piwik no script img

Evakuierung aus AfghanistanFlüge aus Kabul gestoppt

Die Bundesregierung setzt die Charterflüge via Katar vorerst aus. Die Ausreise auf dem Landweg bleibt für Af­gha­n*in­nen möglich, aber schwierig.

Anne Fromm

Aus Berlin

Anne Fromm

Die Evakuierung der Menschen in Afghanistan bleibt stockend. Die Bundesregierung fliegt vorerst keine Charterflüge mehr aus Kabul. In den letzten Wochen hatte es in Kooperation mit Katar zwei Charterflüge gegeben, die Menschen über Doha nach Deutschland gebracht hatten. Auf weiteren Flügen hatte es vereinzelt Sitzplätze für Af­gha­n*in­nen gegeben, die eine Aufnahmezusage aus Deutschland haben. Das scheint nun erst einmal vorbei zu sein.

Offiziell kommentiert das Auswärtige Amt die Nachricht nicht. Aus Kreisen des Amtes heißt es aber, dass die Flüge über Katar tatsächlich gestoppt seien. Allerdings sei das nicht von Deutschland ausgegangen. Die Taliban hätten alle Charterflüge nach Doha gestoppt. Das betreffe auch die Flüge anderer Nationen, zum Beispiel der Amerikaner.

Eigentlich sollte in der vergangenen Woche noch ein Flug über Katar nach Deutschland gehen. Die Menschen, die dort hätten mitfliegen sollen, waren schon nach Kabul gekommen und hatten dort den Coronatest gemacht, den sie brauchen, um an Bord zu gehen. So erzählt es der Sprecher eines inoffiziellen Netzwerks afghanischer Ortskräfte der taz. Durch einen Anruf der Bundeswehr hätten diese Menschen erfahren, dass ihr Flug nicht stattfinden werde. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, man bemühe sich, für diese Leute einen Flug nach Islamabad zu organisieren und von dort die Weiterreise nach Deutschland. Wann der stattfindet und wann es überhaupt wieder reguläre Evakuierungsflüge aus Kabul geben kann, könne man derzeit nicht sagen.

Bisher nur rund 7.000 Menschen in Deutschland

Über den Landweg ist eine Ausreise vor allem nach Pakistan weiterhin möglich, allerdings schwierig: Af­gha­n*in­nen brauchen einen Pass und ein Visum für Pakistan. Die Visavergabe dauert sehr lange. Viele Af­gha­n*in­nen versuchen, ein Visum auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Die kosten bis zu 150 US-Dollar pro Person, berichten Af­gha­n*in­nen der taz.

Wie viele Menschen in Afghanistan noch auf eine Evakuierung warten, ist schwer zu sagen. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die Bundesregierung knapp 25.000 Aufnahmezusagen für Af­gha­n*in­nen ausgesprochen hat. Bislang seien aber nur rund 7.000 Menschen in Deutschland angekommen.

Warum die Taliban nun die Flüge verhindern, ist unklar. Beobachter vermuten, dass die Talibanführung einen Braindrain verhindern will. Hilfsorganisationen berichten stattdessen, dass die Taliban mittlerweile Rache nehmen an ihren vermeintlichen Gegnern. Laut Human Rights Watch haben die Taliban in den letzten Monaten rund 100 Polizei- und Geheimdienstangehörige getötet oder verschwinden lassen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • lesnmachtdumm

    Der ( potentiell tödliche ) Verrat an Ortskräften von Bundeswehr und NGOs hat bereits stattgefunden - was schert das alles uns noch ? Zusagen offizieller Stellen der Bundesrepublik Deutschland glaubt eh niemand mehr. Bürokratie scheint so definiert. Sie kann nicht anders.