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Essen als Widerstand

Verstreute Landminen, Drohnen und Bombardierungengehören an der Grenze zu Israel in Südlibanon zum Alltag. Trotzdem Fisch zu fangen, Oliven zu ernten, einheimisches Saatgut zu schützen, ist für die Menschen hier Teil ihrer Identität und notwendig für ihr Überleben

Die Fischerei hat an der libanesischen Mittelmeerküste eine lange Tradition, viele lernen den Beruf von ihren Vätern Foto: Julia Neumann

Aus Beirut und Tyros Julia Neumann

Jafar war 17, als er zum Fischen aufs Meer rausfuhr und nicht zurückkam. Statt eines Fisches in seinem Netz landete er im Gefängnis. „Ich war gerade dabei, meine Angel auszuwerfen. Plötzlich kamen zwei israelische Schnellboote auf mich zu, hielten direkt neben dem Boot an und warfen Blendgranaten hinein. Der Motor ging kaputt, das Öl lief aus. Dann haben sie mich mitgenommen“, erinnert er sich.

Das war im Jahr 2000, vor der libanesischen Küste von Naqoura, an der Grenze zu Israel. „Sie brachten mich in ein Gefängnis in Haifa, nannten mich Terrorist“, sagt Jafar. Fünf Tage sei er dort geblieben, sei in einem Raum voller Kameras verhört worden. „Selbst auf der Toilette war eine Kamera. Ich konnte nicht aufs Klo gehen, bekam Magenschmerzen.“ Um freigelassen zu werden, unterzeichnete er ein Dokument, in dem stand, er sei gut behandelt worden. Durch ein Komitee aus Vertretern der UN, Libanons und Israels sei er zurückgeführt worden.

26 Jahre ist das nun her, doch an der Südküste Libanons leiden die Fischer heute wieder unter fast täglichen israelischen Angriffen. „Jeder, der rausfährt, riskiert sein Leben“, erzählt Jafar. „Jedes Mal kommen die Drohnen und kreisen über den Fischern, zwei oder drei Meter über dem Kopf. Wenn sie jemanden töten wollen, feuern sie eine Rakete ab. Wenn sie jemanden festnehmen wollen, schicken sie Boote raus und verfolgen die Leute.“ Viele befürchten, von israelischen Soldaten verschleppt zu werden.

Nach dem 7. Oktober 2023 wurden zwei Firscher im libanesischen Gewässer gekidnapped: Ali Fneish, ein 36-jähriger Vater von fünf Kindern, wurde am 4. Juni 2025 von israelischen Soldaten entführt. Mohammad Jouhair, ein 34-jähriger Fischer und Vater, wurde am 2. Februar 2025 beim Fischen mit seinem Cousin entführt. Sein Cousin entkam und berichtete, israelische Schnellboote seien in libanesische Gewässer eingedrungen, hätten Jouhair mit einem Gummigeschoss beschossen und ihn an Bord genommen. Alle Fischer, mit denen die taz gesprochen hat, bekräftigen, dass Fneish und Jouhair keiner Miliz oder politischen Partei angehörten, sondern einfache Fischer sind. Beide sind noch immer in Israel gefangen.

„Wo früher 100 Boote ausliefen, fahren jetzt nur noch 10 bis 15 täglich hinaus“, sagt Sami Kamal Rizk, Präsident des Fischerverbandes in Tyros. Der 70-Jährige sitzt in seinem kleinen Büro mit Blick direkt auf den Hafen. Seit 55 Jahren arbeitet er hier als Fischer. „Israelische Drohnen kreisen Tag und Nacht über unseren Köpfen“, erzählt er. Ein Freund von ihm habe in der Gegend um Rashidiya gefischt, als er eine Drohne über sich entdeckte. „Er ließ seine Netze zurück und floh.“ Es herrscht Angst: Von den insgesamt 200 Fischerfamilien seien viele jetzt arbeitslos und hätten Schwierigkeiten, ihre Kinder zu ernähren.

