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Eine Kampagne gegen die Freude

Drei Tage war Arezou in Haft. Zurück zu Hause nahm sie sich das Leben. Suizide nach der Entlassung aus dem Gefängnis gehören in Iran heute zur Lebensrealität. Was nur dem Vergnügen dient, ist weitestgehend verboten

Leben und leiden im Schatten einer Regierung, die sich als Vertreterin göttlichen Willens ausgibt. Ein Musiker in einem Park in Teheran im Februar 2026 Foto: Vahid Salemi/ap

Von Mahtab Qolizadeh

Als sie die Tür aufbrechen, liegt ihr Körper erstarrt auf dem Bett. Nur drei Tage im Gefängnis hatten ausgereicht, um Arezou von einer Universitätsstudentin in einen Schatten ihrer selbst zu verwandeln. Seit ihrer Rückkehr aus dem Gefängnis hatte sie mit niemandem mehr gesprochen, so erzählt es ihr Bruder. Ihr Körper war voller Blutergüsse, der Blick leer. Wenige Tage nach ihrer Entlassung nimmt sie sich das Leben. Ihre Familie sagt: „Die Autopsieergebnisse zeigten, dass sie in Haft vergewaltigt worden war.“

Geschichten wie Arezous landen nur selten in den Medien. Sie werden oft mündlich weitergegeben, hinter vorgehaltener Hand. Viele betroffene Familien sind nicht bereit, darüber öffentlich zu sprechen. Andere werden durch Drohungen der Sicherheitskräfte zum Schweigen gebracht.

Und doch gibt es sie, die dokumentierten Berichte über Sui­zide in der Islamischen Republik Iran. Mehdi Khobat, der Ehemann von Shahla Kakayi, ist ein solcher Fall Das Ehepaar wurde von Staatsdienern mit Schusswaffen angegriffen, Kakayi starb auf der Stelle, Khobat kam ins Krankenhaus. Nach seiner Entlassung nahm er sich das Leben. Ein anderes Beispiel: Farhad Salari und Erfan Taherkhani, zwei Medizinstudenten der Universität Teheran, starben ebenfalls, wohl durch einen gemeinsamen Selbstmord. Ihre leblosen Körper wurden in ihrem Wohnheim gefunden.

Das sind nur zwei von vielen Fällen, die jüngst öffentlich bekannt wurden. Das Ausmaß des Problems ist so groß, dass sogar der Leiter der iranischen staatlichen Wohlfahrtsorganisation einen Anstieg der Selbstmorde unter jungen Menschen, Jugendlichen und Frauen meldete. Genaue Zahlen sind jedoch schwer zu finden. In einem Bericht der Organisation Iran Human Rights Monitor aus dem Jahr 2025 steht: Von 2016 bis 2022 habe die Zahl der Suizide um über 50 Prozent zugenommen. Von 100.000 Menschen in Iran hätten sich im Jahr 2023 im Schnitt fast 9 das Leben genommen, Prognose steigend.

Iran ist geprägt von einem tiefgreifenden Widerspruch: Straßen voller junger Menschen, die mit der Welt verbunden sind – im Schatten einer Regierung, die sich als Vertreterin göttlichen Willens ausgibt. Moderne Gesellschaft versus prämoderne Machtstruktur. Eine Kluft, die immer breiter wird. Und dazwischen leben und leiden die Menschen.

Immer wieder führt das zu Konflikten: wie etwa im Januar 2026. Die Demonstrationen gegen die Wirtschafts- und Währungskrise mündeten schnell im Protest gegen den Klerikalstaat. Über 36.500 Menschen wurden dabei getötet, so berichtet es etwa „Iran International und beruft sich auf Dokumente, die dem Medium vorliegen. US-Präsident Donald Trump spricht von 32.000 Toten, die Zivilorganisation HRANA von über 7.000 Toten und fast 12.000 Fällen, in denen eine Bestätigung noch aussteht.

