Essay über digitale Unterwerfung: „Faschist sein, das ist heute Fun“
Das „Cyberpunk“-Manifest von Soziologin Asma Mhalla beklagt wortgewaltig die Allmacht von Tech-Konzernen und Politik. Und ruft am Ende zur Rebellion gegen diese auf.
Aus dem kalten Neonlicht der Straßen dampft der Regen. Jemand projiziert Coca-Cola-Werbung an die hageren Wolkenkratzer von Los Angeles. Als Ridley Scotts „Blade Runner“ 1982 in die Kinos kam, erschien das erste Mal eine Zukunft auf den Leinwänden, die vom Kapitalismus geprägt war. Noch in den Star-Wars-Filmen gab es keine Marken; die Drinks auf Tatooine werden in unterschiedslos weißen Bechern serviert. Erst im LA des Jahres 2019 wird die neue Welt in einer Werbestimme angekündigt. Was hier herrscht, ist kein übermächtiger Staat, sondern die Konzerne.
Es ist diese Welt, die die französische Soziologin Asma Mhalla in ihrem neuen Essay „Cyberpunk“ versucht zu begreifen. Auf 131 Seiten analysiert sie das neue Bündnis aus Staat und Tech-Branche, das die zweite Amtszeit Donald Trumps prägt. „Die Politik verhandelt nicht mehr mit den technologischen und finanziellen Mächten, sondern vereint sich mit ihnen“. Ihre zentrale These: Was uns heute ereilt, ist etwas radikal Neues.
Das Manifest für eine neue Welt
Asma Mhalla: „Cyberpunk – Das neue totalitäre System“, C.H. Beck München 2026, 137 S., 16 Euro
Französische GeisteswissenschaftlerInnen schreiben im Allgemeinen zwei Arten von Büchern: beeindruckend minutiöse Detailstudien und Manifeste. Zu Letzteren gehören zum Beispiel die Texte von André Breton über den Surrealismus, oder der Anti-Ödipus von Guattari und Deleuze. Ihnen geht es darum, einen Zeitgeist einzufangen. Sie sind ein Ringen um die Sprache einer noch anbrechenden Welt.
Auch Asma Mhallas „Cyberpunk“ gehört zu diesem Genre. Wichtig scheint vor allem, dass alles einen neuen Namen kriegt. Auf fünf Seiten Anhang werden alle Neologismen aufgelistet und erklärt. So ist es etwa nicht die „Rückkehr des historischen Faschismus“, die unsere Zeit prägt, sondern die „Geburt einer weitaus schwerer zu fassenden und flexibleren Form“, ein „hypermoderner Faschismus als Simulacrum“.
Wir werden programmiert
Vor allem stünden wir durch die neuen Technologien einer ganz neuen Form von Herrschaft gegenüber. Soziale Medien, Suchmaschinen, KI – all das ist ein so großer Teil unseres Alltags geworden, dass, wer dies kontrolliert, letztlich auch unser intimstes Begehren beherrsche. Wir werden nicht mehr diszipliniert, sondern „programmiert“.
Mhalla ist eine neue Stimme unter den französischen Intellektuellen. Geboren in die tunesische Oberschicht, machte sie in Frankreich zum ersten Mal 2023 mit einer Radioserie über die Tech-Eliten auf sich aufmerksam. 2024 folgte der Essay „Technopolitique“, der bald auf den französischen Bestsellerlisten landete. Und auch „Cyberpunk“ hat diese seit seinem Erscheinen fast nicht mehr verlassen.
Bei all dem Insistieren darauf, dass wir in einer ganz neuen Welt leben, findet sich in dem Text wenig Neues. Zwar erfährt die Leserin interessante Details, etwa dass der Front National in den 1990er Jahren die erste große Partei Frankreichs war, die eine eigene Website unterhielt. Oder dass der argentinische Präsident Milei bereits 2024 eine Spezialeinheit schuf, die mithilfe von KI versucht, Verbrechen vorherzusagen. Aber es findet sich kaum eine Idee, die Mhallas VordenkerInnen Shoshana Zuboff oder Bernard Harcourt nicht längst aufgeschrieben haben.
Andererseits zielt das Buch vielleicht mehr darauf zu bewegen, als zu erklären. Das ist ja gerade die Form des Manifests: eine Suche nach prägnanten Formulierungen. So warnt Mhalla, bald würden von der politischen Macht „nur noch Wände aus Algorithmen“ bleiben, „an denen Tausende Existenzen zerschellen“. Von der „Auslöschung der Seele“ schreibt sie, wo die deutsche Übersetzung nur von „Unterdrückung“ spricht. Und auch den Sog der neuen Rechten bringt sie auf den Punkt: „Faschist sein, das ist heute fun“.
Überraschend ist vielleicht weniger die euphorische Rezeption von Mhallas Buch als das Ausbleiben einer drastischen Reaktion. Die Bedrohung durch die Tech-Konzerne ist bekannt. Sie zeigt sich, wenn Elon Musk die Ukraine im entscheidenden Moment kommunikationsunfähig macht. Aber auch, wenn demokratische Wahlen mithilfe von Nutzerdaten und Algorithmen gezielt manipuliert werden, wie in der Cambridge-Analytica-Affäre. Klar ist auch: Wer sich die Macht so nehmen kann, besitzt sie längst.
Vor diesem Hintergrund klingt Mhallas Bericht vom Ende der Demokratie und der Freiheit fast beiläufig. So gut kennen wir längst den Verfall, den sie beschreibt, dass wir davon lesen, als wäre es nur ein weiterer Sci-Fi-Roman. Eine Geschichte, irgendwo am Ende des Universums, und nicht der Wandel unserer Welt.
Hoffnungsloses Begehren
Die letzten Kapitel sind eine Anleitung zum Widerstand. Der „kognitive Totalitarismus“ könne seine Macht nur ausüben, weil wir die Unterwerfung begehren, schreibt Mhalla mit einem Nicken an La Boétie, dessen „Freiwillige Knechtschaft“ auch in die Tradition der großen französischen Manifeste gehört. Die Lösung sei nun, etwas anderes zu begehren: die Freiheit.
Nachdem Mhalla wortgewaltig dargelegt hat, wie tief die neue Form der Kontrolle reicht, erscheint diese Antwort kraftlos. Angesichts der Unterwerfung unserer intimsten „Begierden und Bedürfnisse“ scheint der Weg in ein neues Begehren nicht die Lösung zu sein, sondern das Problem. Aus diesem Widerspruch klingt eine gewisse Hilflosigkeit heraus. Aber das muss nicht gegen ein Manifest sprechen, dessen erklärte Aufgabe es ist, die Probleme der Zeit zu erfassen, nicht sie zu lösen.
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