Ein Theater der Revolution: Die Sehnsucht nach Freiheit
Theater mit Straßenkindern: Dafür schätzten Brecht und Benjamin die lettische Künstlerin Asja Lãcis. Ihr gilt eine Ausstellung in Berlin.
Sie war begeistert von der Revolution. „Als ich die ersten Aufrufe „An alle, an alle“, unterzeichnet von Lenin, an den Mauern der Häuser las, war ich ganz für die Sowjetmacht. Ich wollte ein guter Soldat der Revolution sein und unter ihrer Führung das Leben verändern“, erinnerte sich Asja Lãcis später an die Jahre 1918/19, als sie in der russischen Stadt Orel ein proletarisches Kindertheater gründete. Sie beschreibt die Begegnung mit obdachlosen Straßenkindern, verwahrlost, arm, hungrig, „Opfer des Weltkriegs und des Bürgerkriegs“, die sich mit Stöcken bewaffnet zu Banden zusammenschlossen. Sie stahlen, um zu überleben.
Sie erzählt, wie sie mit den Kindern improvisiert: Denkt euch, ihr seid eine Räuberbande im Wald und plant eure Taten. Schnell beginnen die Kinderbanden zu renommieren und sich mit Grausamkeiten zu übertreffen. Doch mit diesen Improvisationen hatte Lãcis auch einen Zugang zu ihnen gefunden. Mit diesem Ansatz begeisterte sie wenig später in den 1920er Jahren auch Bertolt Brecht und Walter Benjamin in Berlin. Mit beiden arbeitete sie zusammen.
Theatermacherin, Revolutionärin, Liebhaberin, Mitarbeiterin, Feministin, Aktivistin: Es gibt viele Labels, unter die man Asja Lãcis heute packen kann. Doch es ist weniger ihre aufregende Biografie als vielmehr ihre künstlerische Praxis, die Konstanze Schmitt und Mimmi Woisnitza bewogen haben, ihr eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg zu widmen. Konstanze Schmitt ist selbst Theatermacherin, Mimmi Woisnitza Theaterwissenschaftlerin. In den kleinen Kabinetten am Rande des Kunstraums Kreuzpark breiten sie aus, was sie über Lãcis Leben gefunden haben: in Archiven in Riga, in der Akademie der Künste in Berlin, in Filmen aus der DDR. Dort kann man lesen, Interviews hören, Dias betrachten.
Im Kunstraum Kreuzberg, Berlin, tägl. 10 – 20 Uhr, bis 28. Juni.
In den größeren Räumen dazwischen aber ist die Bühne frei für künstlerische Akteure, die heute den Zielen nachstreben, die Lãcis bewegten: die Kunst gegen die Erstarrung von Institutionen einsetzen. Menschenmassen bewegen. Kollektive bilden. Den Zusammenfluss von Kunst und Leben suchen. In jedem schöpferische Instinkte wecken. So kann man es in Lãcis' Manifest für eine neue Theaterkunst von 1921 lesen, dessen erster Satz, „Die Kunst ist kein Ziel für sich“, der Ausstellung ihren Titel gab.
Kunst als Helfer und Freund der Kämpfenden
An einer Wand mit vielen kleinen Schattenfiguren stellen Mirja Reuter und Florian Gass Elemente eines Stücks vor, das sie mit Kreuzberger Grundschüler:innen erarbeitet haben. Sie bauten die Bühne mit den Kindern, entwarfen die Figuren, eigneten sich den Stoff jenes Stücks, das Lãcis vor über 100 Jahren mit Straßenkindern spielte, in Improvisationen neu an.
Im Raum gegenüber findet sich eine Holzscheibe mit Diagrammen zur Privatisierung, Gentrifizierung, Wohneigentum. Zusammen mit einem konstruktivistischen Bühnenpodest, das während der Ausstellung unterschiedlich bespielt wird, stammen sie aus einer Protestoper des Kollektivs Lauratibor, die 2020 im Reichenberger Kiez zum Kampf gegen Maximilius Profitikus aufrief.
„In dieser Zeit der Kämpfe muss die Kunst Helfer und Freund der Kämpfenden sein“, schrieb Lãcis in ihrem Manifest. Das Kollektiv Chto Delat, das sich 2003 in St. Petersburg gründete und seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Exil lebt, schrieb Zeilen aus Brechts Gedicht „Lob der Dialektik“ auf Schilder: „Wer wagt zu sagen: Niemals“ ist etwa zu lesen. Auf Fotografien sieht man die Künstler:innen damit bei Umzügen in St. Petersburg (2006) und Berlin (2026).
Die aktivistische Kunstpraxis der Gegenwart findet so in Asja Lãcis eine Vorläuferin. Aber auch deren eigenes Leben wird von Künstler:innen bearbeitet. Lãcis' Begeisterung für die Sowjetmacht erlitt spätestens dann einen Bruch, als sie 1938 vom NKDW verhaftet wird und für zehn Jahre in ein Arbeitslager in Kasachstan kommt. Dort, wo einige ihrer Prozessakten dokumentiert sind, redet in einem Video die Künstlerin Luise Schröder mit der Philosophin Bini Adamczak über die Widersprüche der Revolution.
Unabhängigkeit und großes Selbstbewusstsein
Lãcis lebte eine erstaunliche Unabhängigkeit. Sie kam aus einer proletarischen Familie, ihre vielen Reisen, die sie zur Mittlerin zwischen Kunstszenen in Moskau, Riga und Berlin machten, setzen großes Selbstbewusstsein voraus. Sie hatte viele Liebhaber und Arbeitspartner; dass Walter Benjamin unter ihnen war, trug im Übrigen zu ihrer Wiederentdeckung in Deutschland bei. Ihre Tochter, die sie bei vielen Reisen mitnahm, warf der Künstlerin später vor, eine schlechte Mutter gewesen zu sein.
Das griff die Rigaer Autorin Inga Gaile in einem Theaterstück auf über die ökonomischen und sozialen Probleme, Kunst, Kinder und Unabhängigkeit unter einen Hut zu kriegen. Von den Noten der Internationalen begleitet, kann man dazu einige Zeilen lesen: „Die schlechte Mutter fährt ins Ausland, denkt überhaupt nicht an ihr Kind. (…) Die schlechte Mutter sieht nichts, hört nichts, nimmt sich stets das größte Stück“. Der Lauratibor Kiezchor wird Inga Gaile bei einer kollektiven Lesung des Stücks „Schlechte Mutter“ am 23. April begleiten. Wie überhaupt viele Aufführungen und Workshops der beteiligten Künstler:innen die Ausstellung auch zu einem Begegnungs- und Arbeitsraum machen.
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