: Ein Kult der Härte
Der neue Linke-Chef Luigi Pantisano verheddert sich im F-Wort. Schlimmer allerdings ist die epidemische Ausbreitung faschistischer Gefühle
Von Robert Misik
Das verhetzte Individuum fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht. Der Horror der Geschichte lehrt uns, dass Menschen bei Verbrechen enthusiastisch mitmachen, die sie sich Jahre zuvor nicht vorstellen konnten. Dazwischen liegen stets Lehrjahre der Unmenschlichkeit. Wir erleben heute womöglich, wie die Vollstrecker von morgen erzogen werden. Die Erzieher zur Grausamkeit, sie sitzen in der AfD, aber nicht nur in dieser, sie hocken in den Aufganselungszusammenhängen der Social Media, sind in Algorithmen entsubjektiviert, trommeln in den agitatorischen Pseudomedien, die eine Atmosphäre der Erregung, der Angstpolitik und der Enthemmung schaffen.
Es ist, simpel gesagt, der Weidel-Höcke-Reichelt-Musk-Komplex, der heute die Henker von morgen formt. Es wird das paranoide Trugbild einer Pseudorealität geschaffen, in der das Land im Kriminalitätsmorast versinkt, von barbarischen Horden überrannt wird, den „Gruppenvergewaltigern“ und „Messermännern“ (wie die Phrasen alle heißen). Es sind massenpsychologische Dynamiken, und wer in den Tunnel dieser Wahnideen gesogen wird, wird nach und nach in eine Person ummontiert, die im Extremfall dann auch schlimmste Verbrechen akzeptiert und ihnen applaudiert. Der Groll wird geschürt, aber auch ein Anhängersubjekt geschaffen, das ins Ressentiment regelrecht verliebt ist. Rechtspopulismus ist für all das schon längst kein adäquates Wort mehr. Ob Faschismus das richtigere ist, darüber wird in den Feuilletons gepflegt gestritten.
Mit der Affäre um den neuen Linke-Vorsitzenden Luigi Pantisano ist die Debatte über Vokabeln wie „Faschisierung“ pfeilschnell bei der Farce gelandet. Zu dieser ist alles gesagt. Pantisanos Sätze waren taktisch blöde, strategisch blöde und faktisch unsinnig. Faktisch, weil eine konservative Partei, die autoritäre Maßnahmen setzt und auch verbal so manche Schlagseite pflegt, deswegen noch lange nicht selbst „faschistisch“ ist und noch nicht einmal „faschistische“ Politik macht. So viel Unterscheidungsvermögen sollte man schon haben.
Strategisch ist es irrwitzig blöde, weil in dieser Lage die moderaten Konservativen umworben werden müssen, nicht abgestoßen, denn die Geschichte lehrt auch, dass der Faschismus immer dann siegt, wenn der hergebrachte Konservatismus mit ihm eine Allianz eingeht. Taktisch ist es blöde, weil die Vorgehensweise darauf setzt, die Diskursmuster der extremen Rechten zu kopieren: provokativen Unsinn und skandalös radikales Zeug labern, um damit Aufmerksamkeit zu generieren. Björn Höcke, Herbert Kickl und Co agieren so, perfektioniert hatte dieses Muster der einstige FPÖ-Anführer Jörg Haider mit dem, was die Österreicher viel zu zärtlich seine „Sager“ nannten. Aber die Taktik, die bei der extremen Rechten funktioniert, funktioniert bei linken Wählersegmenten nicht. Auch, weil die nicht bereit sind, groben Unfug zu akzeptieren. Gewiss, Fehler machen alle, aber wer Parteichef ist, wird an anderen Maßstäben gemessen als ein schrulliger Hinterbänkler und sollte nicht bei der ersten Wortmeldung verunfallen.
Damit sind wir bei einer intellektuellen Schwundform einer Diskussion gelandet, die geführt werden muss: über die Vergiftung von Hirnen und Seelen und den Beitrag, den dazu ein Mainstreamkonservatismus leistet, wenn er Denkmotive eines Kults der Härte aufgreift, nachbetet oder sich sogar den Rechten andient, wie das beim Nius lesenden Narrensaum der Union geschieht. Auch wenn die Ausbreitung faschistischer Gefühle etwas Raumgreifendes hat, da tröpfchenweise einsickert, hier ganze Milieus übermannt, dort wie ein Sturzbach geschieht – die Union gleich als Ansammlung von Faschisten zu zeichnen, ist dann doch genau jene geistlose Unterscheidungsunfähigkeit, die am Ende alle Katzen grau macht.
Unrecht in Rechtsform
Was ist das, was wir gerade erleben? „Rechtspopulismus“ ist verharmlosend, wenn wir auf die USA Donald Trumps schauen, wo sich das Unrecht im Gefüge des Rechts ausbreitet, täglich die niedrigsten Gefühle angestachelt werden, Grausamkeiten nicht nur vollzogen werden, sondern öffentlich vollzogen werden, damit die eigene Anhängerschaft in Ekstase versetzt wird.