Die Fischerei hat dabei entlang der 220 Kilometer Mittelmeerküste in Libanon Tradition, viele erlernen den Beruf von ihren Vätern. In den Küstenorten zieht der Duft von gegrilltem Fisch durch die Straßen. Vor dem Krieg fingen insgesamt 3.000 Boote jährlich bis zu 3.500 Tonnen Fisch, schätzte die Welternährungsorganisation (FAO) 2021. Und das Fischen ist einer der wenigen leicht zugänglichen Jobs, auch für Mi­gran­t*in­nen wie Syrer*innen.

Wer schützt die Fischer?

Die ständigen Übergriffe auf Fischer kennt Rizk allerdings seit Langem, sagt er. Schon vor dem Rückzug des israelischen Militärs aus Südlibanon im Jahr 2000 seien dabei immer wieder Menschen verletzt, Netze beschlagnahmt und Boote versenkt worden. Mit dem jüngsten Krieg nach dem 7. Oktober 2023 hätte sich die Lage aber verschärft. Israels Vorgehen sei willkürlich und ohne Vorwarnung. „Wobei vermehrt auf Technologie anstatt auf traditionelle Kriegsführung gesetzt wird“, erklärt Rizk. Die GPS- und Radarsysteme der Fischer würden deaktiviert, israelische Schiffe näherten sich, feuerten Schallgranaten oder scharfe Munition ab, und Drohnen würden eingesetzt, um Schallbomben abzuwerfen. Dem Militär ginge es darum, im libanesischen Gewässer Sperrgebiete zu markieren.

Israelische Angriffe in Libanon

Zwischen Oktober 2023 und November 2024 wurden laut libanesischem Gesundheitsministerium mehr als 4.000 Menschen durch israelische Angriffe getötet und weitere 16.600 verletzt. Ein vereinbarter Waffenstillstand sollte die Angriffe beenden. Laut Abkommen sollte sich die israelische Armee im Januar 2025 aus Südlibanon zurückziehen. Doch sie hält weiter mindestens fünf Gebiete militärisch besetzt. Israelische Angriffe gehen weiter, nicht nur gegen Hisbollah-Personal, sondern auch gegen zivile Infrastruktur. Trotz Waffenstillstand wurden laut UN mindestens 127 Zivilist*in­nen getötet. Im Oktober 2025 waren demnach noch rund 64.000 Menschen binnenvertrieben.

Landwirtschaftliche Produktion reduziert

Der Agrarsektor Libanons wurde besonders hart getroffen. Israelische Bombardierungen verwüsteten Ackerland im Süden und in der Bekaa-Ebene, beim Einmarsch im Herbst 2024 rissen israelische Soldaten Olivenbäume aus der Erde. Laut Bericht der Welternährungsorganisation (FAO) beliefen sich die direkten Schäden im Agrarsektor auf rund 118 Millionen US-Dollar, die gesamtwirtschaftlichen Verluste überstiegen 586 Millionen US-Dollar. Betroffen waren die Bereiche Ackerbau, Viehzucht, Forstwirtschaft und Fischerei. Dem Bericht zufolge braucht es für Wiederaufbau und Erholung im Agrarsektor 263 Millionen US-Dollar.

Glyphosat-Abwurf

Am 1. Februar 2026 schickte das israelische Militär eine Mitteilung an UNIFIL und kündigte einen Luftangriff an, mit einer „ungiftigen chemischen Substanz“, die sie über Gebieten nahe der undefinierten Grenze zwischen Libanon und Israel abwerfen würden. Die Friedenstruppen gingen in Deckung. Hinterher halfen sie der libanesischen Armee, Bodenproben zu nehmen. Laboruntersuchungen der ergaben, dass Glyphosat abgeworfen wurde. Agrarminister Nizwar Hani sagte, das Herbizid sei in Konzentrationen eingesetzt worden, „die 20- bis 30-mal höher waren als die übliche landwirtschaftliche Anwendung“.

