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Exklave an der NordseeküsteHamburg liegt hier eben doch am Meer

Neuwerk ist den Hamburgern lieb und teuer: 40 Millionen Euro will der Stadtstaat in seine Wattenmeerinsel investieren. Er setzt dabei auf Tourismus.

Jan Kahlcke

Aus Hamburg-Neuwerk

Jan Kahlcke

Der Leuchtturm von Neuwerk ist im morgendlichen Dunst schon auszumachen, obwohl es noch eine gute Stunde bis auf die Insel ist. Der alte Griebel schweigt und lenkt seine Pferde durchs Watt, aber es sieht aus, als würden sie ihren Weg auch allein finden. Er trägt auch an diesem sommerlichen Tag eine dicke Steppjacke und eine Strickmütze, die er bis zu den Haarbüscheln auf seinen Ohren heruntergezogen hat. Man weiß ja nie an der Nordsee. Ach, was heißt hier an – in! Oder auf? Schließlich ist das Wasser gerade nicht da, und wir bewegen uns, technisch gesehen, auf dem Meeresgrund. Deswegen heißt Griebels Gefährt auch nicht Kutsche, sondern Wattwagen.

Eine Festung mitten im Watt

Immer klarer zeichnet der Turm sich ab, trutzig erhebt er sich über der Insel, viel massiger als die schlanken anderen Leuchttürme an der Nordseeküste. „Das war ja auch nicht nur ein Turm“, sagt Hamburgs Landesarchäologe Rainer-Maria Weiss, der hinter dem Kutscher sitzt, „das war eine ganze mittelalterliche Burg.“ Jetzt wird auch erkennbar, dass Hamburgs ältester Profanbau eingerüstet ist. Weiss freut das sehr. Denn das Bauwerk soll saniert werden. Und vorher darf er mit einem Grabungsteam den ganzen Sommer lang die Umgebung aufbuddeln.

Die Besonderheit

Die Insel gehört zum Bezirk Hamburg-Mitte, obwohl sie 120 Kilometer von der Stadt entfernt liegt.

Das Zielpublikum

„Ein perfektes Refugium für gestresste Großstädter“ ist Neuwerk laut Hamburgs Finanzsenator Dressel. „Aber mit perfektem Handyempfang.“ Das Turmhotel soll mit einem eigenen Trauzimmer vor allem Hochzeitspaare anlocken. Bislang zieht die Insel vor allem Tagestouristen an.

Hindernisse auf dem Weg

Ab Cuxhaven fährt die Reederei Cassen Eils täglich per Schiff nach Neuwerk. Die Wattwagen fahren ab Sahlenburg. Über die Abfahrtszeiten entscheidet der Tidenkalender. Ab Duhnen gibt es geführte Wattwanderungen auf die Insel. Eine Reservierung ist für alle Anreisewege zu empfehlen. Eine Sturmflut kann alles über den Haufen werfen.

Leuchtturm wurde das Bauwerk erst 1814. Davor war es eine Festung, von der sich die ganze Elbmündung beherrschen ließ, erbaut von 1300 bis 1310. Nun war Schluss mit den ständigen Piratenüberfällen auf der Unterelbe. „Ab Neuwerk fuhren die Schiffe der Hamburger Kaufleute in sicheren Hansegewässern“, sagt Archäologe Weiss. „Die Burg Neuwerk war der Garant dafür, dass Hamburg reich werden konnte.“ Damit gibt er einen Hinweis darauf, warum die Insel den Hamburgern bis heute lieb und teuer ist.

Eine steile Stiege in einem windschiefen Holzverschlag führt in den Turm. Die verranzte Turmschenke im ersten Stock hat ein gewaltiges Kreuzgratgewölbe. Darüber wird es schlichter: kleine, verbaute Zimmer mit dem Charme der späten Siebziger. Putz fällt von der Decke. Schießschartenkleine Fenster im bis zu drei Meter dicken Backsteinmauerwerk bieten Ausblicke über die ganze Insel: nichts als satte Weiden, in die sich ein paar Gehöfte ducken, dahinter Deich, Watt, Meer, so weit das Auge reicht.

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Stockwerk für Stockwerk geht das so und will kein Ende nehmen. Ein mittelalterliches Hochhaus. In anderthalb Jahren soll daraus ein 21-Betten-Hotel werden. Fast 22 Millionen Euro will sich die Stadt das kosten lassen – und muss am Ende auch das wirtschaftliche Risiko tragen.

Und das ist erheblich. Denn die Saison ist kurz auf Neuwerk, von April bis Oktober, maximal. Selbst da kann es so stürmen, dass Neuwerk weder mit dem Wattwagen noch mit dem Schiff erreichbar ist und die Gäste gar nicht erst ankommen – oder nicht wieder weg. Es gibt ein Landschulheim, ein Heuhotel und ein paar weitere Herbergen. Die Griebels und die Focks, zwei alteingesessene Familien, wollen aufhören, haben keine Nachfolger gefunden. Das wäre praktisch das Ende von Neuwerk gewesen, das auf 21 Einwohner geschrumpft war.

Deshalb hat die Stadt den Familien ihre Höfe abgekauft und sucht nun Pächter, die den Betrieb weiterführen. Vorher wird sie kräftig investieren müssen. Auch das sei „eingepreist“, heißt es aus der Finanzbehörde.

Insgesamt 40 Millionen Euro will Hamburg in den kommenden Jahren in seine Insel im Watt stecken. „Nordseetourismus wird in den kommenden Jahren boomen“, sagt Finanzsenator Andreas Dressel (SPD), der zum Baubeginn am Turm angereist ist. „Wär’ doch komisch, wenn wir es nicht schaffen würden, davon für Neuwerk ein bisschen abzubekommen.“

Dafür engagiert sich der Stadtstaat trotz knapper Kassen als Unternehmer. Rational ist das kaum zu erklären. Dressel greift denn auch zu einer gehörigen Portion Pathos: „Das ist unsere Insel“, beschwört er, „das ist Teil der Geschichte unserer Stadt.“

Besuch ist Bürgerpflicht

Es scheint, als werde Hamburgs „Vorposten im Meer“ (Dressel) umso wichtiger, je mehr die maritime Wirtschaft an Bedeutung verliert. Ein Identitätsanker in der Elbmündung. Der Senator erhebt es gar zur patriotischen Pflicht, Neuwerk zu besuchen: „Für Hamburgerinnen und Hamburger sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, nicht nur einmal, sondern mehrmals im Jahr auf Neuwerk zu sein.“

Dressel selbst macht seine Verbundenheit auf dem nicht mal einstündigen Rundgang um die Insel deutlich: In der alten Schule, heute ein Souvenirshop, ersteht er ein „Neuwerk“-Käppi – so günstig, als gäbe es noch gar keinen Tourismus auf der Insel.

Aus seiner Behörde ist zu hören, dass die Stadt die Schule auch wieder aufmachen würde – falls es irgendwann wieder Kinder gibt.

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