Erinnerung an Intendant Ulrich Eckhardt: Furor und Empathie
Als langjähriger Intendant der Berliner Festspiele prägte Ulrich Eckhardt die kulturelle Landschaft Berlins. Nun findet eine Trauerfeier für ihn statt.
Unter der Rubrik „Kollegen, Freunde, Wegbegleiter“ findet sich auf der Website von Ulrich Eckhardt ein langer Text über einen Besuch bei dem Maler Harald Metzkes 1988, in seinem Atelier Nähe Kollwitzplatz. Es ist ein liebevolles und emphatisches Porträt des Malers, seines Humors, seiner Bescheidenheit, seiner Zugewandtheit. Und es ist ein Zeugnis dafür, wie gern sich Ulrich Eckhardt auf Künstler einließ, wie interessiert er an der DDR war und wie gern er schrieb. Als ob er nicht als Intendant der Berliner Festspiele alle Hände voll zu tun gehabt hätte.
Bei der Vorstellung des Programms zum Theatertreffen 2026 nutzte Matthias Pees, heute Intendant der Berliner Festspiele, die Gelegenheit an Ulrich Eckhardt zu erinnern, der am 30. Dezember 2025 mit 91 Jahren gestorben ist. Pees erzählte, wie Eckhardt erreichen wollte, dass auch Produktionen aus der DDR zum Theatertreffen kommen können. Er schaffte es schließlich mit einem Überredungstrick: Das Festival des deutschsprachigen Theaters sei ja international, schließlich werden auch Produktionen aus der Schweiz und Österreich eingeladen. Das funktionierte.
Ulrich Eckhardt habe ich um 1990 kennengelernt, damals nahm ich als Kunstjournalistin an „Konvergenzen“, einer zehnteiligen Ausstellungsserie teil, für die jeweils eine Künstlerin aus der DDR mit einer Künstlerin aus Westberlin zusammenarbeitete. Der Austausch in der Umbruchszeit nach der Wende war ein Selbsthilfeprojekt der Künstlerinnen, intensiv und nicht konfliktfrei in der Auseinandersetzung, aber mit vielen Annäherungen an den Alltag und die Produktionsbedingungen der Kunst auf der jeweils anderen Seite.
Die Berliner Festspiele unterstützten den Ausstellungszyklus, der in ihren Galerieräumen im Bikinihaus stattfinden konnte. Vermittelt hatte das die Fotografin Elke Nord, Nachbarin von Ulrich Eckhardt in Dahlem, die mit ihm schon an der Publikation „Der Moses Mendelssohn Pfad. Berliner Zeitreise oder Wanderwege in eine versunkene Stadt“ zusammengearbeitet hatte.
Die erst verdrängte und oft vergessene jüdische Geschichte in Berlin war eines der Themen, denen Ulrich Eckhardt als Autor, Herausgeber und Intendant immer wieder nachging. „In den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 wurde das über Jahrhunderte gewachsene, auf Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Assimilation fremder Einflüsse gegründete Lebensgesetz Berlins ausgelöscht. Die Stadt der Aufklärung verlor ihre Seele, ihre Identität – nicht durch Naturereignisse oder Fremdherrschaft, sondern durch eine selbstverschuldete Katastrophe, den tiefsten Fall in ihrer 750-jährigen Geschichte“, schrieb er zum Programm „Musik aus dem Exil“ 1987. Dass heute die Topographie des Terrors die Verbrechen der Nationalsozialisten an einem ihrer Tatorte dokumentieren kann, auch dafür hat er sich eingesetzt.
Internationale Kunst für Berlin
In der Mauerstadt Westberlin waren die Berliner Festspiele, die Eckhardt seit 1973 leitete, zuständig dafür, internationale Kunst in den Westteil zu holen, Verbindungen zu knüpfen, durch die Insellage entstandene Grenzen kulturell zu überwinden, welthaltigen Glamour zu produzieren. Im Juni 1979 fand das erste „Horizonte – Festival der Weltkulturen“ statt. Es brachte Kunst, Theater, Tanz, Musik und Film aus afrikanischen Ländern in die Kongresshalle und legte damit den Grundstein für die Arbeit im heutigen Haus der Kulturen der Welt. Große kulturhistorische Ausstellungen richteten den Blick nach Lateinamerika, in den Orient oder nach Peking.
Getragen hat den Intendanten dabei ein bildungspolitischer Furor und das Vertrauen, dass Kultur eine Aufgabe hat „in Zeiten von Regression, Atavismus, Gewaltzunahme“. Wenn „Liberalität, Religionsfreiheit, Aufklärung, Humanismus, Emanzipation, Toleranz, demokratische Partizipation“ zu scheitern drohen“, schrieb er 2018 für das Buch „Über Mauern schauen“, so lasse sich von den Künsten lernen, „Höflichkeit, Empathie, die Fähigkeit zu differenzieren, zu schattieren, zu relativieren, Distanz zu sich selbst zu gewinnen, Reflexion über Ich, Selbst und Welt, sich nicht allein zum Maß zu nehmen, Werte anzuerkennen und daraus eine Haltung zu gewinnen (…)“.
Am 30. Januar 2026 wird für Ulrich Eckhardt eine Trauerfeier in der St. Annen-Kirche in Berlin-Dahlem stattfinden.
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