Europäische Unternehmensform: Schnell und für 100 Euro gründen: „EU Inc.“ vorgestellt
Die EU-Kommission will einfache Bedingungen für Gründer*innen, um sich etwa gegenüber den USA zu behaupten. Gewerkschaften sind teils skeptisch.
afp | Schneller gründen, einfacher Investitionen an Land ziehen: Die neue Unternehmensform „EU Inc.“ soll Start-ups beim Wachsen helfen und sie damit in der Europäischen Union halten. „Jeder Unternehmer wird innerhalb von 48 Stunden eine Firma gründen können, vollständig digital und von jedem Ort in der Europäischen Union aus“, erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch. Sie stellte „EU Inc.“ in Brüssel vor.
Bislang gibt es in den 27 EU-Staaten nach Kommissionsangaben mehr als 60 verschiedene Unternehmensformen, für eine deutsche GmbH gelten andere Regeln als für eine vergleichbare Firma in Frankreich oder Irland. Für kleine Unternehmen ist es deshalb kompliziert, in einem anderen EU-Land einen Standort aufzubauen. Investoren aus anderen Staaten sind bisweilen skeptisch.
Die Kommission will nun eine zentrale Internetseite aufsetzen, wo sich Unternehmerinnen und Unternehmer registrieren können, für maximal 100 Euro und innerhalb von zwei Tagen. Die Informationen sollen nach Vorstellung der Kommission automatisch an nationale Register in allen 27 Staaten fließen. Die neue Firma soll ohne weitere Anträge Steuer- und Umsatzsteuernummern bekommen.
Auch neue Investitionen oder die Übertragung von Anteilen sollen digital abgewickelt werden können. Das Gleiche gilt für Insolvenzen. „Das ermöglicht es Gründerinnen und Gründern, innovative Ideen zu testen, und bei Bedarf von Neuem anzufangen“, teilte die Kommission mit.
Gewerkschaften besorgt
Die Kommission will so verhindern, dass erfolgreiche Start-ups abwandern und in den USA oder anderswo weiterwachsen und an die Börse gehen – wie in der Vergangenheit der Musikstreamingdienst Spotify oder der Finanzdienstleister Klarna.
Deutsche Wirtschaftsverbände begrüßten, dass die neue Rechtsform allen Unternehmen offensteht, Start-ups wie bestehenden Firmen. EU Inc. könnte Unternehmen „die Expansion im Binnenmarkt deutlich erleichtern“, erklärte der stellvertretende Geschäftsführer des Industrieverbands BDI, Holger Lösch.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) forderte, die Vorschläge nun rasch umzusetzen. DIHK-Chefjustiziar Stephan Wernicke warnte davor, „Sonderinteressen im Arbeitsrecht, im Insolvenzrecht oder im Finanzierungsrecht zu Voraussetzungen des Gesamtprojekts zu machen“ und die Rechtsform damit zu verkomplizieren. In den vergangenen Jahrzehnten gab es schon einmal eine einheitliche EU-Rechtsform, die wegen hoher Hürden kaum genutzt wurde.
Gewerkschaftsverbände hatten im Vorfeld gemahnt, die neue Unternehmensform dürfe nicht die Arbeitsrechte der verschiedenen Länder untergraben. Die Kommission schlägt nun vor, dass für Beschäftigte die Gesetze des Landes gelten, wo sie den Großteil ihrer Arbeit erledigen. Das betrifft etwa den Mindestlohn, Arbeitszeiten, Sicherheitsvorkehrungen und Betriebsräte.
Die Vorschläge aus Brüssel gehen nun in die Verhandlungen im Europaparlament und im Rat der 27 Mitgliedstaaten. Der Rat hat sich zum Ziel gesetzt, die neue Rechtsform bis Jahresende zu beschließen – in jedem Fall dürften die Beratungen aber mehrere Monate dauern.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert