Draußen vorm Balkon: Birds don’t come easy to me

Bei der Stunde der Wintervögel sollen alle zu For­sche­r*in­nen werden und Vögel vor ihrer Haustür beobachten. Wir haben es ausprobiert.

Eine etwas struppige Straßentaube an einem Bordstein

Klappt doch mit der Vogelzählung, wenn man keine Steinschmätzer und Bartgeier erwartet Foto: Couleur/pixabay

BREMEN taz | Werde ich eine Heckenbraunelle vom Hausrotschwanz unterscheiden können? Einen Buchfink vom Bergfink? Etwas aufgeregt bin ich beim Schritt auf den Balkon: Heute bin ich Bürgerforscherin. Vom 6. bis zum 9. Januar sollen Freiwillige bei der „Stunde der Wintervögel“ für den Naturschutzbund (Nabu) Vögel vor ihrer Haustür zählen.

Ob die Vögel das wissen? Sie lassen sich jedenfalls nicht blicken. Der Innenhof, pardon, Hotelparkplatz hinter unserem Haus wirkt ohnehin nicht wie ein Vogelparadies. Aber schließlich weiß ich ja, dass sich hier im Kirschbaum sonst die Amseln versammeln und die Spatzen schwatzen. Heute aber steht der kahle Baum nur verwaist im Regen.

Zehn Minuten vergehen, ganz ohne Vögel! Ein Blick aufs Handy belehrt mich eines besseren: Ich sitze erst seit drei Minuten hier draußen. Die Zeit vergeht langsam, wenn es wenig zu sehen gibt und erstaunlich kalt ist. Im Sommer fliegen hier die Schwalben und schreien ihr langes Sriii! Die sind jetzt im Süden, schon klar.

Aber wo bitte sind zumindest die Tauben? Wie oft musste ich im letzten Jahr aufspringen, um die gurrenden Pärchen zu vertreiben, die direkt auf unserem Balkon ein Heim finden wollten? Jetzt sind sie nichtmal bei Nachbars zu sehen, wo sie sonst ein fröhliches Vogelleben führen und aufgepäppelt werden.

Bürgerforschung erzieht zu Bescheidenheit

Kurz denke ich darüber nach, aufzugeben oder mir eventuell etwas auszudenken, einen Steinschmätzer vielleicht, einen Eisvogel, einen Bartgeier! Aber ach, ich besinne mich aller je gesehenen Naturdokus, gedenke der Geduld aller Naturforscher – und harre tapfer aus.

Da endlich! Eine Möwe! Zwei! Vier! Auf der Liste mit den 35 häufigsten Gartenvögeln, die der Nabu als Identifikationshilfe herausgegeben hat, finde ich die Möwe nun nicht, aber ich habe mich vorab ja auf alle möglichen Exoten gut vorbereitet und zusätzlich die App heruntergeladen. Doch es beginnen neue Probleme. Sobald ich auf eins der Möwenfotos klicke, kommen mir Zweifel: Im Winter, zeigen mir die Bilder, müsste diese Art anders aussehen. Das ist nicht meine Möwe!

Nervosität setzt ein. Was, wenn ich Fehler mache? Forschung falsch, Fake News in der Welt, Bremen wird Möwenschutzgebiet? Die FAQ des Nabu rät mir, die Vögel wegzulassen, wenn ich sie nicht bestimmen kann. Frustrierend; was, wenn es meine einzigen Vögel bleiben und ich sie nicht angeben darf? Ich gehe noch einmal alle Möwen durch: So feine Schwingen im Flug, so schwarze Spitzen unter den Flügeln, wie diese vor meinem Balkon hat auf den Fotos nur die Sturmmöwe. Sie ist es! Nennt mich Ornithologin.

Auch Vögel mögen keinen Regen

Endlich hört auch der Regen auf. Zwei Straßentauben tauchen auf (Straßentauben, Columba livia forma domestica), auf der Birke bei Nachbars sitzen zwei Krähen (Rabenkrähen, Corvus Corone); und da, nicht allzu weit, wippt eine Amsel mit ihrem Bürzel (auch: Schwarzdrossel, Turdus merula). Die Möwen kreisen weiter, aber nie mehr als vier: vier also gilt, so ist die Regel bei der Nabu-Vogelzählung.

Ein Vogel fehlt. Ich höre sein heller werdendes T-ri-ri-ri-ri-ri immer wieder, aber zeigen tut er sich nicht. Die Tonerkennung der Nabu-App verweist mich erst auf den Grünfink, dann auf die Kohlmeise, dann auf – die Nebelkrähe? Euer Ernst? Na ja. Bürgerforschung hat halt Grenzen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de