Dostojewski im Schauspielhaus Hamburg: Immerzu wird Klavier gespielt

Um große Fragen von Sinn, Liebe und Glauben geht es in „Die Brüder Karamasow“. Oliver Frljić hat den Roman etwas geschwätzig in Hamburg inszeniert.

Nur die Gesichter zweier Männer sind in einem dunklen Raum spärlich beleuchtet zu erkennen.

Wie in einem Gemälde: Markus John und Daniel Regenberg in „Die Brüder Karamasow“ ​ Foto: Thomas Aurin

„Vatermörder“, brüllt Fjodor Karamasow seinen Sohn Dimitrij an. Da sitzen sie an einer langen Tafel. Mit dabei: der Bruder Aljoscha, ein paar Brötchen und zwei Kerzenleuchter. Der Rest des Raums ist leer und versinkt in tiefem Schwarz. Es sind noch keine zehn Minuten vergangen, da weiß man von dem Hass zwischen Vater und Sohn. Weiß, warum alle Familienmitglieder der Karamasows ein blutrotes Oberteil tragen und dass der alte Karamasow diesen Abend nicht überleben wird.

Und doch werden im Deutschen Schauspielhaus Hamburg noch etwa 200 zähe Minuten vergehen, bis dieser autoritäre, aufbrausende Sack, der vor allem sich und sein ausschweifendes Leben liebt, ermordet werden wird. Tatsächlich aber nicht von seinem Erstgeborenen Dimitrij, sondern von Smerdjakow, seinem unehelichen vierten Sohn. Doch das ist eine lange, eine sehr lange Geschichte. Und sie ist kompliziert.

Mehr als 1.000 Seiten umfasst der Roman, den Fjodor Dostojewski in den Jahren 1878 bis 1880 schrieb. Es ist sein letztes Werk und es erzählt neben jenem Mord von Liebe und Eifersucht, von den großen Lebenssinnfragen, diskutiert Schuld und Unschuld, den Glauben an Gott und den an den Menschen. Oliver Frljić hat es – in einer Fassung von Bastian Lomsché und Rita Thiele, die den Vatermord ans Ende stellt – in Hamburg auf die Bühne gebracht.

Es ist hier die erste Arbeit des kroatischen Regisseurs, dem der Ruf eines provozierenden, radikalen Theatermachers vorauseilt. Von Radikalität aber ist rein gar nichts zu sehen.

Untergang der Zwischentöne

Stattdessen wird dauernd und so sehr gebrüllt, dass sowohl sämtliche Inhalte als auch mögliche Zwischentöne der eigentlich philosophischen Diskurse zwischen den Brüdern Iwan (Carlo Ljubek), dem kritischen Intellektuellen, und Aljoscha (Paul Behren), dem im Kloster lebenden Novizen, völlig untergehen.

Gepflegte Streitkultur gibt es nicht in diesem Hause Karamasow. Und das Gebrülle wird noch lauter, wenn es um die Frauen der Geschichte geht, um die meist mehrere Männer kreisen. Der Gruschenka (Sandra Gerling spielt sie in einem halbtransparenten Kleid zwischen mädchenhaft, wild und wild entschlossen) sind Fjodor (Markus John) und Dimitrij (Christoph Jöde) gleichermaßen verfallen. Letzterer ist eigentlich mit Katerina Iwanowna verlobt, an die wiederum Iwan sein Herz verloren hat.

Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, bemüht sich Aljoscha zunächst, sorgsam die Liebesgeschichte von Katerina aufzudröseln, berührt nebenbei und zutiefst Gruschenkas Herz, um dann später auf die Heiratswünsche der im Rollstuhl sitzenden Lisa Chochlakowa (Eva Bühnen) einzugehen.

Der Versuch, alles zu erzählen

Man könnte meinen, Vieles davon sei inbrünstige Nebensache. Nicht für Oliver Frljić. Er erzählt das alles – und noch viel mehr. Oder versucht es zumindest. Statisch und geschwätzig zugleich. Statt einen klaren inhaltlichen Fokus zu setzen, muss in seiner Inszenierung reichlich (Text-)Strecke gemacht werden. Dazu wird mal ein schwarzer Gazevorhang eingesetzt, mal ein Plastikherz an der Angel, mal ein zehn Meter langer Bart. Immer wird Klavier gespielt, mal wird dämonisch gelacht oder um Rubel gebettelt und oft wird einfach nur verloren im Raum herumgestanden. Da werden „Füßchen“ (also Schuhe) geküsst, Liebesbriefe verlesen, Kindheitsgeschichten ausgepackt und Gräber geschaufelt.

Wenn mancher Zuschauer längst den Faden verloren hat, lässt Frljić das Bühnengeschehen, fast so, als wolle er ein nächstes Verwirrungslevel einbauen, im kerzenscheinschummrigen Dunkel eines Georges-de-La-Tour-Gemäldes verschwinden oder zwei Dutzend kahle Baumstämme vom Schnürboden hinab- und wieder hinaufschweben (Bühne: Igor Pauška). Später erscheinen an der Rückwand erschreckend große Projektionen von erschreckend gütigen Jesusdarstellungen im Wechsel mit erschreckend altmeisterlichen Darstellungen menschlicher Gräueltaten.

„Alles ist erlaubt!“

Je weiter der Abend voranschreitet, desto verzweifelter scheint der Live-Pianist (im Dauereinsatz: Daniel Regenberg) in die Tasten zu greifen. Gerade so, als müsse er sich vor seinem roten Trainingsanzug rechtfertigen und etwas Tempo in die Sache bringen.

Irgendwann, irgendwo hinter verschlossenen Türen geschieht dann der Vatermord. Der polyamore Patriarch ist tot. Dimitrij wird zur Strafe nach Sibirien geschickt. Mit einer Schlinge um den Hals macht Smerdjakow (Matti Krause) – zur Erinnerung: Er ist der Mörder! – Iwan noch ein schlechtes Gewissen und damit zum Mittäter. Dann hängt Smerdjakow sich auf.

„Alles ist erlaubt“, hatte Iwan ein paar Stunden zuvor propagiert und damit Smerdjakow jegliches Schuldgefühl genommen. „Alles ist erlaubt“, das gilt – meines Erachtens – auch für das Theater. Doch nicht alles ist Kunstglück, ist aufreibend, sinnhaft, relevant oder zumindest interessant. Diese „Brüder Karamasow“ sind es nicht.

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