Dritter Roman von Anna Hope: Wie an der Kaffeetafel

Anna Hopes Roman erzählt von der Freundschaft dreier Frauen, die sich lieben und aneinander messen. Das tut ihnen nicht immer gut.

Der Roman ist wie eine Kaffeetafel von Freundinnen, die etwas zu lang gedauert hat. Foto: dpa

Kurz bevor ihre Mutter stirbt, erzählt Lissa ihr das erste Mal, dass sie sich als Kind der Mutter im Weg fühlte. Sie gehen da beide über die Weiden von Greenham Common, wo Sarah, Lissas Mutter, in den 1980er Jahren, als Lissa noch ein kleines Mädchen war, zu den Frauen gehörte, die den Raketenstützpunkt belagerten – ein Meilenstein in der Geschichte der Friedensbewegung und des Feminismus.

Sarah erschrickt, dass ihre Tochter Lissa die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die Sarah im politischen Kampf aber auch in ihrem Beruf als Malerin brauchte, als Ablehnung erfahren hat. Mutter und Tochter merken, was sie sich bisher alles nicht sagen konnten in einer sehr bewegenden Szene in Anna Hopes Roman „Was wir sind“. Erst spät finden sie zusammen.

Bis dahin aber lastet auf Lissa der Vorwurf Sarahs, die Chancen nicht genutzt zu haben, die ihnen die Müttergeneration erkämpft hat. Auch Lissa ist Künstlerin und Schauspielerin, die mit Ende dreißig mehr denn je an sich zweifelt. Die Tschechow-Inszenierung, in der sie endlich mit guten Kollegen auf der Bühne stand, ist abgespielt, der letzte Lover war leider der Ehemann ihrer besten Freundin, Hannah.

Lissa, Hannah und Cate sind die Protagonistinnen von Anna Hopes drittem Roman, „Was wir sind“, übersetzt von Eva Bonné. Anna Hope, 1974 in Manchester geboren, hat selbst Literatur und Schauspiel studiert. Ihr Roman setzt ein, als die drei jungen Frauen, etwa im Alter der Autorin, als gute Freundinnen Anfang der Nullerjahre in London leben, noch ein wenig in den Tag hinein. Die nächsten Kapitel blenden teilweise in die Kindheit zurück, als Freundschaft und Rivalität ihren Anfang nahmen.

Anna Hope: „Was wir sind“. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Carl Hanser Verlag, München 2020, 368 Seiten, 22 Euro

Am Intensivsten aber wird von der Zeit erzählt, als die Frauen Ende Dreißig sind und ihr Leben sich nicht nach ihren Erwartungen entwickelt hat. Cate fühlt sich als Mutter überfordert, von nicht ausgepackten Umzugskisten vorwurfsvoll umstellt, und von ihrem Mann einer übergriffigen Schwiegermutter ausgeliefert. Hannah, als einzige der drei beruflich erfolgreich, im Banker- und Charity-Milieu, verliert sich selbst und die Liebe ihres Mannes über ihren unerfüllten Kinderwunsch. Nicht schwanger zu werden, wächst sich für sie zur alles überschattenden Tragik aus.

Die drei Freundinnen lieben sich, aber messen sich auch aneinander, was ihnen meistens nicht gut tut. Die kurzen Erzählabschnitte, meist nah bei einer der Freundinnen, machen die Lektüre abwechslungsreich, aber irgendwann ist dieser Kosmos auch ein bisschen eng. Wie bei einer Kaffeetafel von Freundinnen, die etwas zu lang gedauert hat, bevor eine das Fenster aufmacht und sieht, da sind auch noch andere.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de