Weißer Phosphor

Laut UNIFIL ist es nicht das erste Mal, dass die israelischen Streitkräfte chemische Substanzen aus Flugzeugen abwerfen, die der Umwelt schaden. In mindestens fünf libanesischen Gemeinden hatte Israel 2024 weißen Phosphor unrechtmäßig über Wohngebieten abgeworfen, dokumentierten Menchenrechtsorganisationen, libanesische Medien sowie Labore.

„Das alles führt zu einem permanenten Kriegszustand für die Fischer“, sagt Rizk. „Und der Staat ist unfähig, uns zu verteidigen. Wer sorgt für unseren Schutz: unsere Regierung oder die Vereinten Nationen?“ Der libanesische Zivilschutz greife nur ein, um Menschen in Seenot zu retten, berichtet ein Mitarbeiter der taz, agiere aber nicht militärisch. Es gebe zwar auch mehrere Stützpunkte der libanesischen Armee ­entlang der Küste. „Doch sie sehen die Bedrohung und sind nicht in der Lage einzugreifen“, sagt er.

Im Hafen von Beirut liegt die Fregatte „Sachsen-Anhalt“, die mit 160 deutschen Sol­da­t*in­nen Teil der UN-Mission UNIFIL ist. UNIFIL wurde 1978 gegründet, um den Abzug der israelischen Truppen aus Südlibanon zu überwachen. Nach dem Libanon-Krieg 2006 wurde das Mandat im UN-Sicherheitsrat erneuert. Rund 15.000 Blauhelme sollen die undefinierte Grenze, die Blaue Linie, zwischen Libanon und Israel sichern – durch Patrouillen, Überwachung und Vermittlung diplomatischer Gespräche.

In der Mission sind rund 300 deutsche Soldat*innen, die vor allem die Seegrenze überwachen und möglichen Waffenschmuggel der Hisbollah an die libanesischen Behörden melden. Schützen sie auch Zivilist*innen? Das Eingreifen zur Verteidigung von Zi­vi­lis­t*in­nen sei ein Punkt, der „weit über das hinausgeht, was wir als Auftrag bekommen haben“, sagt Flottenadmiral Stephan Plath.

UNIFIL-Soldat*innen dürfen technisch unter bestimmten Umständen Gewalt anwenden: zur Selbstverteidigung, um UN-Personal und humanitäre Hel­fe­r*in­nen zu schützen und ihnen Zugang zu gewährleisten sowie um Zi­vi­lis­t*in­nen zu schützen, die unmittelbar von physischer Gewalt bedroht sind. De facto wendet UNIFIL aber keine Gewalt an, nimmt nur eine überwachende Funktion ein, dokumentiert die Vorfälle.

Tatsächlich griff das israelische Militär selbst die Blauhelme im jüngsten Krieg an. 2024 verletzte israelisches Feuer mehrere Blauhelmsoldaten, zwang sie zum Rückzug und zerstörte UN-Gebäude und -Ausrüstung. Die Angriffe wurden von Ländern, die Truppen zu UNIFIL stellen, verurteilt. Der UN-Experte für Hinrichtungen, Morris Tidball-Binz, sprach von absichtlichen Attacken gegen UN-Personal als Kriegsverbrechen.

Die Olivenbäume kennen uns. Diese Verbundenheit ist der Beweis, dass wir die Bewohner dieses Landes sind

Christine Abi Azar, Künstlerin

Nahrung als Widerstand

Die andauernden Angriffe, der verzögerte Wiederaufbau von Infrastruktur und Feldern, dazu hohe Lebenshaltungskosten und Kürzungen der humanitären Hilfe – all das führt in Libanon zu einer Nahrungsmittelunsicherheit. Laut neustem FAO-Report sind rund 874.000 Menschen in Libanon von akuter Nahrungsmittelknappheit betroffen, das sind etwa 17 Prozent der analysierten Bevölkerung.

Der Staat kann nicht helfen. Korruption und Missmanagement haben das Land in den Bankrott geführt. Seit 2019 herrscht eine tiefe Wirtschaftskrise. Weil es dem Staat an Organisation und Geld fehlt, füllen NGOs und Initiativen die Lücke.

Die Fischerei hat an der libanesischen Mittelmeerküste eine lange Tradition, viele lernen den Beruf von ihren Vätern Foto: Julia Neumann

Wie etwa in Saadnayel, einem Ort an der Grenze zu Syrien, im fruchtbaren Bekaa-Tal. Hier bauten Landwirte über Generationen Getreide, Kartoffeln und Trauben für Wein an. Zwischen Feldern von Weißkohl, Salat und Getreide steht ein Lehmhaus, darin in Plastiktüten und Boxen die wertvollen Pflanzensamen der Organisation „Buzuruna juzuruna“ (Buju), was übersetzt etwa „Unsere Samen, unsere Wurzeln“ heißt. Die uralten Samen sind quasi Erbstücke und Gemeingut. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, sind nicht gentechnisch verändert oder von Unternehmensmonopolen kontrolliert. Land­wir­t*in­nen dürfen sie züchten und tauschen.

Auf der Farm gibt ein gelb-rotes Zirkuszelt, Hühner und eine Menge Kinder. Sie besuchen eine kleine Schule, in der Land­wir­t*in­nen ökologische Landwirtschaft unterrichten. Doch während des Krieges war das anders. „Es gab Bombardierungen überall in der Bekaa, manche nur ein paar Kilometer von der Farm entfernt“, erzählt der 40-Jährige Serge Harfouche, Mitgründer von Buju. Doch trotzdem haben sie sich weiter um das Land gekümmert – und konnten acht Tonnen Fava-Bohnen, Linsen, Kichererbsen und Weizen an Gemeinschaftsküchen in Baalbek, Tripoli, Zgharta und Beirut liefern, die Kriegsvertriebene versorgten.

Harfouche sagt, der Krieg habe erneut gezeigt, wie schnell der Zugang zu Nahrung eingeschränkt werden kann. Aber Essen dürfe keine Waffe sein, sagt Harfouche. Wenn sie selbstbestimmt hergestellt würden, könnten Nahrungsmittel ein Mittel gegen Unterdrückung sein. Ursprüngliches, vermehrbares Saatgut sei die Grundlage für Selbstbestimmung über das eigene Leben. „Ernährungssouveränität kann ein Instrument des Widerstands sein. Nahrung ist schließlich ein Menschenrecht.“

Der Geschmack getrockneter Mortadella

Es ist wie ein permanenter Kriegszustand für die Fischer. Und der Staat ist unfähig, uns zu verteidigen

Sami Kamal Rizk, Präsident des Fischerverbandes in Tyros

Welche Bedeutung Nahrung hat, hat Christine Abi Azar am eigenen Leib erfahren. „Die ersten zehn Jahre meines Lebens verbrachte ich größtenteils im Schutzraum“, erzählt sie aus der Zeit des Bürgerkriegs, der 1975 anfing und 1990 endete. Abi Azar wurde 1982 geboren, in dem Jahr, in dem Israel in Südlibanon einmarschierte. Den Krieg hat sie in Beirut erlebt. „Wir bekamen hauptsächlich Fertigprodukte, zum Beispiel diesen komischen Käse, der nach Plastik schmeckte, getrocknetes Fleisch in Dosen. Manchmal gab es nicht einmal sauberes Wasser. Wir stellten volle Gläser in die Sonne, damit wir es trinken konnten. Wenn es einmal gegrilltes Hähnchen gab, war das ein großes Fest.“

