Eroberungskrieg der Taliban: Die Schlinge zieht sich zu

Die Taliban erobern unaufhaltsam afghanische Provinzen. Menschen auf der Flucht leben in Zelten aus Stöcken und Stoff – und sind auch in Camps nicht sicher.

Menschenmenge vor einer ESsensausgabe in kabul

Geflüchtete in Kabul am 10. August 2021. Doch auch hier fühlt sich niemand sicher Foto: Paula Bronstein/getty images

KABUL/MEHTERLAM taz | Vom Berg her sind Schüsse zu hören. „Es ist zehn Uhr morgens, das ist ungewöhnlich. Normalerweise wird hier nachts gekämpft. Deshalb haben wir bei Sonnenuntergang immer Angst“, sagt Zabidullah. Die Dorfältesten haben den 30-Jährigen zum Sprecher des provisorischen Flüchtlingscamps in Mehterlam ausgewählt, der Hauptstadt der afghanischen Provinz Laghman, rund acht Kilometer von ihrem Dorf Alinghar entfernt. Kürzlich haben die Taliban vier Distrikte von Laghman eingenommen. Für die Dorfbewohner gab es da nur eine Option: die Flucht.

Das Camp von Mehterlam liegt auf einem Stück staubigem Land neben der Hauptstraße, die von der Stadt in die Berge führt. Es gibt hier nicht einmal Zelte, sondern nur Tücher auf Holzstangen. Frauen und Kinder suchen darunter Schatten: Jetzt, im Sommer, steigen die Temperaturen auf 45 bis 47 Grad. In den vergangenen zwei Monaten sind rund 1.500 Personen hier angekommen.

Reaktion der Regierung

Präsident Aschraf Ghani hat den Generalstabschef des Heeres, Wali Ahmadsai, gefeuert. Er sei durch General Hibatullah Alisai ersetzt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Kabul mit.

Unter Kontrolle der Taliban

Mit zuletzt Faisabad (Provinz Badachschan), Pul-i Chumri (Baghlan) sowie Farah in der gleichnamigen Provinz, haben die Taliban in sechs Tagen neun von 34 Provinzhauptstädten eingenommen. Hunderte Regierungskämpfer ergaben sich auf einem Stützpunkt bei Kundus. Die Taliban kontrollieren jetzt die Straße nach Masar-i-Scharif, der größten Stadt im Norden. (ap)

Zabidullahs Haus in Alinghar lag an der Frontlinie und wurde durch Beschuss mit schwerer Artillerie zerstört. Auch das Haus des 60-jährigen Berhem wurde so zerstört. Er zeigt Fotos von seinem Haus und Vieh. Sein Leben als Hirte ist zerstört. „Es ist ein schmutziger Krieg, schmutziger als früher,“ sagt Berhem. Niemand kämpfe im Namen des Islam, denn der sei eine Religion des Friedens.

Männer, Frauen und Kinder aus dem Dorf von Berhem und Zabidullah sind gestorben. Jedes provisorische Zelt hier beherbergt Überlebende und ihre Geschichten von Tod und Verlust. Jetzt kämpfen sie hier täglich ums Überleben. „Niemand hilft uns,“ klagt Zabidullah. Nur Nachbarn gäben den Kindern manchmal etwas zu essen oder trinken. Doch von Hilfsorganisationen, den Vereinten Nationen oder der Regierung käme nichts. Den Kindern, von denen viele krank sind, ist das anzusehen. Sie können nur ganz selten gewaschen werden.

Das Vorrücken scheint unaufhaltsam

Unter einem Tuchverschlag sitzt eine Frau mit zwei kleinen Töchtern. Ihr Mann wurde getötet. „Was soll ich jetzt alleine machen?“, fragt sie. Diese Frage ist aus fast jedem der gebastelten Zelte zu hören, in dem Frauen und Kinder sitzen. Habiba, 45, pflegt ihren schwer kranken Mann Chenargul. Der ist 50, sieht aber aus wie 80 und atmet kaum. Er sagt kein Wort, manchmal weint er nur. Im Camp gibt es keinen Arzt und keine Medizin.

