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Entscheidung über Gas-TerminalEnergiewende walzt Naturschutzgebiet platt

Nächste Woche könnte der Wilhelmshavener Rat einem Hafen für grüne Energie im Schutzgebiet Voslapper Groden zustimmen. Umweltschützer wollen klagen.

Bisher noch etwas am Rand: Voslapper Groden Nord zwischen den beiden Seebrücken Foto: Stefan Rampfel/dpa

Drei Umweltverbände wollen verhindern, dass in Wilhelmshaven in einem EU-Naturschutzgebiet eine Drehscheibe für grüne Energie entsteht. Der niedersächsische BUND und der Nabu haben zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ein Schutzbündnis für das betreffende Gebiet, den Voslapper Groden Nord, geschlossen. Sollte der Stadtrat am Donnerstag kommender Woche das Gebiet entwidmen, wollen die Verbände rechtlich dagegen vorgehen.

Der Voslapper Groden ist nach EU-Vogelschutzrichtlinie geschützt und Teil des Schutzgebietsnetzes Natura 2000 der EU – dem Premium-Standard des Naturschutzes. Das Gebiet ist mit 267 Hektar gut anderthalbmal so groß wie die Hamburger Außenalster und liegt zwischen einer Raffinierie und einer Chemiefabrik unweit des Jade-Weser-Ports.

Es wurde unter Schutz gestellt, weil sich hier „ein Mosaik verschiedener Biotoptypen entwickelt“ hat, wie es im Verordnungstext heißt. Hier gibt es nasse Dünentäler, Schilfröhrichte und kleine Gewässer, aber auch Trockenrasen und Grünland. Entsprechend groß ist die Zahl der Tierarten, die hier zu finden sind: Laufkäfer, Wildbienen, Fledermäuse. Bei den Vögeln sind es allein schon 128 Arten, die hier brüten und rasten.

Der Stadtrat soll mit einer Änderung des Flächennutzungsplanes die Voraussetzung dafür schaffen, dass vor der Küste ein Anleger für sechs Gastanker gebaut werden kann und an Land ein „hafenorientierter Energiepark“. Der sei wichtig für die Transformation der Energiewirtschaft in Deutschland, argumentiert die Stadtverwaltung.

Stadt hofft auf bessere Lebensbedingungen

Mit neuen Arbeitsplätzen und Gewerbesteuereinnahmen werde auch die Stadt selbst von der Entwicklung profitieren, heißt es auf ihrer Website, „damit die Wohn- und Lebensbedingungen nachhaltig verbessert werden können“.

Hoffnungsträger ist die belgische Firma Tree Energy Solutions (TES), die hier Energieträger wie Methan, Flüssiggas (LNG), Electric Natural Gas (ENG) und Wasserstoff umschlagen, lagern, regasifizieren und verflüssigen will. Es soll Wasserstoff erzeugt werden, aber auch Strom aus Methan oder LNG, wobei das dabei entstehende CO2 aufgefangen werden soll.

Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH, hält es nicht für ausgemacht, dass hier am Ende ein Umschlagplatz für im Wesentlichen grüne Energie entsteht. „Kurzfristig geht es darum, die LNG-Infrastruktur zu erweitern“, sagt Müller-Kraenner. Bisher gibt es in Wilhelmshaven zwei schwimmende LNG-Terminals. Jetzt soll eine Regasifizierungsanlage an Land hinzukommen.

Ein Geschäft sei derzeit nur mit dem überwiegend aus den USA importierten und klimaschädlichen LNG zu machen, sagt Müller-Kraenner. Trotz aller Beteuerungen, dass die Anlagen einmal auf grüne Energie umgerüstet werden sollen, sorgt sich der DUH-Geschäftsführer, dass hier de facto eine Infrastruktur für fossilen Brennstoff aufgebaut werden könnte, die einer Energiewende entgegenstünde.

Und dabei, sagt Müller-Kraenner, gingen diese Pläne auch noch „vollständig auf Kosten der Biodiversität“. Alternative Umsetzungsmöglichkeiten seien nicht geprüft worden, kritisiert Müller-Kraenner. Er findet, die Planer hätten sich auf tatsächlich grüne Produkte beschränken, Synergien mit bestehender Industrie suchen und somit bereits ausgewiesene Industrieareale nutzen können.

Für dieses einmalige Brut- und Rastgebiet gibt es weder in Wilhelmshaven noch in der Region geeignete Ausgleichs- oder Ersatzflächen.

Susanne Gerstner, BUND

Letztlich sei das Projekt zu groß geplant, sodass eben nur eine derart weiträumige Fläche wie der Voslapper Groden infrage komme. Wenn die Stadt ein EU-Vogelschutzgebiet zerstören wolle und damit einen Präzedenzfall schaffe, „sollte sie über die Dimensionierung des Vorhabens ins Gespräch treten“, sagt Müller-Kraenner.

Markus Bulla, Fraktionschef der Wählervereinigung Win@WBV, verweist am Montag darauf, dass sich vor der Ratsentscheidung noch diverse Fachausschüsse mit dem Thema beschäftigten. Im Moment versicherten die Fachleute, „dass Kohärenzflächen ausreichend vorhanden sind“ – also Ersatzflächen, die sicherstellen sollen, dass das Schutzgebietsnetz Natura 2000 nicht zerreißt. Die 267 Hektar Voslapper Groden sollen auf fünf anderen Flächen mit insgesamt 400 Hektar ausgeglichen werden.

Aber eine große zusammenhängende Fläche ist auch aus Sicht der Naturschützer entscheidend. Die vorgeschlagenen Ersatzflächen seien vorbelastet und wiesen „keine ausreichende funktionale Geschlossenheit oder Störungsarmut auf“, kritisiert die niedersächsische BUND-Landesvorsitzende Susanne Gerstner. Studien zeigten, dass die Fragmentierung von Schutzgebieten zum Verlust von Artenvielfalt führe, heißt es in einer Stellungnahme der Naturschutzverbände.

„Für dieses einmalige Brut- und Rastgebiet mit seinen bedrohten Vogelarten wie Rohrdommel und Blaukehlchen gibt es weder in Wilhelmshaven noch in der Region geeignete Ausgleichs- oder Ersatzflächen“, sagt Gerstner. Ein solches Gebiet könne nicht einfach verlegt werden.

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