Die 44-Jährige sitzt auf einem Barhocker in der Küche ihrer Galerie im Herzen von Beirut. „Kein Chef in der Küche“ heißt dieser Ort für Kunst und Essen. Die Regale hinter ihr stehen voller Dosen und Gläser mit Gewürzen, getrockneten Kräutern und Blumen. „Ich habe Johannisbrotpulver, gute Kaffeebohnen, Honig aus der Ukraine und natürlich Olivenöl“, zählt sie stolz auf. Abi Azar ist gelernte Journalistin, schreibt Gedichte und kuratiert hier Ausstellungen und Performances.

Essen ist für Abi Azar heute Kunst und Ausdruck von Identität. Als Kind war es verknüpft mit Angst. „Ich erinnere mich, als wir einmal im Schutzraum im Keller waren und meine Mutter hochging, um Mortadella-Sandwiches zu machen.“ Während sie oben war, schlug eine Bombe in dem Schutzraum ein. Zum Glück hatten alle überlebt, nur ein Nachbar hatte ein paar Prellungen. „Selbst der Geschmack von getrockneter Mortadella ist mit dieser Erinnerung verbunden: der Moment, in dem man auf dieses Sandwich wartet und stattdessen eine Bombe einschlägt.“

Der Fischer Majid Bawad hat auf Tourismus umgestellt: „Selbst unter Bombar­dierungen und Belagerungen arbeiten wir weiter“, sagt er Foto: Julia Neumann

Der Duft der Rosen- und Orangenblüten

Als die israelische Armee im Jahr 2000 abzog, konnte sie zum ersten Mal das Heimatdorf ihres Vaters im besuchen: Khiam, ein Grenzdorf nahe Israel im Süden Libanons. „Wir, und besonders im Süden, haben viele Kriege erlebt. Jedes Mal, wenn die Menschen zurückkehren, überprüfen sie als erstes ihr Gemüse, ihre Olivenbäume“, erzählt sie. „Es ist wie eine Art Zugehörigkeitsgefühl. Die Olivenbäume kennen uns. Diese Verbundenheit ist der Beweis, dass wir die Bewohner dieses Landes sind.“

Mit dem jüngsten Krieg holten sie die Kindheits-Erinnerungen ein. Besonders der Gedanke an Mouneh– eingemachtes Essen, das Frauen vor dem Winter zubereiteten. Mounehist das konservierte Produkt – Obst, Gemüse, Milch oder Kräuter, getrocknet, eingelegt oder eingekocht. Der Begriff kommt vom arabischen Wort mana, lagern. „Ich stellte mir ein leeres Haus vor, die Sonne scheint durchs Fenster, auf eine Flasche Orangenblütenwasser im Regal. Dann schlägt eine Bombe ins Haus ein. Trotz all dieser Gewalt liegt der Duft von Orangenblüten in der Luft“, sagt sie.

Ein Fischer repariert sein Netz im Hafen von Tyros im Südlibanon Foto: Julia Neumann

Abi Azar dachte an die Auberginen, Tomatenpasten und Ziegenkäse in Einmachgläsern in den verlassenen Häusern: „Konservierte Geschichten von Lachen, Verlust, Liebe und Tradition – die letzten Überbleibsel von Khiam.“ Sie kontaktierte Frauen, die aus Khiam geflohen waren und sammelte Mouneh, für eine Kunstinstallation im Juli 2024, vor dem Höhepunkt der israelischen Angriffe. Ein Video davon zeigt sie auf dem Handy: Olivenbaumäste hängen von der Decke, die Besuchenden knien vor den silbernen Schüsseln auf dem Boden, um ein Olivenblatt in die Schalen zu tauchen. Sie schmecken die letzten Aromen von Khiam: Quittenmarmelade, Granatapfelsirup und das Herzstück, das tiefgrüne Olivenöl. Hergestellt aus Oliven, die im jüngsten Krieg im Herbst 2023 unter israelischen Bomben geerntet wurden. Die letzte Ernte für viele Jahre.

