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Emotionale Dysregulation bei ADHSDie urgewaltige Wut, in der ich alles niederbrennen kann

Das Schlimmste an ADHS sind nicht Unkonzentriertheit oder Vergesslichkeit, sondern die heftigen Gefühlsausbrüche. Doch das Drama gehört zu mir.

S eit Teenagerzeiten habe ich einen wiederkehrenden Albtraum: Ich wasche mir die Hände auf der Toilette eines Einkaufszentrums. Als ich rauskomme, steht die Polizei da, um mich wegen dringenden Mordverdachts festzunehmen. Im Hintergrund machen meine Eltern betroffene Gesichter, sie können jetzt auch nichts mehr tun. „Oh nein“, denke ich voller Reue, „ich muss ins Gefängnis, mein Leben ist ruiniert! Warum nur habe ich jemanden umgebracht?“

Träume sollte man nicht überbewerten, aber das Gefühl, mich selbst nicht zuverlässig steuern zu können, verfolgt mich nicht nur nachts. Als Kind fuhr ich mal in einer offenen Seilbahn rund 70 Meter über einen Wasserstrudel bei den Niagarafällen, und meine größte Angst war, dass ich über die Brüstung springe. Gesagt habe ich das niemandem, es kam mir schon mit fünf Jahren verrückt vor, so zu denken.

Die Angst ist mit der Zeit kleiner geworden – aber nur, weil ich als Erwachsene selbst entscheiden kann, wann und wohin ich gehe. Was aber bleibt, ist das Gefühl, meinen Affekten ausgeliefert zu sein wie ein kleines Treibholz dem Ozean: Mal wird es von einem wilden Tropensturm durch die Luft gepeitscht oder in einen alles verschlingenden Strudel gerissen; dann wieder dümpelt es tagelang in einer Bucht unter der sengenden Sonne vor sich hin. Eine Zeit lang liegt das Hölzchen am Strand herum, doch dann kommt einer und schmeißt es zurück ins Wasser.

Einen Termin vergessen, dreimal durch die Fahrprüfung fallen, nächtliche Anrufe beim Ex-Freund, Oversharing mit Kollegen – all dies sind peinliche Resultate meiner schlechten Impulskontrolle. Aber mit zeitlichem Abstand und den richtigen Leuten lässt sich darüber lachen. Wirklich zerstörerisch sind die Emotionen.

Hilfe, ein Gefühlsausbruch!

Die urgewaltige Wut, in der ich für den Bruchteil einer Sekunde imstande bin, alles um mich herum niederzubrennen. Und die sich nur zwei Minuten später in helle Begeisterung verwandeln kann, für eine Person, einen Song, einen Thunfisch Nigiri; beglückend, wie die krampfhaften Lach-Flashs, die andere Erwachsene nur noch unter Zuhilfenahme bestimmter Substanzen bekommen; und dann diese Trostlosigkeit, das einzige Gefühl, das ich schon von Weitem kommen sehe und das in seiner niederdrückenden Langsamkeit besonders schlimm ist.

Die urgewaltige Wut, in der ich für den Bruchteil einer Sekunde imstande bin, alles um mich herum niederzubrennen. Und die sich nur zwei Minuten später in helle Begeisterung verwandeln kann für eine Person, einen Song, einen Thunfisch Nigiri

Die erderschütternde Intensität dieser ständig wechselnden Gefühle, ausgelöst durch ein einzelnes Wort, einen Blick, einen Lufthauch, ohne dass ich das auch nur ansatzweise regulieren könnte – das ist vielleicht die größte Belastung in meinem Leben mit ADHS. Weil es unsagbar anstrengend ist, so fremdgesteuert herumgewirbelt zu werden; weil die Heftigkeit der Zustände mich selbst erschreckt; weil die eigene Unberechenbarkeit das Leben komplett unplanbar macht. Und vor allem, weil es die Beziehungen zu anderen beschädigt.

Und sosehr ich auch denke: „Liebe Gefühle, könntet ihr euch nicht mal etwas mäßigen? Ich dreh durch mit Euch. Ständig hinterlasst Ihr Scherbenhaufen, die ich wieder zusammenkehren muss!“ – so sehr muss ich auch anerkennen, dass dieses Drama zu mir gehört wie Neurodermitis oder lange Wimpern zu anderen.

Liebe Gefühle, könntet ihr euch nicht mal etwas mäßigen? Ich dreh durch mit Euch. Ständig hinterlasst Ihr Scherbenhaufen, die ich wieder zusammenkehren muss!

Und tatsächlich haben mich meine Gefühle und ihre Ausbrüche auch vor vielem bewahrt. Sie haben allzu fordernde Leute verjagt, genervte Mitmenschen wieder versöhnt, mir bescheuerte Jobs vermasselt, langweilige Partys aufgelöst und andere Katastrophen verhindert.

Sie haben mich im vergangenen Jahr jedes Mal wahnsinnig gemacht, wenn ich in nur wenigen Stunden einen Dopaminimum-Text schreiben sollte – weil ich natürlich nie rechtzeitig angefangen habe –, und mit mir gefeiert, wenn ich ihn am Ende doch abgeliefert habe. Und jetzt, wo diese Kolumne zu Ende geht, lasse ich sie einfach mal sein, wie sie sind: traurig, erleichtert und dankbar.

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Sunny Riedel

Sunny Riedel Redakteurin taz1

Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Anna Klöpper das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung. Themen: Latein, Amerika und Lateinamerika. An der DJS gelernt.
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