Aber auch bei uns: Verbitterungsgefühle werden in Gefühle sadistischen Lustgewinns und aggressive Impulse übersetzt, Angst- und Bedrohungsgefühle in die Superioritätsgefühle von weißer Überlegenheit gegenüber den Anderen. Was die Bereitschaft von Menschen erhöht, für die Agitation empfänglich zu sein, ist lange analysiert: Entfremdungsempfinden gegenüber „der Politik“, verständliche Unzufriedenheit mit der repräsentativen Demokratie, wie sie real existiert, gepaart mit Anlagen autoritärer Charaktere sowie einer Grundausstattung an rassistischen Reflexen.
Was weniger genau analysiert ist: was mit den Menschen passiert, wenn sie in den Sog der Agitation geraten, in einen Überbietungswettbewerb, einen fabrizierten Tunnelblick entwickeln. Die Verbreitung faschistischer Gefühle geschieht nach dem Muster der Infektion, wie bei Seuchen. Und noch weniger ist analysiert, wie die Radikalisierung der Anhänger auf die Anführer zurückwirkt. Die Anhängerschaft ist nicht einfach „verführt“, sondern Co-Produzent ihrer eigenen Selbstradikalisierung, und der oder die Anführer entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Zauberlehrlinge, die der Geister, die sie riefen, nicht mehr Herr werden. Die AfD hat nicht zufällig eine kleine Kompanie von Anführern verbraucht, die mit der rechtsextremen Gefühlspolitik spielten und dann selbst, als „zu moderat“, an den Rand gedrängt wurden. Man denke nur an Frauke Petry und andere.
„Ja, es ist Faschismus“, sagte Jason Stanley vor einigen Monaten, einer der führenden US-Faschismusforscher. Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger sprechen vom „demokratischen Faschismus“, weil diese Gefühlswelten „als faschistische Fantasie in der Demokratie“ existieren. Auch die USA sind kein faschistisches Regime im Vollausbau. Bei uns sind die Faschisten in der Opposition. Schlaumeier merken an, dass es keine Faschisten geben könne, wenn es kein faschistisches Regime gibt. Aber das ist natürlich Unfug: Faschisten sind auch Faschisten, bevor sie die Macht übernehmen. Sie operieren in der Demokratie, bis sie sie abschaffen können.
Neuerdings hat eine Debatte angehoben, ob der Gebrauch des Begriffs „Faschismus“ überhaupt empfehlenswert ist. Der Philologe Jan Philipp Reemtsma hat sehr öffentlichkeitswirksam die Frage gestellt, was eigentlich damit gewonnen sei, wenn man mit dem F-Wort operiere. „Ich muss das Phänomen untersuchen, nicht darüber reden, wie ich es benenne.“
Kitzel des Grauens
Der Begriff ist ja keineswegs neutral. Indem ich eine politische Strömung mit dem Attribut „faschistisch“ belege, vollführe ich nicht nur eine theoretische Operation, sondern auch eine politische. Ein Kitzel des Grauens, ein wenig Angstlust, schwingt bestimmt auch mit. Reemtsma hat damit sicherlich nicht ganz unrecht. Stephan Lessenich und Sven Reichardt haben in der Süddeutschen vor ein paar Tagen Reemtsma entgegengehalten, dass es nicht um die berühmte „Faschismuskeule“ gehe, sondern um die theoretisch akkurate Erfassung dieser Verrohung, Dehumanisierung und Gewalt sowie des gesellschaftlichen Zuspruchs, der eigentümlichen Zerstörungslust.
Was zeichnet Faschismus aus? Führerkult, paranoide Weltbilder, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde. Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Ein Kult der Härte, der die faschistische Rechte und Libertäre und Pseudoliberale einander anverwandelt. Maximale negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse zu verwandeln.
Der Forscher Robert O. Paxton hat den Faschismus als „emotionale Lava“ beschrieben. Zu seinen Ingredienzien zählen für ihn leidenschaftlicher Nationalismus, „eine verschwörerische und manichäische Sicht auf die Geschichte als Kampf“, und zwar zwischen dem „Reinen und dem Korrupten“. Die Anhänger empfänden, „dass die eigene Gruppe ein Opfer“ sei, und sähen sie in einem darwinistischen Kampf, weshalb Gewalt gerechtfertigt sei. Faschismus, das sei ein „Nebel von unterschwelligen Einstellungen“. Er brauche keine Theorie – weil er vielmehr von „mobilisierenden Leidenschaften“ lebe.
Faschismus ist so gesehen eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie sind ansteckend, und die Ansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt kreuz und quer. Wie bei Synapsenverschaltungen werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benutzt werden. Emotionen, Tonfall und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus. Der Faschismus ist demnach weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess. Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle zirkulieren wie ein Echo, das lauter zurückkehrt. Bis der Fanatiker als normal erscheint und der Normale am Ende als verdächtig.
Von Robert Misik erscheint in Kürze das Buch „Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus“ in der Edition Suhrkamp
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