Trotz der staatlichen Gewalt gibt es schon wieder Proteste, bislang konzentriert an den Universitäten: Eine Generation, die in einer digitalen Welt aufgewachsen ist, sieht sich mit einer Struktur konfrontiert, die weder wirtschaftliche Zukunft noch Freiheit bietet. An der Spitze dieser Struktur steht Ali Chamenei – ein Geistlicher, dessen offizieller Titel „Oberster Führer der Islamischen Republik“ lautet, dessen Rolle nach dem Duktus des Regimes aber weit über die des Staatsoberhauptes hinausgeht. Er positioniert sich innerhalb einer von seinem Vorgänger Ruhollah Chomeini begründeten Doktrin: Velayat-e Faqih, die Statthalterschaft des Rechtsgelehrten. Gemäß dieser Theorie betrachtet er sich als Führer der Schiiten weltweit, dem nicht nur politische Autorität übertragen wurde, sondern auch die Aufsicht und Kontrolle über alle Lebensbereiche.

Innerhalb eines solchen Systems kann politische Dissidenz leicht als „ideologische Abweichung“ oder „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ umgedeutet werden. In Iran fungiert auch der Hidschab als Mittel zur Durchsetzung dieser Ideologie. Er ist nicht nur eine Kleiderordnung, sondern symbolisiert die staatliche Dominanz über das Private.

Die Islamische Republik führt in diesem Sinn auch eine stille, anhaltende Kampagne gegen die Freude an sich. Nationale Feste wie Nowruz und Chaharshanbe Suri wurden zeitweise gänzlich verboten oder stark eingeschränkt. Der Konsum von Alkohol wurde verboten. Für Unterhaltungsformen, die ausschließlich dem Vergnügen dienen, gibt es in Iran einen speziellen Begriff: „lahw o la’ab“ – frivole Unterhaltung. Ein solches Verhalten ist verboten. Wer sich doch in dieser frivolen Freude übt, muss mit einer Strafe rechnen. Bestimmte Formen der Unterhaltung werden aufgrund ihres Propagandawertes beibehalten, Fußball oder das Kino etwa. Doch das Fußballmanagement versinkt in Korruption, und die Filme sind der Zensur unterworfen.

Frauen sind die Hauptzielgruppe staatlicher Verbote. Dabei entwickelt sich in Iran – wie überall auf der Welt – stetig weiter, wie sie gerne leben wollen. Die Islamische Republik geht dagegen brutal vor. Das zeigt nicht zuletzt der Fall Arezou, die im Zuge der letzten Proteste verhaftet wurde. Ihr Bruder erzählt der taz: „Meine Schwester war erst 23 Jahre alt. Sie war nur drei Tage inhaftiert. Als sie nach Hause kam, sprach sie nicht mehr mit uns. Sie starrte nur.“ Die Stimme des jungen Mannes zittert. „Als sie stundenlang ihr Zimmer nicht mehr verließ, gingen wir hinein und fanden sie tot. Kein Brief, keine Nachricht, kein Abschied. Nichts.“ Er weint. „Ihr zerbrechlicher Körper und ihr unschuldiges Herz konnten so viel Schmerz nicht ertragen.“ Arezou hieß eigentlich anders. Zum Schutz ihrer Familie ist der Name verändert.

Verhaftungen, harte Gerichtsurteile und Selbstmorde nach der Entlassung aus dem Gefängnis sind Teil der Lebensrealität in Iran geworden. Doch die Hoffnung auf einen tiefgreifenden politischen Wandel lebt weiter.

Die Autorin war im Jahr 2024 Stipendiatin des Refugium-Projekts der taz Panter Stiftung und Reporter ohne Grenzen. Übersetzung: Lisa Schneider

Haben Sie suizidale Gedanken? Dann sollten Sie sich unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufen Sie den Notruf 112. Eine Liste mit weiteren Angeboten finden Sie unter taz.de/suizidgedanken im Internet.

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