Drei Minuten in der Kältekammer: Bisschen frisch

Es ist heiß in Deutschland. Richtig heiß. Abkühlung gibt’s am See – oder in der Kältekammer. Unser Autor wurde dort auf -159 Grad runtergekühlt.

Ein Mann steht in einer grauen Box, oben kommt Dampf raus

„Wie lange noch?“ – „Zwei Minuten.“ – „ZWEI MINUTEN?“. Foto: André Wunstorf

Die Kammer erinnert an einen aufgerichteten Sarg, innen grau gepolstert, außen grau glänzend. Nix für Menschen mit Klaustrophobie. Ich stelle mich hinein, die Tür wird geschlossen, fahrstuhlesk werde ich ein paar Zentimeter nach oben gefahren.

„An der Seite kommt dann gleich die Kälte raus. Dreh dich ruhig, damit sie sich besser verteilt“, sagt die kompetent wirkende sportliche Chefin des Cryosizer Clubs B1 in Berlin. Drei Minuten soll ich jetzt also hier drin frieren. Dabei ist mir jetzt schon kalt, bevor irgendwo was rauskommt.

Dann strömt die Kälte, in Form von flüssigem Stickstoff. Es wird kalt. Sehr kalt.

Ich drehe mich, weißer Dampf steigt hoch, umhüllt meinen Kopf. Das gaukelt meinem Hirn vor, ich sei von Wärme umgeben. Dampf = Wärme. Hier ist Dampf aber Kälte. –70, –82, –119. Die rote LED-Anzeige springt in absurde Tiefen. –142, –151.

Etwa alle 15 Sekunden ein neuer Kälteschub. –126, –162.

Ich drehe mich und bibbere. Ist kalt duschen kälter? Ich erinnere mich nicht, hab ich nur einmal gemacht, als die Heizung ausgefallen war.

„Wie lange noch?“

„Zwei Minuten.“

„ZWEI MINUTEN?“, denke ich. Der Fotograf will, dass ich entspannt gucke.

Angeblich geht’s hier gar nicht so sehr um die Kälte, sondern ums Fett. Bis zu 700 Kalorien soll man mit einer Behandlung verbrennen, weil der Körper sich selbst vor dem Erfrieren schützt. „Kalorienburner to go“ steht draußen auf einem Schild. Die Kundschaft sitzt in den umliegenden Büros, soll in der Mittagspause mal kurz zum Abkühlen und Abnehmen vorbeischauen. Klappt ganz gut, sagt die Chefin. Eine Straße weiter gibt’s „Botox to go“.

Puff, neue Kälte von der Seite. Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut, fühle am Unterarm verhärtete, hügelige Haut, steche mich kurz an den aufgestellten Haaren an den Oberschenkeln und bin froh, dass meine Füße in dicken Pantoffeln stecken.

Puff. Drehen. Frieren. –142, –121, –92. Puff. –112, –125, –162.

„Wie lange noch?“

„Die Hälfte ist geschafft.“

„Die HÄLFTE?“, denke ich.

Aber wenn selbst Rheuma- und Schmerzpatienten in Krankenhäusern das durchstehen, schaffe ich das auch. Soll ihnen helfen. Selbst im Spitzensport werden die Kältekammern eingesetzt, für Regeneration und so. Cristiano Ronaldo ist der wohl prominenteste Kältekammerfan.

„Wie lange noch?“

„20 Sekunden. Geht’s noch?“

„Muss ja.“

Ich darf raus. Bin Gänsehaut. Alles weiß, hart, kalt. Ich gucke an mir runter. Kein ­Ronaldo-Body. Traurig.

Ich friere. Auch als ich wieder die Klamotten anhabe. Langsam stülpen sich die Gänsehauthügel ein. Erfrischt fühle ich mich, munter – und geschafft. Auf dem Rad schwitze ich wieder. Endlich.

Die Kältekammerbehandlung gibt’s ab 18 Euro. Unser Autor hat sich eingeladen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de