„Exotische Abende“ im Zoo Leipzig: Das schwere Erbe des Kolonialismus

Im Zoo Leipzig wurden einst Schwarze in „Völkerschauen“ ausgestellt. Initiativen kritisieren, der Zoo halte an rassistischen Praktiken fest.

Zahlreiche Besucher und Gäste der Stadt stehen vor dem Eingang des Zoo Leipzig zum Einlass an

Der Zoo Leipzig ist beliebt – stellt er sich auch seiner kolonialis­tischen Vergangenheit? Foto: Peter Endig/dpa

LEIPZIG taz | Es sind rund 150 Personen, die sich Ende Februar vor dem Leipziger Zoo versammeln. Es ist kalt, Regen prasselt auf die Protestierenden und ihre Banner, hinter ihnen ragen die vergitterten Tore des Zoos empor. „Dafür solltet ihr euch schämen“, ruft eine Sprecherin der Kundgebung, die anlässlich des Black History Month stattfindet. Gemeint ist die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte des Zoos.

„Es ist grotesk, dass sich der Zoo Leipzig noch immer kolonialer Sprache und Stereotypen bedient und seine Verbindung zum Kolonialismus immer noch verneint“, schallt es aus den Boxen, die neben dem Ernst-Pinkert-Haus aufgestellt wurden. Eine kleine Plakette erinnert an den Gründer des Zoos, der dort mit seiner Familie wohnte. Dass Ernst Pinkert im Zoo auch Menschen zur Schau stellte, steht da nicht.

In den Jahren 1876 bis 1931 fanden im Leipziger Zoo 42 sogenannte Völkerschauen statt, bei denen mehr als 750 Schwarze Menschen und Menschen of Color (BIPoC) zur Schau gestellt und ausgebeutet wurden.

Der Zoo weist den Vorwurf der fehlenden Aufarbeitung von sich. Auf Anfrage teilt er mit, dass Menschenschauen aus heutiger Sicht ohne Frage abzulehnen seien, kulturelle Einrichtungen aber „im Spiegel ihrer Zeit“ stünden: Damals seien die Bewertungsmaßstäbe andere gewesen.

Kanwal Sethi kritisiert, dass der Zoo sich einer Aufarbeitung verweigere

Lamin Touré hat da Zweifel. Der Musiker und Musikpädagoge aus Guinea, der eigentlich anders heißt, beteiligte sich im Februar ebenfalls an der Kundgebung vor dem Zoo. Als er vor drei Jahren nach Leipzig kam, vermittelte ihm ein Freund einen Auftritt im Zoo.

Touré spielt bei der Abendveranstaltung „Hakuna Matata“, die der Zoo auf seiner Webseite als „exotischen Streifzug durch die Savanne Afrikas“ bezeichnet. Das Publikum erlebe dort, oder beim „Grillabenteuer im Urwalddorf“, eine „Dschungelatmosphäre“. Das Essen, pauschal als „afrikanische Küche“, bezeichnet, liefert der Konzern Marché Mövenpick.

Die ausschließlich Schwarzen Künst­le­r*in­nen stehen an diesen Abenden einem weißen Publikum gegenüber, das über 100 Euro für eine Karte zahlt. Lamin Touré musste sich vor der Show im Keller umziehen und dort essen. „Das ist respektlos und diskriminierend“, sagt der Musiker, seine Stimme bebt.

Und immer wieder muss Touré auf seine Gage warten, bekam mal 50 Euro, mal 80 Euro für drei bis fünf Stunden Arbeit, die er bei einem Manager der Mu­si­ke­r*in­nen in dessen Wohnung abholen musste. Wer für die unregelmäßige Bezahlung verantwortlich ist – Zoo oder Manager – ist unklar. Der Manager will Fragen der taz dazu nicht beantworten. Der Zoo gibt an, die Künst­le­r*in­nen würden vertraglich engagiert und nach diesen Verträgen bezahlt.

Profit auf dem Rücken schwarzer Menschen

Lamin Touré jedenfalls arbeitet mittlerweile nicht mehr für den Zoo. Für ihn sind die „exotischen Abendveranstaltungen“ ein neues Gesicht des Kolonialismus. Er lacht bitter: „Hakuna Matata heißt: Nicht so viel nachdenken! Das finde ich ironisch, weil die sich offenbar nicht viel dabei gedacht haben.“

Das netzaktivistische Kollektiv „Wir müssten mal reden“ kritisiert, dass sich der Zoo auch abseits der Veranstaltungen kolonialrassistischer Stereotype bedient. So stünden neben Tiergehegen Informationstafeln über BIPoC, die Begriffe wie „Indianer“ oder „Pygmäen“ enthalten. Kolumbus werde als Entdecker romantisiert. Auch die Initiative Leipzig Postkolonial resümiert, der Zoo mache „auf dem Rücken von Schwarzen Menschen Profit“. Die Gruppe will das koloniale Erbe Leipzigs sowie postkoloniale Perspektiven durch Bildungsarbeit sichtbar machen.

Der Zoo weist die Vorwürfe zurück. „In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir unsere Geschichte sehr intensiv aufgearbeitet und veröffentlicht“, sagte Zoodirektor Jörg Junhold in einem Interview der Leipziger Volkszeitung. „Der Historiker Mustafa Haikal hat in unserem Auftrag die Völkerschauen und die Person Ernst Pinkert intensiv und quellenkritisch ausgeleuchtet und eingeordnet.“ Die Ergebnisse finden sich auf der Internetseite des Zoos.

Der Zoo stimmt den Ak­ti­vis­t*in­nen allerdings zu, dass noch „eine öffentliche Diskussion und eine nachhaltige Wissensvermittlung stattfinden“ sollte.

