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Der Krieg zerstört die Ukraine immer weiter. Dennoch setzen Politiker wie Ökonomen darauf, dass es mit dem Land nach dem Krieg bald schnell bergauf geht
Von Mathias Brüggmann
„Kyjiw wartet auf Dich nach dem Krieg“ – steht weiß auf blau auf einem großen Plakat vor der Sophienkathedrale in der ukrainischen Hauptstadt. Die Kirche aus dem 11. Jahrhundert ist eine der Sehenswürdigkeiten in Kyjiw und Wiege des Christentums in der Ukraine. Das Plakat ist eine Einladung an Touristen, die Ukraine bald wieder zu besuchen.
Ganz anders die Bilder, die der Katastrophenschutz von den Getreidesilos am Hafen von Odessa veröffentlicht: zerborstenes Blech, herabgestürzte Stahlteile, eine Feuersbrunst inmitten von Trümmern.
Hoffen und Bangen in einem Land. Hoffen auf ein Ende des Krieges und die Sorgen vor dem nächsten russischen Raketen- und Drohnenangriff, der die Energieinfrastruktur zerstört und ganze Städte zu Kühlschränken werden lässt. Seit Beginn der gezielten russischen Angriffe auf die Infrastruktur im Oktober 2025 wurden bei Angriffen 8,5 Gigawatt an Strom-Erzeugungskapazitäten in der Ukraine beschädigt: Wärme- und Wasserkraftwerke, Umspannwerke, Transformatoren, Gasleitungen und Stromnetze.
Es seien riesige Verluste, die sein Land allein dadurch erleide, sagt Wirtschaftsminister Oleksij Sobolew der taz: Neben all dem menschlichen Leid „kostet uns jede Milliarde Kilowattstunden, die aufgrund der Angriffe in der Ukraine nicht produziert wird, etwa 0,15 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts“, so der frühere Investmentbanker. Er fügt aber trotzig hinzu: „Wir bauen alles wieder auf – mit großer Unterstützung unserer Partner. Unsere Wirtschaft ist sehr widerstandsfähig.“
Dass die Ukraine bis heute dem Angriff des deutlich größeren und mit viel mehr Waffen ausgestatteten Russlands standhalte und nicht wirtschaftlich am Abgrund stehe, liegt laut der Ökonomin Elina Ribakova an den Reformen, die das Land seit der Annexion der Halbinsel Krim 2014 unternommen habe: Entscheidend seien „erhebliche Verbesserungen im makroökonomischen Management und die gestärkte Integration mit dem Westen“, meint die Vizepräsidentin für Außenpolitik an der Kyiv School of Economics (KSE).
„Im Krieg geht es nicht nur um einen militärischen Angriff, sondern auch um die Fähigkeit, massive makroökonomische Schocks zu bewältigen“, meint Ribakova. Der Zentralbank sei es gelungen, die Arbeit der Geschäftsbanken aufrechtzuerhalten, die Inflation in den Griff zu bekommen und die Landeswährung Hrywnja stabil zu halten. So habe „das Land mithilfe seiner Partner inzwischen fast vier Jahre lang einem atomar bewaffneten Gegner mit überlegener Manpower und mehr finanziellen Ressourcen Widerstand geleistet“.
Um 2,2 Prozent sei die ukrainische Wirtschaft trotz des Krieges voriges Jahr wieder gewachsen, Russlands nur um 0,7 Prozent, sagt Minister Sobolew stolz: „Es ist auch ein Wirtschaftskrieg. Wir müssen wirtschaftlich besser dastehen als Russland.“
Die anhaltenden Zerstörungen der Energie- und Transportinfrastruktur setzen der Ukraine aber immer heftiger zu. „Längere Störungen durch angegriffene Elektrizitätsanlagen können zu Produktionsausfällen in Höhe von 2 bis 3 Prozent des BIP führen“, heißt es in der jüngsten KSE-Prognose. Die westlichen Finanzspritzen schafften indes einen „bedeutenden Ausgleich, sodass das Wirtschaftswachstum für 2026 auf 3,2 Prozent nach oben korrigiert werden kann“.
Oleksij Sobolew, ukrainischer Wirtschaftsminister
Doch daneben stehen einige offene Fragen: Der Krieg verschlingt nach KSE-Berechnungen Staatsausgaben im Umfang von 43 Prozent des BIP. Das Haushaltsdefizit steigt so rasant und wird nur durch große Finanzhilfen des Westens gedeckt. Dadurch erklimmt die Staatsverschuldung immer neue Höhen. Auch das Außenhandelsdefizit wächst stärker als erwartet.
„Wir haben ein Handelsdefizit nicht deshalb, weil sich die Wirtschaft ‚komisch‘ entwickelt, sondern weil wir wegen der russischen Angriffe jetzt Strom importieren müssen, statt ihn zu exportieren. Und da wir auch deutlich mehr Erdgas einführen müssen“, erklärt Sobolew. „Zudem müssen wir militärische Güter importieren. Das sind die beiden Hauptposten, die dieses große Ungleichgewicht im Außenhandel verursachen. Sie werden durch ausländische Unterstützung finanziert. Dadurch bleibt die makrofinanzielle Situation stabil.“
Unklar ist, ob wegen des Strommangels und der Kältewelle Hochöfen und Glasschmelzen funktionsfähig bleiben oder durch die Blackouts dauerhaft zerstört sind. Die Kohle- und Metallindustrie steht noch immer für 7,2 Prozent des BIP und etwa 15 Prozent der Exporte. Kleinere Firmen behelfen sich durch Dieselgeneratoren, wodurch ihre Stromkosten sich aber gegenüber Kriegsbeginn verfünffacht haben.
Auch die wieder verschärften Exportquoten für ukrainisches Getreide und Speiseöle in die EU belasten den Außenhandel, ebenso die Angriffe auf Häfen. Sobolew indes möchte „zusammen mit der EU zum weltweit führenden Lebensmittelexporteur werden. Das ist eine große wirtschaftliche und auch geopolitische Stärke und sicherheitspolitische Ressource.“
Der große Treiber sei inzwischen die Rüstungsindustrie, sie macht den größten Teil des BIP aus. Vor allem in der Produktion von Kampf-, Abfang- und Stör-Drohnen, wie Jurij Lomikowskyj im Gespräch in Lwiw erklärt. Er ist Mitbegründer des Iron Lviv Tech Cluster, in dem ukrainische und internationale Rüstungsproduzenten vereint sind. Früher sei der Verteidigungssektor staatlich gewesen, jetzt „dominieren 800 bis 1.000 private Produzenten“, so Lomikowskyj: „Heute unterstützen wir uns gegenseitig in unserer Produktion. Das hilft, unabhängig zu werden von chinesischen Bauteilen.“ Dringend nötig seien aber ausländische Investitionen in die jungen Unternehmen und internationale Kooperation.
Andernorts wächst Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Dann, so Dimitar Bogov, Lead Economist for Ukraine and Moldova bei der Osteuropaförderbank EBRD, „sind wir fest davon überzeugt, dass die Ukraine während des Wiederaufbaus zu einem neuen europäischen ‚Tigerstaat‘ werden kann“. Wie einst die asiatischen Boomstaaten mit sagenhaften Wachstumsraten. Die Ukraine verfüge „über die dafür notwendigen Grundlagen in den Bereichen Verteidigung, digitale Innovation und traditionell starken Sektoren wie der Landwirtschaft“, sagt Bogov.
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