Ehemaliges DDR-Prestige-Schwimmbad: Wissenschaftler:innen wollen SEZ-Abriss verhindern
Über 150 Expert:innen fordern die Rettung des Sport- und Erholungszentrums. Der Erhalt sei architektonisch und klimapolitisch geboten.
dpa/taz | Mehr als 150 Wissenschaftler fordern den Erhalt des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Berlin-Friedrichshain. In einem offenen Brief wendeten sich Wissenschaftler von mehr als 60 Universitäten und Institutionen in Europa an den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und den Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, Christian Gaebler (SPD).
Die Unterzeichner des Briefes aus den Bereichen Architektur, Denkmalpflege, Kulturerbeforschung und Immobilienökonomie betonten die „hohe baukulturelle, stadtgeschichtliche und architektonische Relevanz des SEZ“, wie es in einer Mitteilung der Technischen Universität (TU) Berlin hieß. Der Gebäudekomplex gelte als seltenes Zeugnis der DDR-Spätmoderne sowie der „High-Tech-Architektur“.
Die Wissenschaftler forderten das Land Berlin auf, den Abriss zu überdenken, notwendige Maßnahmen zur Sicherung einzuleiten sowie eine transparente und offene Diskussion über die Transformation des SEZ zu führen. Der offene Brief ist auf Samstag datiert.
Ein Abriss sei aus Sicht der Wissenschaft weder ökologisch noch ökonomisch vertretbar. Das SEZ speichere große Mengen an Material und Kohlenstoffdioxid. Diese Ressourcen müssten erhalten und transformiert werden. Trotz Vernachlässigung sei das Gebäude zudem in einem weitgehend intakten baulichen Zustand und biete großes Potenzial – etwa für neue Nutzungen wie für Wohnraum, Schule oder Sport.
Abriss ohne Genehmigung
Initiative „SEZ für Alle“
Am SEZ begannen vergangene Woche Vorbereitungen für einen Abriss. Bauarbeiter waren auf dem Gelände des früheren Vorzeige-Erlebnisbades der DDR an der Landsberger Allee mit einem Bagger im Einsatz.
Laut Medienberichten zerstörten Bauarbeiter dabei bereits Teile des Gebäudekomplexes. Die bezirkliche Bauaufsicht stoppte daraufhin am Freitagvormittag die Arbeiten, da noch keine Abrissgenehmigung vorliegt, berichtet der Rbb.
Anwohner:innen und SEZ-Unterstützer:innen reagierten empört auf die Abrissarbeiten. „Die WBM verharmlost ihr Vorgehen, indem sie von „vorbereitenden Maßnahmen“ spricht. Tatsächlich handelt es sich aber um massive Schädigungen, die offenbar rechtlich nicht gedeckt waren.“, sagt ein Sprecher der Initiative „SEZ für Alle“. Für Freitagnachmittag kündigten die Aktivist:innen eine Demonstration für den Erhalt des ehemaligen Erlebnisbades an.
SEZ zog Millionen Besucher an
Das SEZ war 1981 eröffnet worden. Ein Wellenbad, Saunen, eine Eisbahn, eine Bowlingbahn und Sporthallen zogen Millionen Besucher an. Es gab Sportveranstaltungen, Theateraufführungen, Konzerte und Partys. Nach dem Ende der DDR wurde der hochsubventionierte Betrieb dem Land Berlin zu teuer und nach und nach eingestellt.
Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) will auf dem rund 30.000 Quadratmeter großen Areal an der Ecke Landsberger Allee/Danziger Straße direkt am Volkspark Friedrichshain unter anderem gut 550 neue Wohnungen bauen.
Der bislang vom Senat präferierte Siegerentwurf sieht einen Komplettabriss vor. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bevorzugt allerdings einen Entwurf, der den Erhalt des Gebäudekomplexes vorsieht.
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