Ein Jahr nach dem tödlichen Unfall: Endlich Vernunft auf der Kantstraße

… oder doch nicht? Berliner RadaktivistInnen loben die Pop-up-Radspur. Bei deren „Verstetigung“ hakt es aber zwischen Senat und Bezirk.

Weißes "Geisterfahrrad" am Savignyplatz

Der Unfall am 7. Februar 2020 löste Proteste und eine neue Debatte aus Foto: Hans Scherhaufer/imago

BERLIN taz | Am Sonntag ist es genau ein Jahr her: Damals raste ein BMW-Fahrer über die Charlottenburger Kantstraße in Richtung Westen, wich einem anderen Fahrzeug aus, kam ins Schlingern und überfuhr einen 64-jährigen Radfahrer auf der Busspur. Der Mann starb kurz darauf im Krankenhaus. Er war der vierte von insgesamt 15 Radfahrenden, die im vergangenen Jahr von einem Lkw, Pkw oder Bus tödlich verletzt wurden.

Rad-AktivistInnen hatten die Kantstraße schon lange als höchst problematisch identifiziert, aber der Unfall und die darauffolgenden Proteste beschleunigten das Behördenhandeln entscheidend: Seit Ende Juni verläuft auf voller Länge von Kantstraße und Neuer Kantstraße eine geschützte „Pop-up“-Fahrradspur. Ein gutes halbes Jahr später fällt die Bilanz der Radlobby hervorragend aus – wie schnell es mit der geplanten „Verstetigung“ klappt, ist aber weiterhin unklar. Derweil sind die temporären Markierungen zum Teil schon stark verblasst.

„Man fühlt sich wohl, sicher und geschützt“, sagt Aktivist Heinrich Strößenreuther, der im Frühjahr zu wöchentlichen Demos mobilisiert hatte. Die Kantstraße sei „in der Summe wesentlich ruhiger“, ja viel mehr zur Ausgehstraße geworden, was an der Beruhigung des Verkehrs liege: „Die Abgase sind zurückgegangen, und es kann keine illegalen Autorennen mehr geben, da ja nur noch eine Spur vorhanden ist.“

Tatsächlich bringt die Pop-up-Bikelane Ordnung in eine Straße, auf der es bislang ziemlich anarchisch zuging: Von zwei Kfz-Spuren wurde auf der rechten immer wieder illegal geparkt, was RadlerInnen zu gefährlichen Spurwechseln zwang.

Heinrich Strößenreuther, aktivist

„Es gibt unzählige Straßen, wo durch den Tausch Parkstreifen mit Radstreifen sofort für massiv mehr Sicherheit gesorgt werden kann.“

Schlugen im Sommer die Wellen noch hoch – die FDP sah das Ende des Einzelhandels besiegelt und SPD-Fraktionschef Raed Saleh behauptete, „Anwohner, Rad-, Bus- und Autofahrer“ lehnten die Lösung ab –, hat sich das neue Normal mittlerweile etabliert und dabei für deutlich mehr Radverkehr gesorgt. Das Aufkommen habe sich vervierfacht, schätzt Strößenreuther, außerdem seien viel mehr Frauen auf dem Rad unterwegs: „Von vorher vielleicht 5 bis 10 Prozent ist das gefühlt auf über 60 Prozent angewachsen.“

Verstetigt, also dauerhaft angelegt werden sollte die Radspur ohne größere Veränderungen, findet Strößenreuther. Nur im westlichen Abschnitt – ab der Wilmersdorfer Straße – seien Radelnde noch nicht vom Fließverkehr geschützt: „Das bedürfte einer langwierigeren Lösung.“ Dort wird nicht parallel, sondern senkrecht zur Fahrbahn auf dem Gehwegbereich geparkt, was zur Folge hat, dass Autos beim Parken oder Ausparken die Radspur kreuzen. Auf dem östlichen Abschnitt verläuft die Radspur dagegen jetzt geschützt zwischen Gehweg und Pkw-Parkspur.

Man ist „im Gespräch“

Bis Ende April hat die Senatsverkehrsverwaltung die vorläufige Anordnung der Radspur verlängert. Kommt dann sofort die dauerhafte Anordnung? Oder sinnvollerweise sogar schon früher? Im Hause der Verkehrssenatorin sieht man alles auf gutem Wege: „Wir sind im Gespräch mit dem Bezirk“, so der Sprecher von Regine Günther (Grüne). Die Umsetzung der verstetigten Spur liege in der Zuständigkeit des Bezirks, man erwarte aber von diesem „ausschließlich die Planungsleistungen, die nach Zuständigkeitsverteilung zu erwarten sind“.

Spricht man mit dem zuständigen – ebenfalls grünen – Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger, klingt das schon länger nicht ganz so reibungslos. Auch jetzt hake es massiv, weil die Feuerwehr Probleme bei den Zufahrtsmöglichkeiten moniere, so Schruoffeneger zur taz. „Wir haben die Senatsverwaltung gebeten, zu klären, wie damit umzugehen ist. Man hat uns zurückgemailt, wir sollten doch ermitteln, wie breit die Feuerwehrwagen sind. Das ist nun wirklich nicht unsere Zuständigkeit.“

Der Stadtrat bestätigt, dass Gesprächsrunden mit der Senatsverwaltung stattfinden, allerdings nicht auf regelmäßiger Basis. Auf die Frage, wie es jetzt weitergehen solle, antwortet er kurz und bündig: „Die müssen das Problem mit der Feuerwehr lösen – und dann anordnen.“

Was die verblassten Markierungen angeht, verweist das Bezirksamt auf die begrenzte Haltbarkeit von Materalien, die nicht für den dauerhaften Einsatz gedacht sind. Ausbesserungen stünden auch an, das feuchte und kalte Wetter sei dafür aber eigentlich ungeeignet. Möglicherweise werde man die Firmen aber bitten, die suboptimale Variante zu wählen, bei der der Asphalt mit einer Gasflamme für die Neumarkierung getrocknet werde.

„Jetzt nicht aufhören“

Radaktivist Strößenreuther mahnt derweil, nicht mit der Ausweisung neuer Radspuren aufzuhören, sondern „jetzt richtig Fahrt aufzunehmen“: „Es gibt unzählige Straßen, wo durch den Tausch Parkstreifen mit Radstreifen sofort für massiv mehr objektive wie subjektive Sicherheit gesorgt werden kann.“ Wichtig sei, dass Kreuzungen eigenes Augenmerk verdienten: „Auch ein guter Radweg macht eine schlechte Kreuzung nicht sicher.“

Trotz aller lobenden Worte kann sich der Rad-Mann einen beißenden Kommentar zur Kantstraße nicht verkneifen: „Leider scheint immer noch erst jemand sterben zu müssen, bevor Wallung in den Verwaltungen aufkommt.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de