Eine Frau, erzählt die Künstlerin, habe sie besonders beeindruckt: Sabah, die einzige, die im jüngsten Krieg geblieben war. „Sie schlief im Nachbardorf und ging früh morgens nach Khiam. Sie hatte gerade einen kleinen Bauernhof gegründet. Sie riskierte ihr Leben, selbst unter Bombenangriffen, um sicherzustellen, dass ihre Pflanzen gedeihen.“ Manche der Mouneh-Gläser erzählten von Widerstandskraft, so Abi Azar. „Es gibt Menschen, die fürchten nicht wirklich, ihr Leben zu verlieren. Oder vielleicht glauben sie, dass das Leben sie retten wird, weil sie sich bewusst dafür entscheiden und sagen: ‚Nein, ich gehe nicht weg, ich gehe meinen Oliven ernten.‘“

Der Libanon grenzt im Süden an Israel Foto: Grafik: Planet Neun

Verstanden habe sie das, als sie selbst anfing, Rosenwasser zu destillieren. „Riech nur die Energie des Dampfes, der aufsteigt, während die Pflanze ihr Wasser abgibt. Es ist magisch.“ Es gehe nicht nur um Nahrung. „Die Rosenblätter senden dir Botschaften vom Land, vom Boden, von der Sonne. Wenn du Lebensmittel anbaust, sind alle Elemente der Natur, quasi des Lebens beteiligt. Ich glaube, diese Verbindung ist es, die Menschen manchmal dazu bringt, ihr Leben dafür zu riskieren.“

Tourismus statt Ernährung

Zurück im Hafen von Tyros. Auf seinem Boot steht Majid Bawab mit roter Kappe hinter dem hölzernen Steuerrad. Mit dem Boot hinauszufahren ist noch immer die große Leidenschaft des 61-Jährigen. Doch das Fischen hat er aufgegeben. Er nimmt seine Kappe ab und zeigt auf eine Narbe, die sich über seinen Hals zieht.

„Ich wurde getroffen. Wir waren mitten auf dem Meer.“ Er erinnert sich an einen Tag im Februar oder März im Jahr 1990. Er sei mit seinem mittlerweile verstorbenen Vater und seinem Bruder in einem Fischerboot zum Fischen unterwegs gewesen, als sie von israelischen Schnellbooten mit „schwerem Feuer“ angegriffen wurden. „Ich sah, wie eine Kugel meinen Hals durchbohrte, wieder raus kam und ins Wasser fiel. Eine zweite traf in der Nähe und blieb stecken“. Er griff mit der Hand an die Wunde und verschloss sie durch Druck mit dem Handrücken. „Wir kappten die Netze, fuhren schnell ans Ufer und weil ich kein Auto hatte, lief ich ins Krankenhaus.“ Dort wurde die Kugel entfernt und die Wunde geschlossen. Er sei nicht alleine, seit den 70er-Jahren gebe es rund 19 verwundete Fischer in den südlichen Häfen Tyros und Naqoura.

Auch sonst seien die Lebensbedingungen schwierig. Seit Jahrzehnten werde ihnen die Sozial- und Krankenversicherung verweigert, obwohl sie den Versicherungsschutz von der Regierung einfordern – bisher vergeblich. Der Fischbestand an dem schmalen Küstenstreifen reiche nicht mehr aus, um die Fischer zu ernähren.

Statt Nahrung zu produzieren, hat Bawab auf Tourismus umgestellt. Er besitzt zwei Boote, im Sommer seien wieder mehr Tou­ris­t*in­nen gekommen. Trotz allem ist Bawab optimistisch: „Wir, die Menschen im Süden, bleiben standhaft und lieben unser Land. Selbst unter Bombardierungen, Belagerungen und Kugeln arbeiten wir weiter.“

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