„Exotische Abende“ gibt es auch in anderen Zoos

Doch wie soll diese gestaltet werden? Der Migrantenbeirat der Stadt Leipzig hatte Zoodirektor Junhold schon im September 2020 zum Gespräch geladen. „Leider war aber ein sachliches Gespräch nicht möglich“, beklagt der Vorsitzende des Migrantenbeirats, Kanwal Sethi.

Auch er sieht die bisherige Aufarbeitung des Zoos als regelrechte Verweigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Theaterregisseurin und Kulturwissenschaftlerin Simone Dede Ayivi kommentiert die Argumentation des Zoos mit: „Zurück auf die Schulbank.“

Der Zoo Leipzig ist jedoch keine Ausnahme. Vor der Pandemie bot auch der Zoopark Erfurt solche Abendveranstaltungen an, wie die Initiative Decolonize Erfurt kritisiert. Ein Sprecher der Stadt Erfurt bewertet die „Tropennächte“ mit „orientalischen“ Tänzen als „spielerischen Umgang mit Klischees, mehr nicht“.

In Augsburg wurde noch im Jahr 2005 ein „African Village“ aufgebaut, in dem Schwarze Menschen etwa als „Korbflechter“ „afrikanische Kultur“ vermitteln sollten. Und Mövenpick verkauft in sechs deutschen Zoos „exotisches“ Essen, im Restaurant Amazonica oder der Africambo Lodge.

Berlin ist einen Schritt weiter

Historisch waren die Zoos in Hamburg, Berlin, Augsburg, Frankfurt, Hannover und das Oktoberfest in München Schauplätze von Menschenschauen. Die meisten Zoos machen diese Geschichte nicht oder nur dürftig transparent.

In Berlin ist man bei der Aufarbeitung einen Schritt weiter. Das Museum Treptow initiierte in Zusammenarbeit mit der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und berlin postkolonial e. V. 2017 die erste Dauerausstellung zur Geschichte von Kolonialismus, Rassismus und Widerstand in Deutschland. Die Ausstellung „ZurückGESCHAUT“ widmet sich der „Ersten deutschen Kolonialausstellung“, die 1896 im Treptower Park stattfand.

In Leipzig bewegt sich zumindest die Stadt. Im November 2020 beschloss der Stadtrat auf Initiative der Links­partei den Antrag „Leipziger Kolonialgeschichte in die Erinnerungskultur aufnehmen“. Bis zum dritten Quartal 2021 soll die Stadtverwaltung erarbeiten, wie die „Kolonialgeschichte in Leipzig erforscht und eine kritische Erinnerungskultur geschaffen werden kann“.

Rahel Yohannes, eine der Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen der Kundgebung vor dem Zoo, findet den Beschluss dennoch befremdlich. Denn dort wird die ISD als Kooperationspartner genannt, der Stadtrat habe aber bisher noch kein Gespräch mit der Gruppe gesucht. „Es werden Erwartungen an uns gestellt, ohne überhaupt zu wissen, wer wir sind und was unsere Wünsche und Anliegen sind“, so Yohannes.

Die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, die auch Aufsichtsratsvorsitzende des Zoos ist, will für das Projekt Geld in die Hand nehmen: Eine Förderung von 20.000 Euro sei möglich, schreibt das Kulturdezernat auf Nachfrage. So initiierte die Stadt etwa bereits ein Projekt zur kritischen Erinnerung der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung (STIGA), wo ebenfalls Völkerschauen stattfanden.

Zum Vergleich allerdings: Der Zoo Leipzig bekommt als Tochterunternehmen der Stadt bis 2022 jährlich 2,8 Millionen Euro für sein Konzept „Zoo der Zukunft“ zur Verfügung gestellt.

Die Stadt bemühe sich sehr, sagt Kanwal Sethi. Es werde viel über Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen, aber leider kaum mit ihnen. In einem Antrag zu den „exotischen Abenden“ im Zoo fordert auch er, diese Veranstaltungen bleiben zu lassen. Alle Leip­zi­ge­r*in­nen sollten sich gegen Unterhaltungsformate stellen, die rassistische Stereotype bedienen und Menschen damit diskriminieren, ergänzt er in einem offenen Brief.

Für Sethi wird in den Veranstaltungen die gesamte afrikanische Kultur auf Klischeebilder reduziert. Es würden Verallgemeinerungen von afrikanischen Gesellschaften bedient, die ihren Ursprung im Kolonialismus haben. Schwarze Menschen würden dadurch zu „Anderen“ gemacht.

Zumindest auf der Kundgebung im Februar wird auch Widerstand gegen die Forderungen sichtbar. Drei Männer brüllen Beleidigungen von der anderen Straßenseite. Einer von ihnen zeigt den Hitlergruß, die Polizei verweist ihn des Platzes. Eine Stunde später hebt er erneut den rechten Arm.

Erst nach der Kundgebung und dem Antrag des Migrantenbeirats äußert der Zoo Handlungsbedarf: Kommunikation und Veranstaltungen wolle man sich „noch mal kritisch anschauen“. Das Kollektiv „Wir müssten mal reden“ hat hierfür einige Ideen. Es schlägt vor, Weiterbildung zur kolonialen Vergangenheit im Zoo anzubieten, oder ein von BIPoC angebotenes Schulprogramm.

Musiker Lamin Touré fragt sich, warum an den Abendveranstaltungen im Zoo nicht auch über Rassismus gesprochen wird. Denn: „Afrika ist viel mehr, es ist nicht nur Musik und schöne Kleider. Es ist Austausch und Zusammenkommen.“

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