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TheatertreffenEin letzter Rest Glamour

Das Theatertreffen der Berliner Festspiele bringt schillernde Figuren und wuselnde Theaterfans zusammen. Eine Frau sticht dabei hervor.

Am Ende ist alles nur Theater Foto: Julia Kilian/dpa

J ede Berufsgruppe hat ihr Branchenevent. Für ein Goldfischli ist es die Snackmesse, für mich das Theatertreffen. Und wie es sich für eine seriöse Kritikerin mit einer Spur von Fangirl gehört, habe ich schon Fomo, bevor die Stückauswahl überhaupt bekanntgegeben worden ist. Dabei ist es für mein nervöses Fischli-Gehirn längst Folter, sich über mehrere Stunden hinweg zu konzentrieren, ohne dass zwischendurch irgendetwas weggewischt werden kann.

„Du wirst sehen, in ein paar Tagen wird es dich furchtbar nerven“, prophezeit mir deshalb auch ein Kollege. „Kommst du etwa nicht zur Eröffnung?“, frage ich. „Nein, da bin ich bei Rosalía“, sagt er. Dieser Distinktionspunkt geht an ihn.

Drei Tage später sitze ich ultralässig mit dem Roman einer gehypten japanischen Autorin im Festspiel-Garten und tue so, als ob ich lesen würde. Das Buch ist mein Zigarettenersatz, aber eigentlich höre ich viel lieber den beiden Theaterleuten neben mir zu. Der gebräunte Mittfünfziger, dem ich zwischen Intendanz und Geschäftsführung alles zutraue, trägt eine geschmackvolle Hornbrille, neben seiner Gesprächspartnerin steht, wenn mich nicht alles täuscht, eine Hermès-Tasche.

„Willst du nicht zu uns ans Haus kommen?“, flötet er. „Nein danke“, flötet sie zurück: „Das ist mir zu viel Verantwortung.“ Ich tippe auf international erfolgreiche Künstlerin und könnte mir so ein Jetset-Leben auch sehr gut für mich vorstellen, aber mich entdeckt ja keiner.

Roth im Rock

Dafür entdecke ich mein persönliches Rolemodel in Sachen Outfits: unsere ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Sie trägt einen hinreißenden Rock samt bunter Figürchen. Allerdings nicht auf dem Red Carpet, sondern im grauen Foyer.

Im Gegensatz zu Herrn Weimer ist sie nämlich anwesend und würdigt damit eine Veranstaltung, die zwar bisweilen so „bubble„ig-bürgerlich rüberkommt wie ein güldenes Fischli auf dem vererbten Silbertablett, aber gleichzeitig einen letzten Rest Glamour in die ansonsten vorherrschende Gewitterstimmung bringt. Rechte Angriffe auf die Kunstfreiheit, dramatische Kürzungen beim Theater-Etat, nun ist dieses Jahr auch noch das europäische Festival für junge Regie „Fast Forward“ abgesagt worden.

Aber ohne dieses Festival wären sie nie auf die britische Nachwuchs-Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart gekommen, erzählt die Co-Direktorin der Produktionsstätte bei der Würdigung. Und ich nicht zu meiner Panikattacke, die ausnahmsweise mal nicht vom Anblick eines verrissenen Theatermachers ausgelöst wurde – ich sag nur: „Hundekot-Attacke“ –, sondern vom ununterbrochenen Zittern der Vibrationsplatten in der „Glasmenagerie“.

Doch gerade wegen dieser Intensität liebe ich das Stück über eine dysfunktionale Familie fast so sehr, wie ich die opulente sizilianische Snack-Party von Pınar Karabulut blöd finde. Hat Zürich ihr den feministischen Zahn gezogen?

Wo bin ich hier?

Neuer Tag, neues Glück. Wobei ich in Sachen „Dresscode“ einen Totalausfall hatte. Nicht, dass sich hier irgendjemand für mich interessieren würde, aber trotzdem muss man nicht in einem T-Shirt rumlaufen, auf dem „Bussi Baba“ steht, finde ich. Auch sonst fühle ich mich irgendwie lost.

Wobei: Die da, die kenne ich doch, also nichts wie hin. „Mensch, du auch hier?“, frage ich. „Lange nicht gesehen“, gibt sie höflich zurück, während ihre Augen den Raum nach wichtigen Leuten abscannen. „Wie geht’s?“ Jetzt bloß nicht rumjammern, schießt es mir durch den Kopf. „Mir geht’s – fantastisch …“ Und weg ist sie. Auch gut, dann löte ich mir jetzt richtig einen rein.

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Anna Fastabend
Redakteurin wochentaz
Hat mal Jura studiert und danach Kreatives Schreiben am Literaturinstitut in Hildesheim. Hat ein Volontariat bei der Märkischen Oderzeitung gemacht und Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. Schreibt über feministische Themen, Alltagsphänomene, Theater und Popkultur.
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