. Zwar versichert Tesla, Autobidder ermittle „aktiv die Kosten und den Nutzen jeder potenziellen Aktion“.

Doch unabhängige Abschätzungen, in welchem Umfang eine Nutzung der Batterien im Dienst der Strommärkte in der Praxis zusätzliche Ladezyklen – und damit Kosten durch Verschleiß – generiert, waren bisher weder vom Bundesverband Energiespeicher noch von den Speicherexperten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zu bekommen.

Dabei ist die Antwort auf diese Frage entscheidend: Von ihr hängt ab, ob der Zugriff auf einen Batteriespeicher durch Stromhändler für den Haus­eigen­tümer tatsächlich ein attraktives Geschäft ist.

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