Karte zeigt, in welchen Regionen Afghanistan von den Taliban kontrolliert oder bekämpft wird. Es bleiben nur noch ein paar Regionen in der Mitte des Landes, die unter Kontrolle der Regierung sind

„Wir fühlen uns hier nicht sicher,“ sagt Zabidullah. Letzte Nacht hätten die Taliban hier an der Straße Militärfahrzeuge angegriffen. „Wir sind doch hierher geflohen, um zu überleben. Aber wenn sie uns jetzt hier angreifen und unsere Frauen nehmen, wie sollen wir uns dann verteidigen? Wir können nirgends mehr hin, es gibt keinen Ausweg.“

Das Vorrücken der Taliban scheint unaufhaltsam. Die Taliban kontrollieren inzwischen mehr als die Hälfte der rund 400 Distrikte. Allein in der vergangenen Woche nahmen sie neun von 34 Provinzhauptstädten ein: Nimroz, Jowzjan, Sar-i-Pul, Takhar, Kunduz and Samangan. Um die Großstädte Laschkar Gah, Kandahar und Herat wird gekämpft. Mit Luftangriffen unterstützen die USA die afghanischen Regierungstruppen. Aber das Problem liegt bei den Bodentruppen. Armee und Polizei sind korrupt und haben trotz des Trainings keine geeinte Strategie. Sie sind demoralisiert und anfällig für die Propaganda der Taliban.

Den höchsten Preis jedoch zahlt die Zivilgesellschaft. Das UN-Flüchtlingshilfswerk ­UNHCR hat seit Jahresbeginn 300.000 interne Kriegsflüchtlinge gezählt. Die Afghanische Unabhängige Menschenrechtskommission (AIHRC) geht sogar von 900.000 Flüchtlingen von April bis Juni aus. Die Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban in Doha sind festgefahren.

Tausende Menschen hoffen auf einen Pass

Deborah Lyons, Chefin der UN-Mission für Afghanistan, warnte im UN-Sicherheitsrat davor, dass der Konflikt sich auch auf andere Länder auswirken könnte. Man befinde sich an einem Scheideweg. „Vor uns liegen entweder echte Friedensgespräche oder eine Reihe von ineinander verflochtenen Krisen: ein immer brutalerer Konflikt mit eskalierender humanitärer Krise und vielfachen Menschenrechtsverletzungen.“

Viele Af­gha­n:in­nen fliehen in die Hauptstadt Kabul. Jeden Tag warten 2.000 Menschen vor dem Passamt, um dann ins Ausland zu kommen. Viele fliehen auch ohne Papiere mit Hilfe von Schleppern. Laut Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verlassen aktuell mindestens 30.000 Menschen jede Woche das Land. Auch der 35-jährige Ghulam wartet in der Schlange. Er ist aus der Provinz Helmand geflohen. „Die Taliban haben unsere Häuser besetzt und zu ihren Basen gemacht. Wir hatten keine andere Wahl als zu fliehen. Aber unser Leben in Kabul ist elend. Wir können doch nicht anderen zur Last fallen. Das Leben hier ist zu teuer und auch gefährlich. Es gibt in Afghanistan keinen sicheren Ort mehr.“ Ghulem versucht ein Visum für die Türkei zu bekommen.

In normalen Zeiten würde ihn das 140 US-Dollar kosten, aber jetzt „bekommst Du kein Visum mehr, sofern Du keine Beziehungen oder nicht genug Bestechungsgeld hast“, sagt er. Auf dem Schwarzmarkt werden für ein Türkeivisum inzwischen 6.000 Dollar verlangt. „Das kann doch kaum einer bezahlen.“

Weil die Mieten in Kabul so hoch sind, ziehen viele Menschen in selbstgezimmerte Unterkünfte aus Lehm, in PD5, einer Gegend am Stadtrand. Dort fließen die Abwässer die Wege lang, auf denen barfüßige Kinder laufen.

Kharam Khans verlor in den 90er Jahren ein Bein, als die Warlords Machtkämpfe austrugen. Er stammt aus Laschkar Gah und lebt jetzt in PD5 mit seinen zwei Kindern und acht Enkeln.

„Ich bin zu alt zur Flucht und zu müde für noch einen Krieg. Aber was soll aus den Kindern werden?“

Übersetzung aus dem Englischen: Sven Hansen

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