„Ein Stück Land“ in Oldenburg: Kühe, Klagen, Klimawandel
Am Staatstheater Oldenburg präsentiert in „Ein Stück Land“ eine bäuerliche Familiengeschichte. Es geht aber auch um drängende, aktuelle Agrardebatten.
Foto: Stephan Walzl
Niedersachsen feiert sich gern als Agrarland Nummer eins in Deutschland. Laut Landwirtschaftsministerium in Hannover würde mehr als die Hälfte der Fläche zur Produktion von Lebensmitteln genutzt, 135.000 Menschen brächten in 35.500 Betrieben jährlich Waren im Wert von 18 Milliarden Euro auf den Markt.
Dass ihre Lebenssituation und die Bedingungen der Lebensmittelerzeugung auf den Bühnen des Landes eine Rolle spielen, kann aber nicht behauptet werden. Das ändert jetzt das Staatstheater Oldenburg: Joachim Gottfried Goller bringt „Ein Stück Land“ von Miriam V. Lesch zur Uraufführung.
Angedeutet ist ein Bauernhof und die Bühne ist als Erinnerungs- wie auch Debattenraum leergeräumt für die recherchierten Probleme der Branche sowie das Weiterdenken über nachhaltigen Umgang mit der Biosphäre. Das bindet Lesch in eine Familienerzählung ein.
„Ein Stück Land“, Staatstheater Oldenburg; nächste Aufführungen: 11.10., 14.10., 16.10.
Nebeldunkel und in düstere Kammermusik getaucht kommt die Vorgeschichte daher. Harte Arbeit, ein entbehrungsreiches Leben stellen eine Bäuerin (Caroline Nagel) und ihre Magd (Franziska Werner) leidvoll wortkarg und auch mal mit Tränen in den Augen dar. Dagegengesetzt sind Szenen aus dem Hier und Heute: Die Mutter des Bauers Mo (Gerrit Frers) ist gestorben, seine als Wissenschaftler ins urbane Leben und als Entwicklungshelferin in Krisenregionen abgewanderten Geschwister kommen vorbei, um den Nachlass zu ordnen.
Keine heile Bullerbü-Welt
Verbindende Relikte sind Omas Tage- und Mamas Kochbuch sowie im Geschwistergedächtnis herumgeisternde Bilder einer scheinbar heilen Bullerbü-Welt. Trotzdem blendet niemand die Realität industriell genutzter Agrarwüsten aus, diese Monokulturen auf totgespritzten Böden, die Massentierhaltung mit ihrer Freisetzung von Treibhausgasen und Gülle-Verklappungen, die Landflucht, Klimawandel, Ausbeutung der Erntehelfer und so weiter.
Aber für Mo ist der Hof sein Zuhause, seine Welt. Viehfutter und Kartoffeln baut er an, betreibt Milchwirtschaft und Biorinderzucht. Mit den Großhöfen kann er allerdings nicht mehr mithalten und er hat Schulden. Dazu trägt jemand Milch in einer Aldi-Tüte herein, ja, das Preisdumping der Discounter macht das Melken unrentabel. Zudem wird geklagt, dass Bürokratie Zeit und Bio-Auflagen viel Geld kosten und alles teurer werde.
Bruder Lou (Klaas Schramm) fordert einen Strukturwandel, etwa eine Ferien-auf-dem-Bauernhof-Idylle herzurichten oder das Land genossenschaftlich zu bewirtschaften: „Alte Getreidesorten sind voll im Trend, Obst zum Selberpflücken.“ Schwester Toni (Julia Friede) argumentiert aus ökologischer Perspektive für Renaturierung, sie würde den einst trockengelegten Boden wieder unter Wasser setzen: „Hier liegt eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung direkt unter unseren Füßen.“ Mo will aus Selbstwertgefühlen heraus kleinbäuerlich weiterarbeiten.
Lesch dekliniert durch, was gerade diskutiert wird, und mischt dabei wissenschaftliche Details, Gedanken, Erlebnisse, Träume, Sehnsüchte und Bauernweisheiten zu einer Sichtweisen-Collage, verfasst in einem schönen kühlen Tonfall, gewürzt mit leisem Humor.
In der Aufführung ist der Humor allerdings unterbetont, auch wenn Figuren mal Gemüsehüte tragen. Sie bleiben distanziert in ihrer Denkblase und einander fremd. Die Regie animiert die Thesenträger:innen zumeist nur zu dialogisiertem Aufsagetheater. Hinzu gesellt sich die tierische Generalabrechnung eines Schweins, einer Kuh und eines Huhns. Die drei monologisieren, wie sie vom mythischen Wesen zur kapitalistischen Fleischressource und zum Hochleistungsproduzenten entwürdigt wurden.
Menschen und Tiere gleichberechtigt
Das Huhn stellt sich vor: Ausgebrütet von einer Wärmelampe, mit fünf Monaten in den Legebetrieb, täglicher Futterverbrauch 110 Gramm, 300 Eier pro Jahr. Nach 14 Monaten ist Schluss, die Sonne hat es nie gesehen.
Das Beste am Stück: Alle Menschen und Tiere kommen in ihren Anklagen und Zukunftsentwürfen gleichberechtigt zu Wort. Klar ist am Ende daher, dass nichts klar ist. Nur dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann. Wie im Vorgängerstück „Wald“ wird noch ein sprachfantasievoller Ausflug gewagt, in dem die Natur das ihr enteignete Land zurückerobert, indem sie alles überwuchert. Es rieche nach Tod, wird zum Finale mehrdeutig behauptet.
Die Atmosphäre der Aufführung aber ist eine andere. Der Abend riecht nach nichts, weil er nicht lebt. Die ästhetisierten Szenen mit all dem Kunstschnee, Heuregen, feinen Illuminationen und den präzisen Verlautbarer:innen lassen einen kalt. Sie bieten mit den apart formulierten Einlassungen auf die Komplexität des einstigen, heutigen und möglicherweise zukünftigen Bauernalltags aber reichlich anregendes Zuhörfutter.
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